Herr Tost, in Abu Dhabi fährt Sebastian Vettel sein letztes Rennen in der Formel 1. Sie kennen ihn ebenfalls sehr gut. Nicht nur, weil er in Monza 2008 für Ihr Team gewonnen hat, was gleichzeitig sein erster Sieg war. Wie denken Sie über ihn, über seinen Rücktritt?
Es ist ein Riesenverlust für die Formel 1. Er war einer der erfolgreichsten und besten Piloten aller Zeiten. Sebastian war nicht nur extrem talentiert und fleißig, er stach auch mit seiner Intelligenz heraus. Darüber gibt es keine zwei Meinungen: Solche Persönlichkeiten und Fahrer gibt es nur sehr selten. Aber irgendwann kommt für jeden der Zeitpunkt, dass man seine Werte ändert und sein Leben in eine andere Richtung lenken will. Ich kann ihn verstehen.
Kommt er wieder zurück?
Nein, dafür ist er zu clever. Denn irgendwann ist man zu alt. Dann läuft der Film im Hochleistungssport Formel 1 bei den hohen Geschwindigkeiten einfach für einen zu schnell ab.
Vettel bei einem seiner zahlreichen Formel BMW Siege.

Können Sie sich noch an die erste Begegnung mit ihm erinnern?
Das erste Mal begegnete ich ihm in Hockenheim – irgendwann 2003 oder 2004. Er hatte gerade eins von unzähligen Rennen in der Formel BMW gewonnen. Ich lud ihn in mein Büro an und wir haben uns unterhalten. Es war erfrischend, unterhaltsam. Sebastian stellte schon damals interessante Fragen. Besonders was die Technik betrifft. Er wusste schon damals, dass das reine Naturtalent nicht ausreicht, um extremen Erfolg zu haben. Er war detailverliebt und wollte sich in jedem Bereich verbessern und nahezu nach Perfektion streben. Kurz: Er war mir von Anfang an sehr sympathisch.
Haben Sie damals schon gemerkt, dass Ihnen da jemand ganz Besonderes gegenüber sitzt?
Was ich sofort gemerkt habe: Er ist von seinem Intellekt her und von seiner schnellen Auffassungsgabe anderen überlegen. Danach haben wir regelmäßig Kontakt gehabt, regelmäßig telefoniert.
Sie haben viel erlebt im Motorsport: wie hoch steht der Sieg in Monza Vettels 2008 in Ihrem persönlichen Karriereranking?
Er stellt ein absolutes Highlight dar. Es war nicht nur der erste Sieg von Sebastian, sondern auch der erste Sieg in Red-Bulls-Formel-1-Projekt! Es war einfach nur sensationell, wie Sebastian und das Team damals alles umgesetzt haben, um unter den schwierigen Umständen im Regen zu gewinnen.
Warum sind Sie nicht als Teamchef zusammen mit Sebastian aufs Podium gegangen, um die Pokale abzuholen?
Gerhard Berger, unser Teilhaber damals, stand genau 20 Jahre vorher als Sieger ebenfalls auf dem Podium in Monza. Er hatte das erste Rennen für Ferrari nach dem Tod von Enzo Ferrari gewonnen. Da schloss sich für mich an diesem Tag ein Kreis. Deshalb bat ich ihn hochzugehen. Es war eine sehr emotionale, persönliche Entscheidung von mir.
Red Bull Launch 2009 mit Sebastian Vettel und Mark Webber

War es schwer für Sie, Sebastian 2009 an Red Bulls Hauptteam abgeben zu müssen?
Das war Teil des Jobs. Mateschitz hat uns ganz klar gesagt: Ihr müsst junge Fahrer ausbilden, die dann zu Red Bull Racing gehen. Eigentlich war ich froh, weil wir Sebastian nicht mehr das Auto bieten konnten, dass seiner Leistung entsprochen hätte.
Wer waren die Besten von den unzähligen Piloten, mit denen Sie gearbeitet haben? Kann man Sebastian und Max Verstappen vergleichen?
Da gibt es Parallelen. Beide haben extremes Naturtalent, den extremen Speed. Was heißt das? Das heißt, wie spät kann ich bremsen, ohne zu schnell zu sein, ohne, dass die Räder blockieren. Wie schnell kann ich eine Kurve fahren? Da sind beide extrem am Maximum. Diese Fähigkeiten haben nur die absoluten Toppiloten. Beide sind auch extrem fokussiert, sind fähig, alles dem Erfolg unterzuordnen. Beide können auch extrem gut das Team motivieren, wissen, wie man mit Mechanikern umgeht. Ich nenne das eine hohe emotionale Intelligenz. Über Michael Schumacher muss man keine Worte verlieren. Aber auch sein Bruder Ralf hatte alle Fähigkeiten, mehrfacher Champion zu werden. Er war aber leider zu oft zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort, sprich Team. Im Prinzip habe ich in der Mehrzahl tolle Piloten gehabt, die alle ihre Berechtigung haben, in der Formel 1 zu sein. Dazu zähle ich auch einen Daniel Ricciardo, einen Carlos Sainz oder unsere aktuellen Piloten Pierre Gasly und Yuki Tsunoda. Fest steht für mich: Ausnahmepiloten können immer gewinnen. Ein Fangio wäre heute genauso Champion, wie es Michael, Sebastian, Lewis, Ayrton Senna oder Max gewesen wären. Im Moment ist für mich Max Verstappen das Maß aller Dinge.

Von

Ralf Bach
Bianca Garloff