Schlechte Frisuren, großer Ehrgeiz und lustige Parodien: Wegbegleiter blicken zum Abschied auf ihre ganz persönlichen Erlebnisse mit Sebastian Vettel zurück.
Gerhard Noack (Entdecker und Förderer bei Sky): "Seb ist mir erstmals 1995 aufgefallen. Da ist er als Bambini-Fahrer bei einem Go-Kart-Rennen in Kerpen mitgefahren. Es waren Mischbedingungen, die Strecke war nass und es hat angefangen noch mehr zu regnen: Seb war als einziger Pilot auf Slickreifen und hat sehr lange geführt, obwohl er gerutscht ist. Er ist so gut gefahren, dass ich gesagt habe: So einen Jungen muss man unterstützen. Letztendlich habe ich da in ihm sowohl Michael als auch Ralf (Schumacher; d. Red.) wiedergesehen, die ja auch beide in Kerpen (auf der Kartbahn von Vater Rolf; d. Red.) angefangen haben. Deshalb habe ich versucht, Sebastian zu helfen und Sponsoren aufzutreiben."
Helmut Marko (Motorsportchefberater Red Bull zu AUTO BILD MOTORSPORT): "Ich erinnere mich an einen jungen, selbstbewussten Burschen mit sehr viel Eisen im Mund. Dazu muss man wissen: Als er mit 17 Jahren 18 von 20 Rennen in der Formel BMW gewonnen hatte, trug er noch eine Zahnspange. Was mir imponiert hat: Statt sich über die 18 Siege zu freuen, haderte er mit den zwei Rennen, die er nicht gewann. Da dachte ich: Das ist einer für uns! Allerdings war unsere Beziehung anfangs gar nicht so leicht, denn der Vettel hat, wo immer er paar Mark herbekam, halt alles unterschrieben und das Geld genommen. Das haben wir dann aber sukzessive entwirrt, bis zum Schluss hin: Da gab es dann noch eine Kollision mit BMW, die auch eine Option hatten, aber Gott sei Dank hat man bei Sauber entschieden, dass Vettel nicht der richtige Mann ist.
2009 wurden wir mit Sebastian zum Siegerteam. Für den Titel waren wir aber noch nicht reif, sowohl Red Bull als auch er. Ich kann mich erinnern: Seb hatte immer noch auf den Titel gehofft und war dann in Brasilien total geknickt, saß irgendwo im Fahrerlager auf einem Reifenstapel und war kaum zu trösten. Das zeigt mit welcher Einstellung, welchem Ehrgeiz und unglaublichem Siegeswillen er diesen Sport betrieben hat."
Feierten vier WM-Titel: Sebastian Vettel und Helmut Marko

Franz Tost (Teamchef AlphaTauri zu AUTO BILD MOTORSPORT): "Das erste Mal begegnete ich Sebastian in Hockenheim – irgendwann 2003 oder 2004. Er hatte gerade eins von unzähligen Rennen in der Formel BMW gewonnen. Ich lud ihn in mein Büro an und wir haben uns unterhalten. Es war erfrischend, unterhaltsam. Sebastian stellte schon damals interessante Fragen. Besonders was die Technik betrifft. Er wusste schon damals, dass das reine Naturtalent nicht ausreicht, um extremen Erfolg zu haben. Er war detailverliebt und wollte sich in jedem Bereich verbessern und nahezu nach Perfektion streben. Kurz: Er war mir von Anfang an sehr sympathisch.
Was ich auch sofort gemerkt habe: Er ist von seinem Intellekt her und von seiner schnellen Auffassungsgabe anderen überlegen. Danach haben wir regelmäßig Kontakt gehabt, regelmäßig telefoniert. Der Erfolg in Monza 2008 stellt natürlich ein absolutes Highlight dar. Es war nicht nur der erste Sieg von Sebastian, sondern auch der erste Sieg in Red-Bulls-Formel-1-Projekt. Es war einfach nur sensationell, wie Sebastian und das Team damals alles umgesetzt haben, um unter den schwierigen Umständen im Regen zu gewinnen."
Christian Horner (Teamchef bei Red Bull zu AUTO BILD MOTORSPORT): "Wir hatten mit Sebastian mindestens vier fantastische Jahre. Es war eine ganz besondere Zeit, weil wir uns gegenseitig gepusht haben und so immer besser wurden. Leider hatte er in all der Zeit bei uns nie wirklich eine gute Frisur, dabei haben wir wirklich alles versucht: Abrasieren, Bleichen, nichts hat geholfen! Spaß beiseite: Er war ein sehr besonderer Teil unseres Teams. Der am wenigsten bekannte Fakt über ihn ist aber: Falls er jemals eine neue Karriere anstrebt, könnte er ein super Komiker werden. Er hat zum Beispiel ein großartige Jean-Todt-Parodie drauf. Mit Sebastian kann man immer sehr viel Spaß haben."
Der Mann am Funk bei Red Bull: Guillaume Rocquelin

Guillaume "Rocky" Rocquelin (Renningenieur bei Red Bull zu Sky): "Als wir uns das erste Mal trafen, dachte ich: Sebastian ist ganz nett. Aber ich wusste noch nicht, ob er etwas Besonderes ist. Im Qualifying zum China GP 2009 hatten wir dann ein Problem am Auto, konnten deshalb nur eine begrenzte Rundenzahl schaffen. Ich sagte ihm: "Du wirst es vielleicht gerade so in Q3 schaffen, aber dann fällt das Auto auseinander." Er sagte: "Das ist okay, ich habe also nur eine Runde." In der hat er das Auto dann auf die Pole gestellt..."
Peter Mücke (Teambesitzer in der Formel BMW bei Sky): "Sebastian war schon bei ein paar Tests, die wir auch betreut haben. Da war schnell zu sehen, dass der Junge auf jeden Fall was kann. Schließlich kamen wir zusammen und bei uns im Team war er schon unglaublich. Als Beispiel: Ein großer Teil der Fahrer kommt an die Strecke, ist gerade mal eine halbe Stunde vorher aufgestanden und will ein Qualifying fahren. So etwas gab es bei Sebastian nicht: Da hat frühmorgens kurz nach fünf Uhr der Wecker geklingelt, dann war er schon 40 Minuten joggen und wenn er an die Strecke kam, war sein Körper einfach wach und er voll da.
Entsprechend sind dann auch die Qualifyings gelaufen. Es war eine super Zeit, einige meiner grauen Haare hat Seb trotzdem zu verantworten, denn er ist bis zwei Minuten von Ende des Qualis immer auf Platz 17 oder 18 gestanden und irgendwo um die Strecke gecruist. Er hat aber genau gewusst, wie er seine Reifen vorbereiten muss, um dann ganz am Ende plötzlich auf Platz eins zu stehen. Diese Anspannung jedes Mal, ob er das noch schafft in der letzten Runde, da konnte er besser mit umgehen als ich."
Deutsches Trio: Glock mit Hülkenberg und Vettel 2010

Nico Hülkenberg (Fahrerkollege zu Sky): "Wir kennen uns schon seit Kindertagen. Über den Rennfahrer Seb braucht man nicht reden, die Karriere und Titel sprechen für sich. Aber den Menschen Seb zeichnet seine Menschlichkeit und die Empathie aus. Das war auch immer bei den Meetings der GPDA (Fahrervereinigung der Formel 1; d. Red.) zu sehen, da war Seb immer die treibende Kraft und oft auch der Kleber, der alles zusammenhält."
Timo Glock (Fahrerkollege zu Sky): "Wir haben uns in jungen Jahren oft auf der Rennstrecke gesehen, aber irgendwie immer auch etwas verpasst: Er fuhr Kart, da bin ich gerade rüber in die Formel BMW ADAC. Als er dann dort war, bin ich gerade in die Formel 3. Aber ich habe seinen Werdegang dann schon immer mitverfolgt, weil man ja auch gemerkt hat, dass wir aus der gleichen Ecke (in Hessen; d. Red.) kommen. So kam immer mehr Kontakt zustande. Dann haben wir uns öfter gesehen und über die Jahre und auch privat Zeit miteinander verbracht. Ich kann mich noch erinnern, wie wir uns mal zusammen den Klausen-Pass hochgequält haben mit dem Rad: Keiner wollte auch nur im Ansatz irgendeinen Schmerz zeigen, wir haben so getan als würde es uns beiden nix ausmachen. Aber eigentlich waren wir fix und fertig, als wir oben waren!"
Mike Krack war dieses Jahr Vettels letzter F1-Teamchef

Mike Krack (Aston Martin-Teamchef zu AUTO BILD MOTORSPORT): "Sebastian hat eine Arbeitsauffassung, die ich so intensiv noch bei keinem anderen Rennfahrer erlebt habe. Er war schon aber immer so, von Anfang an war er ein extrem harter Arbeiter. Er ist oft schon vor den Meetings da, um in Ruhe noch mal Daten einzusehen, um dann Vorschläge machen zu können. Aber er gibt nicht nur technische Tipps. Er beschäftigt sich mit allem und macht beispielsweise auch Vorschläge, wie man die Teamstruktur verbessern kann. Er macht das aber alles auf eine nette und konstruktive Art. Das kann wirklich nicht jeder. Viele Rennfahrer sind schnell frustriert und machen über die Medien unnötigen Druck. Das habe ich bei Sebastian noch nie erlebt. Dazu kommt: Er ist sehr selbstkritisch, gibt Fehler gleich zu. Welcher mehrfache Weltmeister kann das schon von sich behaupten?"

Von

Frederik Hackbarth
Bianca Garloff