Der Schutzengel schiebt am Sonntag in Silverstone Überstunden. Schon im Rahmenrennen der Formel 2 kommt es zu einem schlimmen Crash: Nachwuchspilot Dennis Hauger wird von einem Kerb ausgehebelt und torpediert das Auto von Roy Nissany auf Cockpithöhe. Nur der Halo-Bügel rettet dem Israeli das Leben.
Beim Start zum Formel-1-GP dann der nächste Mega-Knall: Nach einer Kollision zwischen Pierre Gasly, George Russell und Guanyu Zhou überschlägt sich der Chinese im Alfa Romeo mehrfach, rutscht mit hoher Geschwindigkeit auf dem nicht vorhandenen Dach durch die Auslaufzone und kracht gegen den Fangzaun. Nur das Gitter trennt den Alfa von der vollbesetzten Zuschauertribüne. Die Formel 1 schrammt haarscharf an einer Katastrophe vorbei.
Trotzdem beginnen bange Minuten, bis Zhou aus dem Wrack befreit ist. Nach ersten Checks im Streckenkrankenhaus gibt sein Team schließlich Entwarnung: Der Chinese ist beim Horror-Crash unverletzt geblieben.
Schlimmer Unfall am Start: Zhou schlittert auf dem Dach

Für Nico Hülkenberg, in Silverstone als TV-Experte im Einsatz, ist der glimpfliche Ausgang aber gar keine so große Überraschung: "Klar, in der Luft rumfliegen, noch dazu kopfüber, ist nicht cool. Aber er hat in dem Sinne keinen harten Aufprall gehabt", kommentiert der Deutsche, der in Abu Dhabi 2018 selbst kopfüber auf dem Reifenstapel landete.
Hintergrund: Überschläge sehen zwar spektakulär aus, die freigesetzte Energie kann sich aber über einen längeren Zeitpunkt abbauen als bei einem stumpfen Einschlag. "Da war zum Beispiel Max' (Verstappen; d. Red.) Abflug hier letztes Jahr härter: 51g, das tut dann richtig weh", erklärt Hülkenberg.
Crash-Pilot Zhou ist am Sonntag gegen Rennende auch schon wieder im Fahrerlager zu sehen und meldet sich am Abend via Twitter bei seinen Fans: "Ich bin okay. Das Halo hat mich heute gerettet."
Der Cockpitbügel wurde, vielen Widerständen zum Trotz, zur Saison 2018 in der Formel 1 eingeführt. "Viele Leute waren dagegen, aber ohne Halo hätte es heute anders ausgesehen. Deswegen können wir stolz auf die Arbeit sein, die wir in puncto Sicherheit in der Formel 1 getan haben", sagt F1-Boss Stefano Domenicali. TV-Bilder zeigen den Italiener nach der Zieldurchfahrt Arm in Arm mit Zhou, wie er sich nach dessen Wohlbefinden erkundigt.
F1-Boss Stefano Domenicali mit Crash-Pilot Guanyu Zhou

"Ich bin sehr erleichtert, dass es ihm gut geht. Diese Dinge erinnern uns aber daran, wie gefährlich das Rennfahren ist", sagt Domenicali. "Es war ein dramatischer Moment, der zeigt, dass wir uns nie auf das verlassen dürfen, was wir haben. Wir müssen mit der FIA zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass die Autos noch sicherer werden."
Ein weiterer Beweis dafür: Im Zuge des Zhou-Unfalls kommt es zu einem zweiten heftigen Crash. Sebastian Vettel rauscht Alex Albon ins Heck, weil der Williams-Pilot wegen der Startkarambolage stark abbremst. Albon ist nach seinem heftigen Einschlag in der Mauer zwar bei Bewusstsein, wird aber zu weiteren Untersuchungen mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus gebracht.
Auch in seinem Fall gibt es am Abend Entwarnung: Albon twittert ein Bild von sich im Krankenbett mit der Unterschrift: "Alles okay", und bedankt sich beim medizinischen Personal. Sein Williams-Rennstall gibt wenig später bekannt, dass der Brite keine Verletzungen hat und um 8.30 Uhr Ortszeit aus dem Coventry Hospital entlassen wurde.
Auch Alex Albon hat das Krankenhaus schon wieder verlassen

Vettel erklärt den Unfall aus seiner Sicht: "Mein Start war sehr gut, aber dann wurde ich rechts etwas eingeklemmt. Es war der typische Staueffekt, wie auf der Autobahn. Der hinten fährt dann auf. In dem Fall ich, weil ich Alex getroffen habe." Eine Chance, dem Williams auszuweichen, hat Vettel nicht. "Es geht ja sehr schnell, da hat man nicht groß Zeit zu überlegen. Es braucht nur einen kleinen Fehler oder dass jemand rüberzieht und sich eine Lücke schließt, dann knallt's."
Genau das passiert am Sonntag vor Kurve eins. Hauptauslöser für den Crash ist nach Meinung der Experten Mercedes-Pilot George Russell: "George zieht von seiner Linie nach links rüber, deswegen geht Gasly dahinter der Platz aus. Er trifft Russell und der dann wiederrum Zhou", analysiert Ex-F1-Pilot Karun Chandhok bei Sky.
Für den Inder ist klar: "George weiß, dass er am Start schlecht weggekommen ist, weil die Autos vor ihm wegsausen. Dann wird es kritisch, denn er schaut noch nach links in den Spiegel, unterschätzt aber komplett, dass Gasly mit so viel Speed kommt, und zieht trotzdem rüber. Drei in eins, das geht halt nicht gut."
Unglaublich: Als Marshalls verkleidete Protestler auf der Strecke

Kurios: Unter Umständen verhindert der Mega-Crash in Silverstone am Sonntag eine noch viel größere Katastrophe. Denn weil das Rennen direkt nach dem Unfall mit der roten Flagge unterbrochen wird, begeben sich die Autos in langsamer Fahrt zurück an die Box - und passieren auf ihrem Weg dorthin ein paar Umwelt-Protestler, die sich (teilweise als Streckenposten verkleidet!) unbefugt Zutritt zur Rennstrecke verschafft haben.
Bereits im Vorfeld waren derartige Aktionen beim Großbritannien GP angekündigt worden, trotz eines erhöhten Polizeiaufgebots und eindringlichen Warnungen, konnten sie nicht verhindert werden. Sieben Personen werden im Zusammenhang mit dem Vorfall festgenommen, wie die lokalen Sicherheitsbehörden nach dem Rennen mitteilen.
F1-Boss Domenicali hat auch dazu eine deutliche Meinung: "Völlig unverantwortlich! Die Leute können protestieren und mit ihren Stimmen etwas sagen, dafür gibt es Redefreiheit. Aber das Risiko einzugehen, auf die Strecke zu laufen und einen wirklich schweren Unfall für die Fahrer und sich selbst in Kauf zu nehmen, ist vollkommen dumm und nicht hinnehmbar."

Von

Frederik Hackbarth