Formel 1

Michael Schumacher: Stationen seiner Karriere

Formel 1: Todt über Schumi

Todt: „So tickte Michael wirklich“

Am 29. Dezember jährt sich der folgenschwere Ski-Unfall von Michael Schumacher zum fünften Mal. Im Interview spricht Wegbegleiter Jean Todt.
Sport Bild: Herr Todt, Sie halten für SPORT BILD Ihre schönste Erinnerung mit Schumi in Händen.
Jean Todt: Genau. Suzuka 2000. Das Foto von Michael und mir auf dem Podium. Das hängt bei mir zu Hause, aber auch in meinen Büros in Genf und Paris. Die Zeit mit Michael wird mir immer als die beste meines Lebens in Erinnerung bleiben. Wir lieben uns, weil wir gemeinsam eine unglaubliche Geschichte geschrieben haben. Und weil wir in schweren Zeiten immer zusammengehalten haben.
Warum ist dieses Bild so speziell für Sie?
Dieses Foto zeigt den Grund, warum ich von Ferrari angeheuert wurde. Und warum ich Michael geholt habe. Das war 1996, lange bevor wir gemeinsam den Titel geholt haben. Fast schafften wir es 1997, fast auch 1998. Als es 2000 in Suzuka endlich so weit war, sagte ich zu Michael auf dem Weg zum Podium: Unser professionelles Leben wird nie wieder sein wie zuvor. Wir haben die Erwartungen ­aller erfüllt. Nicht nur der Fans in Italien, sondern weltweit.
War der Druck so groß?

FIA-Boss Jean Todt im Interview mit Bianca Garloff

Natürlich. Jeder hat mich ständig gefragt: Wann wird es passieren? Wann holt ihr endlich wieder einen Titel? Sie müssen sich vorstellen: 21 Jahre lang war kein Ferrari-Fahrer mehr Weltmeister geworden. Ein paar Jahre später bekam ich dann die Frage: Wann verliert ihr endlich mal wieder (lacht)? Sie hatten alle die Nase voll von unserer Dominanz. Aber die Dinge haben sich eigentlich gar nicht geändert. Wir dachten, der Erfolg macht uns satt. Aber wir hatten so viel Leidenschaft für diesen Sport, dass der Hunger nach Erfolg nie nachgelassen hat.
Erinnern Sie sich noch an das erste Mal, als Sie Michael getroffen haben?
Natürlich. 1994 waren wir in Spa im selben Hotel und haben ein paar Worte gewechselt, mehr nicht. Ich war dann mit seinem Manager (Willi Weber; d. Red.) in Kontakt. Michael ­habe ich 1995 in Monte Carlo wiedergetroffen. Ende Juli. Alles begann in meinem Hotelzimmer im Hotel de Paris mit dem Ferrari-Anwalt Henry Peter. Michael kam mit Willi Weber. Wir wollten dann in einem anderen Zimmer verhandeln, aber das war schon ausgebucht. Also landeten wir in Michaels Wohnung in Fontvieille. Ralf war auch da. Gegen Mitternacht haben wir den Vertrag unterschrieben. Für mich war er der einzige Fahrer, der Ferrari wieder zum Weltmeister machen konnte.
Warum?

Jean Todt feiert mit Schumi bei Ferrari große Erfolge

Es war die Kombination aus großem Talent, absoluter Hingabe und Loyalität. Und er war die Referenz – auch für die Techniker und Ingenieure. Wenn es schlecht läuft, dann neigen die Italiener dazu, sich gegenseitig die Schuld zuzuweisen. Die Chassis-Bauer sagen, es liege am Motor. Die Motor-Ingenieure sagen, das Chassis sei zu schlecht. Oder wir haben nicht die richtigen Fahrer. Es gibt immer irgendeine Ausrede. Indem ich Michael verpflichtet habe, habe ich zumindest eines dieser Probleme gelöst. Niemand konnte mir sagen, er sei kein guter Fahrer, immerhin war er gerade zweimal Weltmeister geworden. Das war ein wichtiger Schritt. Michael sorgte bei Ferrari für ­eine Ausrede weniger und schaffte es so, auch die Teammitglieder zu motivieren. Er war mehr als ein Fahrer.
Was hat die Kombination aus Ihnen, Michael und Ross ­Brawn als Technischer Direktor so besonders gemacht?
Die schweren Zeiten bis zum ersten Titel – die Zeiten, als wir verloren haben. Denn es hat ja nicht gleich so funktioniert wie erwartet. Wir hatten ein paar technische Defekte zu viel, und der Druck war groß, mich zu feuern. Zu der Zeit hatte ich einen guten Kontakt zu Michael, wir haben uns respektiert, aber er war kein Freund. Ich war immerhin sein Boss. Als er auf meine Situation angesprochen wurde, sagte er allerdings: Wenn Jean gehen muss, gehe ich auch. Und tatsächlich hatte er im Vertrag eine Klausel, dass er frei sei, wenn ich Ferrari verlassen würde. Also hat er mir damit geholfen zu bleiben.

Michael Schumacher: Seine Familie

Umgekehrt haben Sie ihn aber auch beschützt.
Genau. In Jerez 1997 (Ramm­stoß gegen Jacques Villeneuve im WM-Finale; d. Red.). Da hatte er ganz klar die Kontrolle über sich verloren. Auch die Strafe war hart: Disqualifikation im Rennen und auch in der WM. Wir hatten also schon einige Kontroversen auszufechten. Und da war natürlich auch ein Michael Schumacher geschwächt. Trotzdem stand ich immer hinter ihm. Ich habe ­seine Emotionen und den Schmerz im Cockpit verstanden. So kam ich ihm immer ­näher. Aber es wurde ja nicht gleich besser. 1998 haben wir die WM wieder verloren, u. a. wegen des blöden Unfalls in Spa, wo wir ihn bremsen mussten, als er hoch emotional zu David Coulthard lief. 1999 brach er sich das Bein, ohne Ferrari dafür öffentlich die Schuld zu geben. All das hat Respekt und vor allem Freundschaft entstehen lassen. Viele Leute haben ihn oft als arrogant und hart bezeichnet. Dabei ist er einfach nur schüchtern.
Große Serie zu Schumachers 50. Geburtstag: Die Anfänge. Der Fahrstil. Das Idol.
Auch nach seinem tragischen Skiunfall waren Sie immer an seiner ­Seite.

Todt war auch nach Schumis Unfall ein treuer Freund

Ich weiß noch, wie sehr ich dagegen war, als er nach seinem Abschied von Ferrari mit dem Motorradfahren anfing. Ehrlich, ich war komplett dagegen. Aber Michael ist sehr ehrgeizig. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann zieht er das durch. Deshalb war ich sehr froh, als er mit Mercedes zurück in die Formel 1 gekommen ist. Erstens ist ein Formel-1-Auto heutzutage sehr sicher, zweitens wusste ich, dass Michael diese Biester kontrollieren kann – wovon ich beim Motorrad nicht überzeugt war. Dass das Schicksal ihn dann so unglücklich mit dem Kopf gegen einen Stein hat fallen lassen, ist für mich immer noch schwer zu verstehen.
Wie sieht Ihre Beziehung zur Familie Schumacher und zu Michael heute aus?
Sie ist enger als je zuvor. Mit Michael war ich schon vorher sehr nah. Ich kann nicht für ihn sprechen, aber ich würde sagen, ich weiß alles über ihn. Er hat sich vor seinem Unfall ja auch in meinem Institut für Gehirn- und Rü­cken­marksschäden engagiert. Er war wahrscheinlich der größte private Investor. Heute ist aber auch meine Beziehung zu Corinna und den Kindern enger geworden.
Besonders natürlich zu Mick, der in die Fußstapfen seines Vaters treten will.
Ich erinnere mich, dass Michael früher oft seinen Sohn mit nach Italien gebracht hat. Dann hat er meistens bei mir zu Hause geschlafen. Damals hatte ich einen Garten mit Hühnern, und Mick hat die gemeinsam mit meiner Frau Michelle immer gejagt. Heute ist er fast schon ein erwachsener Mann. Ich habe immer noch viel Kontakt zu Michael, sehe ihn regelmäßig. Den Großen Preis von Brasilien, nach dem ich den hohen Werbeanteil auf RTL kritisiert hatte, habe ich zum Beispiel bei Michael zu Hause in der Schweiz geschaut. Zur gesamten Familie besteht ein Band der Freundschaft und des Vertrauens.
Sein Sohn Mick fährt jetzt in der Formel 2, ist amtierender Formel-3-Europameister. Wie sehr freut Sie das?

Bild aus glücklicheren Tagen: Jean Todt mit Schumi

Es ist wichtig, dass Mick etwas tut, das er genießt, was ihn glücklich macht. Gleichzeitig ist es wichtig für ihn, erfolgreich zu sein, weil der Druck so groß ist. Die Leute erwarten verständlicherweise viel von ihm. Immerhin ist er der Sohn des Rekordweltmeisters. Deshalb hat es mich glücklich gemacht, dass er die Erwartungen in diesem Jahr erfüllen konnte. Jetzt ist er in der Formel 2, aber der Weg ist noch lang, und es ist wichtig, ihn darauf zu beschützen.
Schafft Mick es bis in die Formel 1?
Es gibt keinen Grund, warum Mick es nicht in die Formel 1 schaffen sollte. Wenn der Erfolg in der Formel 2 kommt, wird er Interesse kreieren. Allein deshalb, weil er durch seinen Namen sichtbarer ist als andere. Trotzdem schürt das auch Erwartungen, und es ist wichtig, die Balance zu halten.

Autor: Bianca Garloff

Fotos: Picture-Alliance / ABMS

Anzeige

Automarkt

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.