Formel 1: Vettel verl├Ąsst Ferrari

Wie Vettels Ferrari-Liebe endete

Formel-1-Reporter Ralf Bach beschreibt in seiner Kolumne, warum die Ehe zwischen Vettel und Ferrari geschieden werden musste
So was passiert eben. Schon zu Sandkastenzeiten glaubt man, seine Liebe f├╝rs Leben gefunden zu haben. Nur die war dann jahrelang so weit weg, so unerreichbar und unnahbar, dass man sie vern├╝nftigerweise so lange ins hinterste K├╝hlfach seiner Seele ablegte, bis sie in Vergessenheit geriet.
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Dann aber, viele Jahre sp├Ąter, mit vielen Kerben im Colt und zum Mann gewachsen, nahm die Kindheitsliebe pl├Âtzlich Kontakt auf. Und, ob man wollte oder nicht, die Liebe taute sofort wieder auf. Es hatte einfach Zoom gemacht, Herz und Hose triumphierten, das Hirn hatte keine Chance. Herz und Hose hatten keine Zweifel, dass man f├╝r ewig zusammengeh├Ârte und deshalb auch gleich vor den Altar treten m├╝sse. Das Hirn wurde gar nicht mehr zur entscheidenden Sitzung zugelassen. Das war im Schnelldurchlauf die Geschichte, warum Sebastian Vettel 2015 zu Ferrari kam.
Allein: Die Geschichte ging noch weiter. Am Anfang sah Vettel wirklich alles rosarot in seinen Flitterwochen mit seiner gro├čen Liebe aus Italien. Man kuschelte zusammen in der ├ľffentlichkeit, hielt H├Ąndchen und lie├č keine M├Âglichkeit aus, der Welt mitzuteilen, wie sehr man den anderen liebte.

Vettel f├Ąhrt 2020 seine letzte Saison im Ferrari

Dann aber, nicht im verflixten siebten Jahr der Ehe, sondern schon im f├╝nften, ├Ąnderte sich alles. Pl├Âtzlich kam ein J├╝ngerer um die Ecke, in die sich die angeblich gro├če Liebe verschoss. Was der Jungspund machte, war pl├Âtzlich alles richtig, was man selbst machte alles falsch. Schnell wurde klar: Die gro├če Liebe wurde zur Diva, vor der das Hirn am Anfang vergeblich gewarnt hatte, der Schmetterling war zur Raupe mutiert.
Jetzt wurde, Gott sei Dank, das Hirn wieder aus dem Exil geholt, und ersetzte wieder Herz und Hose als Ratgeber f├╝r Lebensfragen. Das Hirn entschied schnell: Nur eine Scheidung macht noch Sinn.
Das war im Schnelldurchlauf die Geschichte, warum sich Vettel am Dienstag von Ferrari wieder trennte. Wer jetzt denkt, dass der J├╝ngere, welcher der Ferrari-Diva den Kopf verdrehte, Charles Leclerc hei├čt, liegt richtig.
Es gab zwar keinen spezifischen Zeitpunkt, der Vettel das Scheitern der Ehe mit Ferrari bewusst machte, aber mit dem Auftauchen von Leclerc im Team fing das Desaster f├╝r den Deutschen an. Vettel formulierte das Scheitern in der offiziellen Pressemitteilung so: ÔÇ×Um die bestm├Âglichen Resultate in diesem Sport herauszuholen, ist es unabdingbar f├╝r alle Beteiligten, in perfekter Harmonie zusammenzuarbeiten. Das Team und ich haben realisiert, dass es nicht l├Ąnger den gemeinsamen Wunsch gibt, auch nach dieser Saison zusammenzubleiben."
Sp├Ątestens als Ferrari Ende 2019 "EverybodyÔÇśs Darling" Leclerc einen F├╝nfjahres-Vertrag angeboten hatte, den der auch gleich dankend annahm, war dem Heppenheimer klar, wer f├╝r die Diva aus Maranello die Zukunft war und wer die Vergangenheit und das Auslaufmodell. Die Erkenntnis war ern├╝chternd und bitter zugleich, aber f├╝r ihn gab es keinen anderen Ausweg mehr als: "Ich muss hier weg."
Um ihn zu verteidigen ÔÇô und was wenige wissen: Selbst sein gro├čes Vorbild Michael Schumacher wollte Ferrari 1998 in Richtung McLaren-Mercedes verlassen. Nur der damalige Mercedes-Konzernchef J├╝rgen Schrempp verhinderte den Deal noch in letzter Sekunde und sorgte daf├╝r unfreiwillig f├╝r die Geschichte, die Schumacher dann mit Ferrari schrieb.
Allein: Schon Mitte des Jahres sp├╝rte ich bei l├Ąngeren Gespr├Ąchen mit dem vierfachen Weltmeister, dass vielleicht die Liebe zur Diva noch nicht erloschen war, aber jegliches Vertrauen fehlte, dass sich die Zeiten wieder ├Ąndern k├Ânnten. Dazu war zu viel passiert. Zu viele Personalrochaden, zu viel Innenpolitik. Man muss sich vorstellen: Vettel f├╝hrte seine ersten Verhandlungen noch mit Ferrari-Teamchef Stefano Domenicali. Man mochte sich, man sch├Ątzte sich.

Bleibt die Frage, wie geht es jetzt weiter mit Vettel.

Der war dann aber weg, Ferrari hatte ihn in die W├╝ste geschickt. Jetzt musste der Deutsche mit einem Signore Mattiacci die letzten entscheidenden Verhandlungen f├╝hren. Ferrari hatte das ewig mit einer modischen Tasche und selbst im Regen mit Sonnenbrille auftretende Mitte-Vierziger-Modell aus seiner Filiale in New York ausgegraben, um das Formel-1-Team zu leiten. Bevor Vettel sich aber von dessen F├Ąhigkeiten ├╝berzeugen konnte, kam schon der N├Ąchste.
Diesmal lieh sich Ferrari die neue F├╝hrungskraft von seinem langj├Ąhrigen Sponsor Philip Morris aus. Dem b├Ąrbei├čigen Marlboro-Mann Maurizio Arrivabene blieb aber auch nicht lange genug Zeit, um zu beweisen, dass er nicht nur Zigaretten verkaufen konnte, sondern auch in der Lage war, ein Spitzenteam der Formel 1 zu f├╝hren. Denn zuvor kam sein Intimfeind, Technikchef Mattia Binotto, um die Ecke. Der Mann mit einem Harry-Potter-Flair hatte Arrivabene im internen Machtkampf einfach weggezaubert und f├╝r sein Arrivederci gesorgt.
Einem Zauberlehrling zu vertrauen, das war aber zu viel f├╝r den bodenst├Ąndigen Deutschen. Dazu kamen die Spekulationen um den illegalen Ferrari-Antrieb. Wer Vettel kennt, wei├č: Der Hesse ist kein Trickser. Deshalb glaube ich: Seine Entscheidung Ferrari zu verlassen, ist schon Mitte des letzten Jahres gefallen. Nur Herz und Hose wussten es noch nicht.
Bleibt die Frage, wie geht es jetzt weiter mit Vettel. Ich denke, er wei├č es selbst noch nicht. Er braucht erst mal eine gewisse Zeit, um zu entscheiden, ob er noch genug Feuer in sich versp├╝rt, um den Sport weiter zu betreiben, den er so geliebt hat, dem er jahrelang alles untergeordnet hat. Wenn das Feuer weiter lodert und Mercedes willens ist, k├Ânnte sein Weg zu Mercedes f├╝hren. In ein Siegerteam, das ihm endlich den so lange ersehnten f├╝nften WM-Titel bescheren soll. Sollte sich der Heppenheimer daf├╝r entscheiden, w├Ąre es diesmal aber ein Beschluss, den Hirn, Herz und Hose gemeinsam fassen.

Autor: Ralf Bach

Fotos: Hersteller

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Sebastian Vettel

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