Im Sport mit dem runden Leder nennt man es Taktik, wenn man sich hinten reinstellt und die anderen kommen lässt. Im Radsport und Langlauf sind es Stehversuche. In der Formel 1 ist es einfach nur unsportlich.
Die Formel 1 hat sich am Samstag im Qualifying von Monza selbst ausgebremst. Weil es im finalen Shootout, das die Fans so sehnsüchtig erwarten wie das Elfmeterschießen beim Fußball oder den Sprint auf den Champs Elysée, kein Kampf mehr war. Es ging nicht mehr um Sekundenbruchteile und den Titel des schnellsten Hochgeschwindigkeits-Gladiators im Tempo-Tempel von Monza.
Schlimmer noch: Sie machten das Qualifying der Formel 1 zum Hindernisrennen. Weil kein Fahrer dem Rivalen der Rennbahn den so wichtigen Windschatten gönnte. Bei Ferrari noch nicht einmal dem eigenen Teamkollegen!
Ferrari
Vettel war wenig begeistert von Teamkollege Leclerc
"Das war eine Schande für die Formel 1", zog Mercedes-Teamchef Toto Wolff das bittere Fazit. "Am Ende standen wir alle wie Idioten da." Nico Hülkenberg, der sich bei Tempo 20 verbremste, weil er "schlecht gefrühstückt hatte", ergänzt: "Wir haben es auf die Spitze getrieben. ALLE."
Alle? Nicht ganz. Es gab da noch einen Rennfahrer alter Schule. "Ich war derjenige, der mit den Händen fuchtelte und an den beiden vor mir unbedingt vorbei wollte", bringt sich Sebastian Vettel als echter Racer in Erinnerung.
Allein: Sein Teamkollege Charles Leclerc hatte kein Interesse daran, den Deutschen - wie teamintern abgesprochen - zur Poleposition zu ziehen. Nach Gesprächen mit allen Beteiligten und Abhören des Boxenfunks ist klar: Der Monegasse hat nicht nur jede Chance verstreichen lassen, vorneweg zu fahren und Vettel auf dessen schnellste Runde zu ziehen. Er hat seinen Teamkollegen vor der Parabolica sogar noch mal eingebremst.
"Er wollte da halt Abstand zu Sainz schaffen", grinst Vettel. Der Deutsche ist ein Künstler, wenn es um verbale Ironie geht. Abstand schaffen, wenn jede Zehntelsekunde zählt? Viel wahrscheinlicher: Leclerc hat genau gewusst, wie stark Vettels erste Runde ohne Windschatten schon war. Damit galt der Heppenheimer als klarer Favorit auf die Poleposition. Und für Leclerc als größter Rivale im eigenen Stall. Den er abgezockt hat verhungern lassen.
Das mag clever sein und die Härte, die einen kommenden Weltmeister auszeichnet. Sportlich fair ist es nicht.
Vettel nennt es "Einstellungssache". Er hat sich dieses Jahr mehr denn je als Teamplayer gezeigt, Leclerc sogar auf dessen Weg zum ersten Sieg in Spa den Weg frei gefahren. Offenbar hilft ihm diese positive Einstellung bei Ferrari nicht mehr weiter. Sportliche Fairness; im Tempo-Tempel von Monza wurde sie am Samstag weggebummelt.

Von

Bianca Garloff