Chinas Autobauer stehen international unter Beschuss. Der Grund: Millionen fabrikneuer Fahrzeuge werden als "gebraucht" deklariert – und landen auf Umwegen in Ländern wie Russland, Kasachstan oder Jordanien. Die Masche spart Zölle, Steuern und Regulierungsaufwand. Doch die Folgen sind gravierend – für den fairen Wettbewerb und das Vertrauen in den globalen Automarkt.

Neuwagen? Nur auf dem Papier gebraucht!

Es klingt absurd – ist aber Realität: Zahlreiche chinesische Hersteller exportieren brandneue Fahrzeuge unter dem Label "Gebrauchtwagen". Laut einer Reuters-Recherche sind viele dieser Autos komplett unbenutzt, mit null Kilometern auf dem Tacho, teilweise noch mit Schutzfolien auf den Sitzen. Trotzdem laufen sie in den Papieren als "Second-Hand-Ware".
Das bringt – natürlich – Geld. In vielen Zielländern sind Importzölle, technische Prüfungen und Steuerlasten für gebrauchte Fahrzeuge deutlich niedriger als für Neuwagen. Durch das Umdeklarieren umgehen die Hersteller teils strenge Vorschriften und verschaffen sich so einen enormen Wettbewerbsvorteil. In Russland etwa waren diese "Pseudo-Gebrauchten" zuletzt besonders beliebt – bis Moskau einzelne Marken kurzerhand vom Import ausschloss.

Peking kritisiert – und profitiert trotzdem

Brisant: Die chinesische Regierung verurteilt die Praxis offiziell – fördert sie aber gleichzeitig durch vereinfachte Exportlizenzen und Steuererstattungen. Laut Branchenkennern geht es dabei auch um politische Ziele: China will seinen Status als weltweit größter Autoexporteur (2024: 6,41 Millionen Fahrzeuge) unbedingt halten. Fast sechs Prozent dieser Exporte liefen unter dem "Gebraucht"-Label – oft Verbrenner, die auf dem heimischen Markt kaum noch Abnehmer finden.
Sogar aus den eigenen Reihen wächst der Widerstand. Der Autobauer Great Wall kritisierte das Umdeklarieren öffentlich – und bekam überraschend Rückendeckung von einer staatlichen Zeitung, die vor den Folgen für den überhitzten Heimatmarkt warnte. Kurz darauf lud das Handelsministerium mehrere Autobauer zum Krisengespräch.

Europa alarmiert, Definition unter Druck

Auch in Europa wird der Ruf nach schärferer Kontrolle lauter. Vor allem in Brüssel verfolgt man Chinas Exporttricks mit wachsender Sorge – nicht zuletzt, weil viele der als "gebraucht" deklarierten Fahrzeuge E-Autos sind, die durch EU-Zollschranken für Neuwagen deutlich teurer wären. Länder wie Jordanien denken bereits über eine neue, strengere Definition des Begriffs "Gebrauchtwagen" nach.
Fest steht: Was wie ein cleverer Trick aussieht, ist in Wahrheit ein massiver Etikettenschwindel mit globaler Wirkung. Der Fall zeigt: Zwischen Marktstrategie und politischer Machtausübung verläuft in Chinas Autobranche eine immer dünnere Linie.