Gebrauchtwagen-Check: frühe E-Autos
Was taugen die E-Pioniere heute?

Frühe E-Autos galten vielen als verrücktes Experiment. Heute sind die Pioniere der Elektromobilität 10 bis 15 Jahre alt. AUTO BILD zeigt, welche Stromer der ersten Welle überraschend gut gealtert sind und von welchem Vorreiter Käufer heute besser die Finger lassen sollten.
Bild: Christian Bittmann
Schon nach der Ölkrise der 1970er-Jahre experimentierten die Hersteller mit elektrischen Antrieben. Doch aufgrund der schweren Blei- und später Nickel-Cadmium-Batterien kamen diese Modelle kaum über den Status von Versuchsfahrzeugen hinaus.
Erst moderne Lithium-Ionen-Akkus brachten den Durchbruch. Als Tesla mit dem Roadster (2008) und dem Model S (2012) zeigte, welches Potenzial in der Technik steckt, gerieten die etablierten Hersteller unter Zugzwang. Wer nicht von einem Newcomer aus Kalifornien vorgeführt werden wollte, musste endlich abliefern und eigene E-Autos auf die Straße bringen.
So entstand Anfang der 2010er-Jahre die erste Generation moderner Großserien-Stromer. Nissan wollte mit dem Leaf das Elektroauto für jedermann bauen, BMW setzte beim i3 auf eine spektakuläre Carbon-Karosserie, Mercedes kaufte Antriebstechnik bei Tesla ein, Kia überraschte mit einem unterschätzten Geheimtipp, und Opel verblüffte mit Reichweiten, die manche Konkurrenten erst Jahre später erreichten.
Heute sind diese Pioniere 10 bis 15 Jahre alt. Und da kommen mehrere Fragen auf: Wie gut sind die Stromer der ersten Welle gealtert? Taugen sie als Gebrauchte? Welche Konzepte waren ihrer Zeit voraus? Welche wirken heute noch nicht veraltet? Und welcher einstige Hoffnungsträger zeigt, wie rasant sich die Elektromobilität entwickelt hat?
AUTO BILD hat fünf wichtige Vertreter der ersten E-Auto-Generation noch einmal unter die Lupe genommen. Zeit für ein Wiedersehen mit den Pionieren.
Nissan Leaf I: der Pionier
- Bauzeitraum: 2011–2017
- Leistung: 109 PS
- Reichweite: rund 120 km
- Preise: ab 5500 Euro
Der Leaf war das erste Elektroauto, das in großen Stückzahlen verkauft wurde. Als Nissan den Stromer Ende 2010 auf den Markt brachte, waren Reichweiten um 150 Kilometer und rund 80 PS absolut konkurrenzfähig. AUTO BILD lobte damals den ruhigen Antrieb, den guten Platz im Innenraum und die einfache Bedienung.

Der Leaf fährt angenehm, die oft geschrumpfte Reichweite macht ihn heute jedoch vor allem zum Stadtauto.
Bild: Christian Bittmann
Für den täglichen Weg zur Arbeit oder den Stadtverkehr reichte das völlig aus. Genau darin liegt auch heute noch seine Stärke. Wer kurze bis mittlere Strecken fährt und zu Hause laden kann, kommt mit einem Leaf auch 15 Jahre nach seinem Debüt noch zurecht. Für längere Fahrten wurde das Auto allerdings schon als Neuwagen nicht entwickelt.

Das helle Cockpit sorgt für ein angenehmes Raumgefühl, die Bedienung erfordert etwas Eingewöhnung.
Bild: Uli Sonntag
Schwachstellen: Der wichtigste Punkt ist die Batterie. Anders als viele spätere E-Autos besitzt der Leaf keine aktive Akku-Kühlung. Kapazitätsverlust ist beim Leaf keine Ausnahme, eher die Regel.
Gebrauchte Werte um 60 Prozent SoH sind keine Seltenheit. Vor dem Kauf also unbedingt Akku prüfen! Hinzu kommt der inzwischen selten gewordene CHAdeMO-Schnellladeanschluss, der unterwegs zum klaren Nachteil wird.
Opel Ampera-e: der Reichweiten-König
- Bauzeitraum: 2017–2020
- Leistung: 204 PS
- Reichweite: rund 350 km
- Preise: ab 17.000 Euro
Während viele frühe Elektroautos vor allem für die Stadt oder kurze Pendelstrecken gedacht waren, spielte der Ampera-e in einer anderen Liga. Seine 60-kWh-Batterie ermöglichte bereits 2017 Reichweiten, die viele Konkurrenten erst Jahre später ermöglichten. Im AUTO BILD-Test überzeugte der Opel nicht nur mit seinem kräftigen Antrieb, sondern vor allem mit seiner Alltagstauglichkeit.

Mit hoher Reichweite und Leistung stach der Ampera-e heraus. Hohe Nachfrage, komplizierte Zeiten für Opel.
Bild: Toni Bader / AUTO BILD
Auch heute wirkt das Konzept überraschend modern. Das Platzangebot fällt ordentlich aus, viele Fahrzeuge verfügen über eine umfangreiche Ausstattung mit Leder, Lenkradheizung oder sogar beheizbaren Rücksitzen. Leider hatte der neue Opel-Besitzer Stellantis wenig Interesse, das GM-Modell (basiert auf dem Chevy Bolt) zu vermarkten.

Das Cockpit wirkt inzwischen etwas betagt, die Bedienung gelingt jedoch ohne lange Eingewöhnung.
Bild: Toni Bader / AUTO BILD
Schwachstellen: Entsprechend gering ist die Auswahl am Gebrauchtwagenmarkt. Die wenigen Gebrauchtangebote sind überraschend teuer. Ersatzteile sind teils schwerer zu beschaffen.
Außerdem lädt der Ampera-e an Schnellladern langsamer als moderne Stromer. Für regelmäßige Langstrecken eignet sich der Ampera-e daher trotz großem Akku nicht.
BMW i3: der Visionär
- Bauzeitraum: 2013–2022
- Leistung: 170/184 PS
- Reichweite: rund 90/220 km
- Preise: ab 11.000 Euro
Kein anderes Auto dieser Geschichte wirkt auch heute noch so futuristisch wie der BMW i3. Die Münchner spendierten ihrem Elektro-Pionier eine Karosserie aus Carbon, eine Aluminiumstruktur, gegenläufig öffnende Türen und einen Innenraum, der eher an ein Konzeptfahrzeug als an einen Großserien-BMW erinnerte. Entsprechend hoch war der Preis, entsprechend groß aber auch die Aufmerksamkeit.

Der BMW i3 setzte auf Leichtbau und futuristische Formen, lange bevor Elektroautos zum Mainstream wurden.
Bild: Toni Bader / AUTO BILD
Im Alltag überzeugte der i3 von Anfang an mit seinem niedrigen Gewicht, der direkten Lenkung und einer Agilität, die man von einem Elektroauto damals nicht erwartete. Vor allem in der Stadt spielt er seine Stärken bis heute aus. Dank späterer Akku-Versionen (94 Ah und 120 Ah) sind auch vernünftige Reichweiten möglich.

Bild: Werk
Schwachstellen: Die Batterie gilt insgesamt als robust, trotzdem sollte vor dem Kauf unbedingt ihr Gesundheitszustand geprüft werden. Danach richtet sich der Blick vor allem auf die Karosserie. Der i3 besteht zu großen Teilen aus Carbon und Aluminium. Das spart Gewicht und schützt vor Rost, macht Unfallschäden aber potenziell teuer. Deshalb lohnt sich ein genauer Blick auf die Fahrzeughistorie und auf Reparaturen nach Remplern oder Unfällen.
Wer sich für einen i3 mit Range Extender entscheidet, sollte außerdem bedenken, dass er sich zusätzlich einen Zweizylinder-Benziner an Bord holt. Der kleine Notstromer beseitigt zwar Reichweitenängste, erhöht aber die technische Komplexität gegenüber einem reinen Elektroauto.
Bei frühen Fahrzeugen ist außerdem die Reichweite das Thema. Die ersten 60-Ah-Versionen waren schon als Neuwagen keine Langstreckenautos. Heute eignen sie sich meist nur noch für den Stadtverkehr oder kurze Pendeldistanzen. Deutlich begehrter sind deshalb die späteren 94- und vor allem 120-Ah-Modelle.
Kia Soul EV: der Unterschätzte
- Bauzeitraum: 2014–2019
- Leistung: 110 PS
- Reichweite: rund 160 km
- Preise: ab 8000 Euro
Als Kia 2014 den Soul EV vorstellte, wirkte er wie ein Exot unter den frühen Elektroautos. Während BMW beim i3 mit Carbon und Zukunftsdesign auffiel und Nissan den Massenmarkt erobern wollte, setzte Kia auf ein schlichtes Rezept: viel Platz, hohe Sitzposition und unkomplizierte Bedienung.

Bild: Kolja Ensthaler
Und tatsächlich bietet der Soul dank seiner kastigen Karosserie erstaunlich viel Raum auf vergleichsweise kleiner Grundfläche. Schon im Fahrbericht lobte AUTO BILD das entspannte Fahrgefühl, den flotten E-Antrieb und den ordentlichen Federungskomfort. Als Zweit- oder Stadtauto kann der Elektro-Kia auch heute noch herhalten. Einer seiner Vorteile gegenüber anderen frühen Stromern: keine Experimente mit komplizierter Technik, Bauweise oder Bedienung. Dadurch wirkt er heute zwar unspektakulär, aber auch unkompliziert und zeitlos.
Schwachstellen: Die Antriebstechnik gilt als haltbar, doch Alter und Einsatz hinterlassen Spuren. Der Soul war kein Vorzeige-Stromer, sondern einfach die E-Variante eines Mini-Vans, der harte Familieneinsätze und stressige Alltagssituationen überstehen musste. Wie bei allen frühen Stromern muss der Zustand der Batterie geprüft werden. Ebenfalls wichtig: Viele Fahrzeuge sind inzwischen mehr als zehn Jahre alt, haben oft ein Leben als Pendler- oder Stadtwagen hinter sich.

Bild: Kolja Ensthaler
Besitzer berichten außerdem über defekte 12-Volt-Batterien, Probleme mit der Klimaanlage und teilweise auch von Ausfällen der Ladeelektronik. Der kantige Kia fühlt sich bei Tempo 120 noch wohl, wirkt darüber aber deutlich weniger souverän als moderne Elektroautos.
Zudem sind Reichweite und Ladeleistung aus heutiger Sicht klar begrenzt. Für den Kurzstreckenalltag mag das ausreichen, spontane Langstrecken sind nicht seine Sache. Hinzu kommt die dünne Ersatzteil- und Erfahrungsbasis. Um Leaf und i3 bildeten sich Fangemeinden und technisches Wissen, der Soul EV blieb ein Außenseiter. Das macht die Suche nach Informationen oder speziellen Komponenten komplizierter.
Mercedes B 250 Electric Drive: der Tesla-Mercedes
- Bauzeitraum: 2014–2017
- Leistung: 180 PS
- Reichweite: rund 140 km
- Preise: ab 10.000 Euro
Während BMW mit dem futuristischen i3 Schlagzeilen machte und Nissan den Massenmarkt erobern wollte, wählte Mercedes einen anderen Weg. Die Schwaben nahmen ihre brave B-Klasse und kombinierten sie mit Antriebskomponenten von Tesla. Das Ergebnis war ein Elektroauto völlig ohne Zukunftsdesign und Öko-Image. Von außen sah der B 250 Electric Drive aus wie eine ganz normale Familienkutsche.

Bild: Werk
Genau das macht ihn heute interessant. Der Mercedes bietet eine hohe Sitzposition, viel Platz und fährt deutlich erwachsener als viele andere frühe Stromer. Wer ein Elektroauto ohne Experimentiercharakter sucht, findet hier ein erstaunlich modernes Gesamtpaket. Der Antrieb wirkt auch heute noch kräftig, die Verarbeitung entspricht dem damaligen Mercedes-Niveau.
Schwachstellen: Der größte Nachteil ist die Seltenheit. Der B 250 Electric Drive wurde nur in kleinen Stückzahlen verkauft und ist auf dem Gebrauchtwagenmarkt entsprechend selten. Das macht die Suche nach guten Exemplaren schwierig.

Bild: Werk
Vor dem Kauf sollte unbedingt geprüft werden, ob Rückrufe und Software-Aktionen erledigt wurden. Außerdem lohnt ein Blick auf die Ladehardware und die vollständige Wartungshistorie. Spezifische Komponenten des Elektroantriebs stammen aus der Kooperation mit Tesla und sind deutlich weniger verbreitet als klassische Mercedes-Technik. Hinzu kommt das hohe Gewicht.
Der B 250 Electric Drive fährt komfortabel, wirkt aber weniger handlich und effizient als beispielsweise ein BMW i3. Auch die Reichweite war bereits als Neuwagen eher solide als spektakulär und reicht heute vor allem für den Stadtverkehr und überschaubare Pendelstrecken.
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