Gebrauchtwagen: Chevrolet Corvette C6
US-Car mit 6,2-Liter-V8: So viel Power kann ein Gebrauchter haben

Bild: Lena Willgalis / AUTO BILD
Corvette, man muss es leben, man muss es wollen. Wer sich nicht mit dem amerikanischen Lifestyle zumindest ein bisschen identifizieren kann, der wird die Faszination über den US-V8 nie verstehen. Logisch ist das alles auch nicht: Ein Zweiventiler mit Stoßstangen- Technik sollte nicht so fahren wie der LS3 in dieser späten C6. So klingen, ja, aber nicht so fahren … Die Geschichte hinter dieser Gebrauchtwagen-Kaufberatung? Schnell erzählt. Ich liebe Amis, und ich bin ewig nicht mehr C6 gefahren.
Also begab ich mich auf die Suche nach einer unverbastelten C6 in meiner Umgebung. Gar nicht so einfach, wenn es ein Coupé mit Handschalter sein soll. Warum? Automatik finde ich schlicht langweilig, und Cabrio braucht kein Mensch, schließlich lässt sich auch beim Coupé das Dachteil herausnehmen und im Kofferraum verstauen. Subjektive Meinung, zugegeben, aber bei emotionalen Themen darf das schon mal sein. Kein Wunder also, dass in den einschlägigen Gebrauchtwagenbörsen die Cabrios tendenziell ein paar Tausender günstiger angeboten werden. Nennen Sie mir ein anderes Auto, bei dem das auch so ist.

Stoßstangen-Sauger alter Schule. Sollte eigentlich viel träger fahren, tut er aber nicht. Wie sie es machen? Ein Mysterium.
Bild: Lena Willgalis / AUTO BILD
Der nächste C6-Handschalter steht knapp zwei Stunden von meiner mittelfränkischen Heimat entfernt im Örtchen Chamerau. Egal, fragen wir mal an. Zum Glück ist Händler Hielscher offen für derartige Sperenzchen und lädt uns direkt auf eine Probefahrt ein. Was uns dann aber in der südöstlichen Oberpfalz erwartet, verschlägt uns die Sprache. Im Untergeschoss hat der US-Car-Spezialist neben einem Dutzend Camaro, Challenger und C8-Vetten einen 675er McLaren stehen, diverse AMG GT, Cayman GT4 und als Highlight einen Senna. Ja, Senna wie in Ayrton. Mit Vollcarbonkarosserie – für anderthalb Millionen. Senna-Gebrauchtwagen-Kaufberatung gefällig? Ich hätte da eine Idee …
Corvette C6 aus dem Jahr 2010
Aber wir schweifen ab, zurück zum eigentlichen Thema: Corvette C6. Ganz hinten in der Halle steht sie, in unscheinbarem Weiß, offensichtlich im Serientrimm. Zumindest so lange, bis Verkäufer Thomas Lehrer den 6,2-Liter anwirft. „Das klingt erstaunlich böse“, höre ich mich denken. Und ja, die Abgasanlage ist nachgerüstet. Aber eingetragen und hundertprozentig ihren (Auf)Preis wert. Um Gottes Willen, klingt dieses Auto abartig gut! Hätte ich 43.000 Euro Spielgeld herumliegen, ich käme ins Grübeln.

Innenraum zum Grübeln: Plastikwüste aus der Hölle. Wer sich damit abfindet, erlebt echten Handschalter-Hochgenuss.
Bild: Lena Willgalis / AUTO BILD
So was muss man sich eigentlich jetzt wegstellen. Beziehungsweise nicht wegstellen um des Wegstellens, sondern um des Fahrens Willen. 42.900 Euro will der Händler für dieses 93.500 Kilometer gelaufene Exemplar haben. Los gehen die Preise für Coupés unter 30.000 Euro. Doch dann sind die meisten entweder verbastelt oder haben deutlich sechsstellige Laufleistungen – im Zweifel beides. Von einem vertrauenswürdigen Händler, als Schalter und in diesem Zustand ist der aufgerufene Tarif nicht überteuert. Zumal sich dieses späte Exemplar von 2010 wirklich hervorragend fährt. Fahrwerk, Lenkung und Schaltung zeigen sich taufrisch, der Fahrersitz ist ein bisschen angegrabbelt, aber nichts Wildes. Im Innenraum natürlich Leder mit Carbontrimm, die Sitze sind eher auf der bequemen Seite verortet.

Kurze Überhänge und kompaktere Dimensionen zeichneten die C6 im Vergleich zum Vorgänger aus.
Bild: Lena Willgalis / AUTO BILD
Erste Amtshandlung: raus mit dem Dach. Nicht weil ich sonst mit meinen 1,96 Metern keinen Platz hätte. Nein, schlicht weil die Fotografin so bessere Cockpit-Bilder schießen kann. Und ja, die 33 Grad an diesem Montag im Juli verleiten auch zum Offen-Fahren. Zum Glück haben wir mit dem Coupé beide Optionen. Scheint die Sonne, lassen wir sie uns ins Gesicht brutzeln, falls nicht, erfreuen wir uns an 634 Liter Kofferraum. Ihre Alltagstauglichkeit bei gleichzeitiger Supersportlichkeit war schon immer der größte Trumpf der Corvette. In 4,4 Sekunden stürmt sie auf Tempo 100, 306 km/h Topspeed sind drin. Fahrwerksseitig ist es jedes Mal wieder erstaunlich, wie die C6 mit ihrer Doppelblattfeder-Konstruktion gegen moderne (Doppel-)Querlenker- oder Mehrlenker-Achskonstruktionen der europäischen Konkurrenz aufgeigen kann. Nur auf langen Wellen merkt man die Nachteile. Aber: Beim nächsten Teillast-Spratzeln ist alles vergessen.
Grundsätzlich problemlos und vergleichsweise günstig
Technisch gilt die C6 als grundsolide; ist sie doch stark mit der Vorgängerin C5 verwandt. Rund 30 Prozent der Teile waren zum Modellwechsel identisch. Ab 2006 gab es die deutlich fortschrittlichere Sechsstufenautomatik, ab 2008 dann den LS3 mit 6,2 Litern und 436 PS. Während mit der C5 die Plattform modernisiert wurde, bekam die C6 deutlich mehr Technik – die dementsprechend auch das Potenzial birgt, über die Jahre kaputtzugehen. Die Softclose-Heckklappe oder die elektronischen Türöffner sind Kandidaten. Auch das Transaxle-Layout kann im Reparaturfall teuer werden. Eine ausgewogene Gewichtsverteilung wurde mit mehr Wartungsaufwand erkauft.

Fahrerauto: Viel Platz ist nicht für Großgewachsene, aber doch genug.
Bild: Lena Willgalis / AUTO BILD
Die C6-Angebote starten bei rund 25.000 Euro, mit Glück gerät man für unter 30.000 Euro an ein geliebtes Exemplar von privat. Wer sicher sein will, sucht ein unverbasteltes Auto vom seriösen Händler.
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