Gebrauchtwagentest
Die Brüder des Golf IV

Die Idee ist genial: eine Motoren- und Fahrgestell-Familie als Grundlage, darauf aufgebaut Autos mit völlig unterschiedlichen Charakteren. Dumm nur, dass sich bei dieser Strategie auch die Fehler auf alle Modellreihen auswirken.
Mitte der Neunziger begann der VW-Konzern mit dem größten Hütchen-Spiel der Automobilgeschichte: Auf Bodengruppe, Antrieb und Fahrwerk einer neuen Kompaktwagen-Generation entstanden nacheinander acht völlig unterschiedliche Fahrzeuge. Nicht eingerechnet: die Variant-Version von Golf und Bora sowie der Skoda Roomster, der zumindest hinter den Vordersitzen auf der sogenannten Golf-IV-Plattform basiert. Wobei die nach der Reihenfolge des Erscheinens eigentlich Skoda-Octavia-Plattform heißen müsste. Denn der populäre Tscheche wurde bereits im August 1996 vorgestellt. Der Audi A3 folgte im September, der Golf erst ein Jahr später, 1999 kamen dann die beiden Seat. Aber weil die Entwicklung überwiegend in Wolfsburg erfolgte und der Golf nun mal das wichtigste Auto für den ganzen Konzern ist, darf Piëchs Technik-Baukasten den Namen des Marktführers tragen.
Ziel der ganzen Aktion: Kosten sparen im großen Stil – weil viele Gleichteile in höheren Stückzahlen und daher billiger hergestellt werden können. Warum sollte ein A3 einen anderen Fensterhebermotor haben als ein Golf? Dumm, wenn ausgerechnet dieses Bauteil dem Kunden die Nachteile der Gleichteile-Strategie vorführt. Denn die Fensterheber gehen permanent kaputt, und betroffen sind stets alle Modelle. Entweder bricht ein Kunststoffteil, und die Scheibe plumpst in die Tür, oder es gibt Probleme im Bereich der Schalter und der Steuerung. Speziell bei frühen, dreitürigen A3 waren die Fensterheber oft zu schwach: Sie schafften es nicht, die schweren Scheiben hochzufahren. Weshalb sie im Baujahr 2000 kräftigere Motoren bekamen.
Die TDI-Maschinen sind immer für Überraschungen gut
Unter der vorderen Haube waren einige Motoren wohl zu kräftig für das Fünfganggetriebe. Bis ins Baujahr 2001 ziehen sich Beanstandungen über sporadische Schäden und häufig unbefriedigende Schaltbarkeit. Vielleicht hat VW deshalb die Betätigung Ende 2000 von Gestänge- auf Seilzugschaltung umgestellt. Und den ab Mai 1999 eingeführten Pumpe-Düse-TDI auch gleich ein auf die höheren Kräfte ausgelegtes Sechsganggetriebe spendiert. Weil auch die Kupplung verstärkt wurde, verstummte das Klagen über die Kraftübertragung. Nicht aber über die Motoren an sich. Vor allem die TDI-Maschinen in ihren unterschiedlichen Bauarten waren immer für Überraschungen gut.
Auf Platz eins ihrer Störungs-Hitliste: der Zahnriemen. Das Teil muss bei den Dieseln nicht nur die Nockenwelle antreiben, sondern auch die Einspritzanlage. Bei den früheren Modellen mit 66 und 81 kW (90 und 110 PS) die Verteilereinspritzpumpe, bei den späteren Pumpe-Düse-Motoren die vier einzelnen Pumpenelemente. Das macht der Riemen recht zuverlässig – wenn er genug Wartung bekommt. Also bei jedem großen Kundendienst auf ganzer Länge geprüft und spätestens nach 90.000 Kilometern erneuert wird. Und zwar mit Spann- und Umlenkrollen, die sonst irgendwann festgehen und dann den Riemen in null Komma nichts durchscheuern. Bei einigen Motoren gilt sogar ein 60.000-Kilometer-Intervall – im Zweifel also immer die Werkstatt fragen. Die kann über Motor-Kennbuchstaben und Baujahr den momentanen Stand der Wechselintervalle herausfinden.
Schnell außer Puste: der Luftmassenmesser

Gelegentlich kommt es vor, dass ein Lader einfach platzt. Was nach unserer Erfahrung zu einem sehr hohen Prozentsatz an Spielereien mit Chiptuning liegt. Denn eine ernsthafte Leistungssteigerung lässt sich beim TDI nur über eine Anhebung des Ladedrucks erreichen, und dafür muss die Drehzahl des Turboladers über den gesunden Bereich hinaus erhöht werden – also lieber Finger weg! Was aber Gebrauchtwagen -Kunden kaum nützt, wenn das Fahrzeug vorher getunt war. Denn wenn der Chip entfernt und der Fehlerspeicher gelöscht ist, lässt sich früheres Tuning kaum nachweisen.
Auch der Golf IV und seine Ableger rosten – trotz Vollverzinkung!
Käufer von Benzinmodellen brauchen so was kaum zu fürchten. Aber auch die Ottomotoren haben ihre Probleme: Bereits legendär ist die Geschichte mit den einfrierenden 1,4-Litern. Immerhin rüsten alle Konzernmarken eine Beheizung der Kurbelgehäuse-Entlüftung auf Kulanz nach. In den Baujahren 2001 bis 2003 fielen außerdem die Zündspulen aus – zeitweilig so oft, dass es Lieferprobleme gab. Manche Händler mussten Spulen aus ihren Vorführwagen ausbauen.

So ist das eben beim Hütchen-Spiel – wer nicht aufpasst, hat das Nachsehen. Dann verteilt sich ein Fehler nicht nur auf ein Modell, sondern in diesem Fall auf acht. So was spricht sich herum. Und wirft kleine Schatten auf Piëchs patente Plattform.
Die Nachteile der Gleichteile
Das Gleichteile-Prinzip ist eine tolle Sache: Der Autohersteller kauft in viel größeren Stückzahlen ein und bestückt mehrere Modellreihen damit. Den Preisvorteil kann er an seine Kunden weitergeben. Oder auch nicht. Was der Kunde auf jeden Fall mitbekommt, sind Probleme mit den Gleichteilen in seinem Auto. Denn dann sind jeweils viel mehr Fahrzeuge betroffen als vor Einführung der Plattform-Strategie, als noch jedes Auto für sich konstruiert wurde. Und damit auch viel mehr Kunden, die nun sauer werden. Vor allem, wenn der Autohersteller sich dann unwissend gibt und einen Rückruf verweigert. Wie VW im Fall der elektrischen Fensterheber, deren Defekte offenkundig auf einem Konstruktionsfehler beruhen.
Statt die fehlerhaften Teile nun aber vorsorglich auszutauschen, warten die Entscheider in Wolfsburg lieber ab und hoffen, dass die Kunden ihre Fensterheber nicht zu oft benutzen. Erst wenn wirklich einer kaputtgeht, bekommt der Kunde auf Nachfrage beim Vertragshändler und gegen Zuzahlung (30 bis 50 Prozent, je nach Alter des Fahrzeugs) einen neuen.
Die AUTO BILD-Bewertung

Audi A3: Geheimtipp kleiner Benziner
Hubraum 1595 cm³ • Leistung 74 kW/100 PS • Drehmoment 145 Nm bei 3800/min • Vmax 188 km/h • ab 4000 Euro bei Laufleistungen um 80.000 Kilometer

Bild: Holger Schaper
Tipp Der grundsolide 1,6-Liter wird deutlich preiswerter angeboten als die TDI und ist wesentlich laufruhiger. Für die Ersparnis lässt sich eine Weile tanken.
Audi TT: Offen für Fahrspaß
Hubraum 1781 cm³ • Leistung 132 kW/180 PS • Drehmoment 235 Nm bei 1950/min • Vmax 228 km/h • ab 10.000 Euro bei Laufleistungen um 100.000 Kilometer

Bild: Stephanie Bock
Tipp Der frontgetriebene TT genügt völlig, der Verzicht auf den quattro-Antrieb spart Gewicht, und der schwächere Motor läuft viel harmonischer als die 225-PS-Version.
Seat Leon: Der jugendliche Sportler
Hubraum 1896 vm³ • Leistung 81 kW/110 PS • Drehmoment 235 Nm bei 1900/min • Vmax 193 km/h • ab 6000 Euro bei Laufleistungen um 80.000 Kilometer

Bild: Stephanie Bock
Die sportliche Ausrichtung kam auch bei der Kundschaft gut an, was umgekehrt jedoch dazu geführt hat, dass heute kaum serienmäßige Fahrzeuge auf dem Markt vorhanden sind. Tieferlegungen, Sportauspuffanlagen und extrabreite Räder sind beim Leon eher die Regel als die Ausnahme, häufig mit umgebördelten Radlaufkanten. Dort heißt es, auf Rost zu achten, weil solche Modifikationen nur selten fachmännisch durchgeführt werden. Logisch, dass die Diesel auch häufig Opfer von Chiptuning sind – hier gilt es, die Vorgeschichte genau zu prüfen. Spezifische Mängel sind kaum bekannt, nur die Zündanlass-Schalter machen im Baujahr 1999 viel Ärger.
Tipp Der TDI hat mächtig Kraft, passt optimal zum agilen Leon. Wer mehr anlegen möchte, kann auch den 2,8-Liter-V6 mit Allradantrieb nehmen.
Seat Toledo: Eil-Praktiker für kleines Geld
Hubraum 2324 cm³ • Leistung 110 kW/150 PS • Drehmoment 205 Nm bei 3200/min • Vmax 216 km/h • ab 6000 Euro bei Laufleistungen um 100.000 Kilometer

Bild: Stephanie Bock
Die Schwächen teilt er sich mit den übrigen Geschwistern der Golf-Plattform, allerdings notiert der TÜV häufiger ausgeschlagene Achsgummis. Überdurchschnittlich oft gibt es Probleme mit der Auspuffanlage, was auf das Konto der sportiven Kundschaft gehen dürfte, die gern mit nicht zugelassenen Töpfen experimentiert. In die gleiche Rubrik gehören Probleme mit den Scheinwerfern und Blinkleuchten. Wenn der TÜV schon den Rotstift zückt, meint er oft auch hintere Bremse und Bremsschläuche.
Tipp Alle Welt will TDI fahren, das hält die Preise hoch. Warum nicht lieber den sonor grollenden V5 wählen? Der Unterhalt ist günstig, bis auf teure Vollkasko.
Skoda Octavia: Solides Schnäppchen
Hubraum 1595 cm³ • Leistung 74 kW/101 PS • Drehmoment 145 Nm bei 3800/min • Vmax 187 km/h • ab 4500 Euro bei Laufleistungen um 100.000 Kilometer

Bild: H.-J. Mau
Tipp Auch beim Octavia schielt alles auf den TDI, das macht die billigeren Benziner attraktiv. Wenn Geld eine Rolle spielt, genügt der 1,6-Liter. Sonst: 1.8 Turbo.
VW New Beetle: Rund und zuverlässig
Hubraum 1984 cm³ • Leistung 85 kW/115 PS • Drehmoment 170 Nm bei 2400/min • Vmax 185 km/h • ab 4500 Euro bei Laufleistungen um 80.000 Kilometer

Bild: Holger Schaper
Tipp Der Zweiliter ist preiswerter und munterer als der beliebte TDI, aber auch etwas durstiger. Die stärkeren Versionen spielen kaum eine Rolle auf dem Markt.
VW Bora: Als Stufenheck ein Schnäppchen
Hubraum 1984 cm³ • Leistung 85 kW/115 PS • Drehmoment 170 Nm bei 2400/min • Vmax 195 km/h • ab 4000 Euro bei Laufleistungen um 100.000 Kilometer

Tipp Der Zweiliter passt optimal zum Bora, dazu die plüschige Comfortline-Ausstattung. Aber auch der V5 ist eine gute, wenn auch deutlich durstigere Wahl.
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