Eigentlich ändert sich nur die Zahl der Räder – vier statt zwei. „Aber das ist eine andere Welt – das Bremsen geht anders, die Linien sind anders, das Beschleunigen ist anders“, erklärt Valentino Rossi (43). In der Motorrad-WM hat er in 432 Rennen 115 Siege und neun Titel geholt. Und sich zur Legende gemacht. 2022 ist er wieder ein Rookie – in der GT World Challenge, einer Rennserie mit GT3-Autos, die am 3./4. September auch nach Hockenheim kommt.
Rossi fährt für das erfolgsverwöhnte WRT-Team (26 Titel) einen Audi R8 LMS GT3 Evo 2, ausgerüstet mit einem 5,2-Liter-V10-Sauger. Am Wochenende startet die Langstreckenmeisterschaft in Imola. 56 Autos sind gemeldet. Viele Fahrer sind seit Jahren Größen im GT-Sport. Rossis Ambitionen aber sind hoch: „Ich will schon um Podestplätze kämpfen.“
Die Erwartungen sind groß – von ihm selbst, aber auch von seinem Teamchef Vincent Vosse. Der sagt nach den Tests: „Valentino hat ein natürliches Gespür für das Griplevel auf der Strecke. Ich war beeindruckt, aber wir wissen ja, dass er ein Naturtalent ist.“ Rossi selbst sieht es ähnlich: „Natürlich haben wir noch Raum für Verbesserungen. Aber das Gefühl ist gut.“
Valentino Rossi
Motorradlegende Valentino Rossi steigt 2022 von zwei auf vier Räder um.

Dass Rossi Talent im Auto hat, ist schon Michael Schumacher aufgefallen. Mehrmals testete der Italiener von 2006 bis 2010 für Ferrari einen Formel-1-Rennwagen, war dabei rund eine Sekunde langsamer als der siebenmalige Champion. „Er hat enormes Talent, wäre ohne Zweifel in der Lage, in die Formel 1 umzusteigen und schnell konkurrenzfähig zu sein“, hat Schumacher damals gesagt.
Doch Rossi wollte seinem Motorradsport so lange treu bleiben, bis er der Zweirad-Sitzbank entwachsen ist. Das ist jetzt mit 43 Jahren der Fall. Rossi hat nun Rennsportklassiker im Fokus: Ende Juli ist er bei den 24 Stunden von Spa dabei, für die Zukunft zieht es ihn nach Le Mans.
Viele Motorradstars haben es Rossi vorgemacht und sind aufs Auto umgestiegen. Am erfolgreichsten: John Surtees, der auf dem Bike und im Formel-1-Rennwagen Weltmeister war.
Rossi kann jetzt von den Besten in der GT3-Szene lernen. Seine Teamkollegen sind mit Frédéric Vervisch (35) und Nico Müller (30) GT3-Größen. Müller war 2019 und 2020 DTM-Vizemeister, Vervisch gewann 2019 mit einem Audi GT3 die 24-Stunden-Rennen in Dubai und auf dem Nürburgring.
Rossi ist auch kein gänzlich unbeschriebenes Blatt im Auto: Neben seinen F1-Tests bestritt er schon Rennen oder Testfahrten in einem Ferrari GT3, Rallye, NASCAR und DTM. Doch das alles war bisher PR und Spaß. Jetzt wird es ernst auf vier Rädern. Rossis zweite Karriere (neben seinem eigenen MotoGP-Team VR46) beginnt – und die soll ihn erneut zum Erfolg führen.

Von

Michael Zeitler