Hightech-Laster gegen Eis: So bleiben Jets startklar
Diese Fahrzeuge kämpfen am Flughafen gegen den Frost

Autofahren im Winter hat so seine Tücken – aber fliegen erst recht. Denn wenn die Temperaturen in den Keller gehen und es zudem feucht wird von oben, frieren die Jets ein. Dann müssen spezielle Laster ran und den Fliegern eine warme Dusche spendieren.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Es ist nass, es ist eiskalt, und obwohl es noch nicht einmal sieben Uhr ist, ist auf dem Flughafen Frankfurt schon die Hölle los. Es ist Rushhour am größten Airport im Land. Über Nacht ist der Winter über Hessen hereingebrochen und hat den Betrieb buchstäblich schockgefrostet. Zwar liegen nur hier und da ein paar Flocken Schnee, doch schon die nebelfeuchte Luft und die Temperaturen unter null reichen, um bei den Piloten die Alarmglocken schrillen zu lassen.
Eis auf Tragflächen und Leitwerken ist gefährlich, weil es die Aerodynamik beeinflusst und sogar die Triebwerke beschädigen kann, wenn es während des Flugs abfällt und in die Turbinen gerät. So wie unsereins vor der Fahrt ins Büro Scheiben kratzen und Schnee räumen muss, brauchen deshalb auch Jumbo & Co. ihren Winterdienst. Nur, dass Captain und Crew den nicht selbst erledigen.
Heiße Dusche für kalte Flieger
Stattdessen sitzt dick eingepackt in einer gläsernen Kanzel 15 Meter über dem Boden ein Mitarbeiter des Dienstleisters NICE Aircraft Services & Support GmbH und spendiert einem A320, der gleich als LH006 nach Hamburg startet, eine heiße Dusche. Während drinnen die Passagiere noch verschlafen dösen, wäscht er mit Hochdruck und einer auf 60 Grad erhitzten Mischung aus Wasser und Glykol namens "Typ I" das Eis vom Flieger und muss sich dabei höllisch konzentrieren. Erstens darf er keine entscheidende Stelle vergessen, weshalb das Taumittel rote Schlieren auf der Flugzeughaut hinterlässt. Und zweitens ist Berühren hier verboten. Denn schon ein leichter Rempler kann einen millionenschweren Schaden nach sich ziehen.

Die zwölf Meter lange Sprühlanze hat dem Speziallaster aus Dänemark den Spitznamen "Elefant" eingebracht.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Die zwölf Meter lange Sprühlanze, die dem Speziallaster aus Dänemark – gegen den die meisten Supersportwagen ein Schnäppchen sind – den Spitznamen "Elefant" eingebracht hat, weil sie wie ein gigantischer Rüssel um die Jets schnorchelt und dabei mit 24 Metern Arbeitshöhe sogar das Heckleitwerk eines A380 erreicht, ist dabei noch vergleichsweise ungefährlich, wie ich später bei der Trockenübung am Rande des Airports auf dem Trainingsgelände lerne. Denn während ich auf meinem Bildschirm ein Kamerabild vom Duschkopf sehe, ragen links und rechts wie am Kopf eines Schmetterlings zwei sensible Fühler heraus, die bei jedem Kontakt sofort das ganze Fahrzeug stoppen.
Doch um den Laster muss ich mich leider selbst kümmern. Schon hier auf dem freien Feld ist das ein komisches Gefühl, wenn man das Ding nicht vom Lenkrad aus steuert, sondern 15 Meter hoch über dem Boden und weit vor dem Fahrerhaus in einer Kanzel an einem Joystick dirigiert. Aber wenn sie an den dicht gedrängten Flugsteigen zwischen Fluggastbrücken, Gepäckschleppern, VIP-Shuttles und Tankwagen durch den Hindernisparcours manövrieren, kommen die Profis selbst bei minus zehn Grad ins Schwitzen – obwohl das Tempo auf sechs km/h gedrosselt ist und sie im Sommer erst zwei Tage am Simulator und dann noch einmal fünf Tage an einem ausrangierten Ferienflieger trainiert haben.
Boxenstopp vor dem Start
Die meisten Flieger machen ihren Boxenstopp auf dem Weg zur Startbahn an einem von vier sogenannten Deicing-Pads, wo sie ihre heiße Elefanten-Dusche unmittelbar vor dem Abheben bekommen. Dort ist zwar ein bisschen mehr Platz, selbst wenn um einen Jumbo oder einen A380 in perfekt eingespielter Choreografie bis zu sechs Elefanten herumtanzen. Aber dafür herrscht dann eine Hektik wie samstags morgens vor der Waschanlage, und die Flieger stauen sich oft zurück bis kurz vors Terminal. "Aber Sicherheit geht vor, und schneller als in 15 bis 20 Minuten ist der Winterdienst am Flieger bei Schneefall nun mal nicht zu schaffen", sagt Marcus Steinmetz, der Chef des Spezialunternehmens, das in Frankfurt das Deicing übernimmt.

15 bis 20 Minuten dauert der Winterdienst am Flieger.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Zwar bestellt jeder Kapitän seine Enteisung individuell. Und weil es um Sicherheit geht, scheut auch niemand die Kosten, die schnell mal den Preis eines Intercontinental-Tickets erreichen – und zwar in der Business-Class. Doch wer zu lange zögert, muss sich hinten anstellen und fliegt noch später als ohnehin schon.
Bei Niederschlag bestellen die Airlines neben der roten auch eine grüne Dusche: Das ist der sogenannte Typ IV, dickflüssig etwa wie Olivenöl. Dieses Taumittel legt sich auf die neuralgischen Stellen und schützt je nach Wind und Wetter bis zu zwölf Stunden, sodass entsprechend behandelte Jets gleich nach dem Ende des Boardings auch bei widrigen Wetterbedingungen noch durchstarten können.
Winterdienst im Dauerbetrieb
Steinmetz hat in der kalten Saison einen heißen Job. Zwischen Oktober und April wird bei entsprechenden Wetterlagen ab spätestens halb fünf Uhr morgens enteist. Da sitzen seine zwei Disponenten schon seit einer Stunde vor den großen Bildschirmen in der Einsatzzentrale zwischen den Terminals 2 und 3, und die ersten seiner über 300 Elefanten-Dompteure sind bereits unterwegs, um die Frühflieger noch vor dem Ende des Nachtflugverbots erst mit Typ I zu enteisen und dann mit Typ IV zu schützen, damit sie pünktlich starten können und der Flugtag nicht schon mit Verspätungen beginnt.

Ein Blick in die Steuer-Kanzel des Hightech-Laster.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Derweil ist die zweite Welle seiner Mannschaft noch dabei, die Laster zu befüllen. Schließlich haben diese nicht nur 715 Liter Diesel an Bord, sondern auch jeweils 2000 Liter der beiden Enteisungsmittel und 4000 Liter Wasser für die richtige Mischung. Außerdem ist ein Heizer eingebaut – so stark, dass man damit eine ganze Reihenhaussiedlung auf Kuscheltemperatur bringen könnte. Denn die Jets mögen ihre Dusche heiß, sehr heiß: Mit 60 Grad schießt das Gemisch aus der Düse und sorgt im Flutlicht mit Sprühnebel und Dampf für eine fast schon magische Stimmung.
Über den Tag kommt da einiges zusammen: Über 70 Elefanten hat Steinmetz in seiner Flotte, die bis zum Beginn des Nachtflugverbots an Schlechtwettertagen schon mal 300 oder 400 Flugzeuge abduschen müssen. Selbst wenn NICE eigens mehrere Tanklager für die Enteisungsmittel unterhält, reicht der Vorrat dort nur für maximal eine Woche. Mehrmals im Monat kommen deshalb ganze Reihen von Tanklastzügen und bringen Nachschub.
Enteisungsmittel sind ungefährlich
In die Umwelt gelangt davon übrigens nur wenig, sagt Steinmetz. "Um die Gates herum wird das Abwasser mit Kehrmaschinen aufgenommen und über die Kläranlage entsorgt, und an den Deicing-Pads gibt es eine spezielle Entwässerungsanlage." Zudem sind die mit Lebensmittelfarbe eingefärbten Enteisungsmittel weder für die Natur noch für den Menschen gefährlich.

Bereits um 04:30 Uhr geht das Enteisen los. Die Disponenten sitzen da bereits eine Stunde vor den Bildschirmen.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Während er das bei der kurzen Kontrollrunde im Morgengrauen auf dem Vorfeld erzählt, wird er immer wieder vom Funk unterbrochen: Hier wartet ein Elefant auf seinen nächsten Einsatz, dort quengelt ein anderer, warum das denn so lange dauere. Schließlich wollen alle Passagiere der nassen Kälte so schnell wie möglich entfliehen. Steinmetz zuckt dabei nur mit den Schultern – der normale Winterwahnsinn. Und der geht bis weit ins Frühjahr.
Denn eines hat der Dompteur der Eis-Elefanten in seinen knapp 14 Jahren bei der Flugzeugenteisung am Airport gelernt: Wenn er sich auf etwas verlassen kann, dann auf die Unzuverlässigkeit des Wetters und seiner Vorhersagen. Ruhig schlafen kann er deshalb wahrscheinlich erst wieder ab dem 1. Mai. Denn bis zum 30. April haben er und seine Elefanten Bereitschaft.
Service-Links
