Hymer-Wohnmobile im Härtetest
So wird ein Camper auf Herz und Nieren geprüft!

Bild: Erwin Fleischmann / AUTO BILD
- Thomas Rönnberg
Muss ein Wohnmobilhersteller eine eigene Testabteilung unterhalten? Ist Sicherheit bei Wohnmobilen ein Thema? Zumindest bei der branchenführenden Erwin Hymer Group (EHG) kam man ins Grübeln, seit das Foto eines auf zwei Räder kippenden Wohnmobils im Frühjahr 2016 die Titelseite von AUTO BILD REISEMOBIL zierte.
Also machte man gleich Nägel mit Köpfen und etablierte ein zentrales Testcenter für alle 14 Fahrzeugmarken des Konzerns; und zwar auf dem Gelände von Fahrwerksspezialist Goldschmitt, der auch zur Hymer-Gruppe gehört. 2018 konnte das EHG Test Center eröffnet werden – unter der Leitung von Ingenieur Andreas Pohl, der schon langjährige Erfahrung in den Test- und Qualitätsabteilungen zweier bekannter Autohersteller hatte.

Große Liner wie dieser Niesmann+Bischoff fahren schwerfällig, sind aber unkritisch.
Bild: Erwin Fleischmann / AUTO BILD
Schwerpunkt zunächst: Fahrdynamik und Fahrstabilität. Damit fangen auch wir jetzt an. Auf dem Flugplatz sind die Pylonen aufgestellt – für drei unterschiedliche Ausweichtests: VDA-Test, ADAC-Test, AUTO BILD-Test. Prüfingenieur David Braun nimmt die Strecke zuerst mit einem großen Niesmann+Bischoff – intern Ni-Bi genannt – unter die Räder. Da muss ich mit, das wird bestimmt abenteuerlich! Nein, wird es nicht.
"Diese großen Vollintegrierten sind unkritisch"
Obwohl mit jedem Durchlauf die Fahrgeschwindigkeit gesteigert wird, bleibt der lange Liner völlig harmlos. Schwerfällig und träge, aber fern jeder Kippgefahr folgt er den zackigen Lenkbewegungen. Nach einigen Runden auf dem Beifahrersitz bin ich zwar leicht seekrank – aber unsicher fühle ich mich nicht.
"Diese großen Vollintegrierten sind unkritisch: Langer Radstand, recht niedriger Schwerpunkt, und das ESP macht recht früh zu", erklärt mir David Braun.
Da wird es beim nächsten Testkandidaten spannender: ein Bürstner-Kastenwagen in der kurzen 540er-Version, mit festem Hochdach und Hubbett. "Das ist fahrdynamisch das Schwierigste: hoher Schwerpunkt, kurzer Radstand." Aber Bürstner geht kein Risiko ein, lässt alles testen, ehe es in Serie geht. Und David Braun gibt sich alle Mühe, steigert das Tempo, reißt am Lenkrad. Tatsächlich wankt der kompakte Kasten viel mehr als der große Liner. Aber das ESP greift wirksam ein – mindestens drei Räder behalten immer Bodenkontakt.
"Unsere internen Kriterien für die Fahrsicherheit gehen weit über die gesetzlichen Anforderungen hinaus", betont Andreas Pohl. "Viele Chassishersteller haben in Zusammenarbeit mit uns ihre Fahrwerksregelsysteme entscheidend verbessert. Das kommt natürlich der ganzen Branche zugute, auch unseren Wettbewerbern, die selbst nicht testen."

Dauerhaltbarkeit auf die Probe gestellt: Auf dem "Waschbrett“ wird der Liner durchgeschüttelt.
Bild: Erwin Fleischmann / AUTO BILD
Auch Caravans müssen ran: Am Test-Zugwagen hängt ein kompakter Eriba Touring. Für die objektive Erfassung der Anhänger-Pendelbewegung wurde ein raffiniertes Set-up entwickelt, das außer Gierraten-Aufnehmern im Caravan auch superschnelle GPS-Sensoren auf Caravan und Zugfahrzeug umfasst. Mithilfe der zentralen Rechnereinheit auf dem Rücksitz werden alle Parameter nicht nur aufgezeichnet, sondern auch im Display auf dem Armaturenbrett angezeigt.
Nächste Station: die "Dauerlauf-Teststrecke". Hinter der nüchternen Bezeichnung verbirgt sich eine Sammlung wahrer Marterstrecken. Eine Runde entspricht etwa 1000 durchschnittlichen Straßenkilometern. Ich fühle mich schon nach zweieinhalb Runden im Hymer-Liner ziemlich zerrüttet: Das Armaturenbrett hüpft auf der Waschbrettpiste beängstigend, das Hubbett über uns schwingt auf der Wellenbahn bestimmt um zehn Zentimeter auf und ab. Wird es halten? Doch David Braun beruhigt: "Der Wagen hat jetzt seine 1000 Runden voll, da fällt nichts herunter." Ich überschlage kurz: Das entspricht etwa einer Million Kilometer im Normaleinsatz.
In der Halle reckt inzwischen der "Ni-Bi" von vorhin sein Heck steil in die Luft. "Wir ermitteln hier den realen Schwerpunkt." Mit zunehmender Hubhöhe verlagert sich das Gewicht von der Hinter- auf die Vorderachse; aus dem Unterschied lässt sich die Schwerpunktlage errechnen – und damit überprüfen, ob sie auch wirklich in dem Bereich bleibt, den der Chassishersteller in seinen Aufbaurichtlinien vorgibt.

Auf die Nase gestellt: Schwerpunktmessung – mit Radhebern wird die Hinterachse angehoben.
Bild: Erwin Fleischmann / AUTO BILD
Die genaue Methode wurde im EHG Test Center entwickelt, in Zusammenarbeit mit der Uni Stuttgart. "Die Probleme liegen da in der Elastizität des Gesamtsystems Wohnmobil, die der nötigen Präzision im Wege steht. Wir machen deshalb pro Fahrzeug 15 Messungen, je drei in fünf Winkeln", erklärt Pohl.
Nebenan wird gerade die CO2-Prüfung an einem Bürstner-Caravan aufgebaut. Alle Campingfahrzeuge müssen schließlich über Zwangsbelüftungen verfügen, um sicherzustellen, dass auch bei Betrieb aller Brennstellen genug Frischluft im Wagen ist. Dazu werden an mehreren Stellen Messfühler aufgestellt, eine Gasflasche leitet CO2 ein; Glühlampen sorgen für gleichzeitige Erwärmung. Andreas Pohl checkt noch einmal alle Parameter, ehe die Tür geschlossen wird und die Prüfung startet.

Mehrere Messfühler erfassen die CO₂-Konzentration im Caravan.
Bild: Erwin Fleischmann / AUTO BILD
Wir gehen in die Nachbarhalle, in den 2020 gegründeten Bereich Komponententest. "Lange haben alle Hersteller Fenster, Heizungen, Kühlschränke, Toiletten von immer den gleichen zwei, drei Lieferanten eingebaut. Die saßen auf einem recht hohen Ross, fühlten sich zu sicher. Jetzt kommen die Asiaten und bringen frischen Wind in den Markt.
Doch natürlich wird alles, was von neuen Anbietern kommt, erst einmal gründlich auf Funktion und Qualität getestet. "Das ist oft überraschend: Nicht selten schneiden die günstigeren Alternativprodukte deutlich besser ab als die der etablierten Lieferanten."
200 Kilogrammtest für die Trittstufen
Marius Bayer erklärt mir eine seltsam schnaufende Apparatur, an einem langen Hebel stampfen 200 Kilogramm Gewicht zwecks Dauerbelastung auf eine integrierte Trittstufe, das sogenannte Einstiegs-Coupé. Franz Jakob tippt auf einem Steuerungskästchen, das eine Ausklapp-Trittstufe unablässig aus- und einfahren lässt. Daneben liegt eine andere Trittstufe mit geöffnetem Motor auf dem Arbeitstisch – sichtlich angegriffen nach dem 240-stündigen Salzsprühtest.

Schaltet die Sitzbelegungserkennung auch mit Sondersitzbezügen?
Bild: Erwin Fleischmann / AUTO BILD
Auf, zu, auf, zu: Ein Ausstellfenster, montiert in einem Holzgestell, wird per Druckluft bewegt, 6000-mal. Es muss hinterher und nach dem Klimatest immer noch tadellos funktionieren – und auch dicht sein. Es wird mit Wasser begossen, Kontrastmittel und UV-Licht machen auch kleinste Undichtigkeiten sichtbar.
Und warum stehen die Fernseher hier? Ist das der Pausenraum? "Nein, hier prüfen wir unter anderem Bedienung, Bildschärfe, Kontrast und Stromverbrauch der Fernseher, die in unsere Fahrzeuge eingebaut werden." Tatsächlich: Ungetestet geht hier wohl gar nichts raus. Ich muss an das bekannte Zitat denken, das Lenin zugeschrieben wird: "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser."
Service-Links