Eine S-Klasse zu fahren, ist ein exklusives Vergnügen. Das gilt sowohl für die große Stuttgarter Limousinen-Baureihe, als auch für die vollintegrierten Topmodelle aus Bad Waldsee. Das Kult-Wohnmobil hat gebraucht eine riesige Fangemeinde. Kein Wunder: Qualitativ gelten Auf- und Ausbau, aber auch die Antriebstechnik zu den besonders soliden Angeboten, die man am Markt findet.

Das ist er: Eine gealterte Reisemobilgröße. Der Hymer S 555 stand als Neufahrzeug für herausragenden Komfort und beste Qualität. Das zeigte sich auch am Neupreis: 100.000 D-Mark waren mit wenigen Extras schnell geknackt. Für das gleiche Geld gab es damals alternativ auch eine kleine Ferienwohnung an der Ostsee. Ein Jahr vor dem H-Kennzeichen steht der gealterte Hymer bei der Wohnmobil-Galerie im schleswig-holsteinischen Hohenaspe zum Verkauf.
Formal scheint der S 555 ein Fahrzeug der alten Schule zu sein. Ohne Einsicht in die Fahrzeugpapiere würde man ihn spontan eher den 80ern zuordnen. Das ist jedoch kein Nachteil. Die Konstruktion des Vollintegrierten nutzt ein Mercedes-Chassis. Und die Dachpartie mit ihrer doppelwandigen Dachkonstruktion und charakteristischen Rundungen ist für Kenner das typische Merkmal der einstigen Hymer-Topbaureihe. Aufwendig gefertigt und voll wintertauglich isoliert sind die Außenwände: Hymer nutzte damals bereits eine holzfreie Sandwich-Konstruktion, bestehend aus Aluminium-Außenhäuten, die mit Stahlprofilen verstärkt und von innen mit PU-Schaum vollständig ausgeschäumt sind.
Hymermobil S 555
Auf 5,60 Metern Länge bietet der Hymer S 555 reichlich Komfort.
Bild: Christoph Boerris / AUTO BILD

Beim Möbelbau geizte man ebenfalls nicht, alle Klappen und Türen schließen wie am ersten Tag. Die Optik ist Geschmackssache, großzügige warmtönige Kirsch- Echtholzfronten mit Vogelahorn-Füllungen, grau-blaue Velourspolster mit dem Muster "Serenga" und eine wollartig kaschierte Decke sind konstruktiv aufwendige Lösungen, stammen jedoch aus einer Zeit, als es im Fernsehen nur drei Programme gab und Käseigel geflieste deutsche Wohnzimmertische schmückten.

Hymermobil S 555: Großzügige Küche, Bad und fünf Schlafplätze

Das hat er: Wer im Hymer S 555 reist, darf in längst vergangenen Zeiten schwelgen. Der Zutritt in den Wohnbereich erfolgt durch eine zweiteilige Tür auf der Beifahrerseite im Heck. Dort sind platzsparend eine großzügige Küchenzeile mit Drei-Flammen-Gaskochfeld, Spüle, 70 Liter-Kühlschrank und gegenüberliegender Arbeitsplatte sowie eine Nasszelle mit Waschbecken, Toilette und integrierter Duschtasse untergebracht. Die sich davor anschließende Wohnlandschaft ist generös verglast. Sie vermittelt ein Gefühl von Großzügigkeit, welche so manchem eineinhalb Meter längeren Fahrzeug gut stehen würde. Mit wenigen Handgriffen lässt sich die Wohnlandschaft zu einem Doppelbett und einem Längseinzelbett umbauen.

Technische Daten

Technische Daten
Motorisierung
Fünfzylinder/vorn längs
Leistung
70 kW (95 PS) bei 3800/min
Hubraum
2874 cm3
Drehmoment
192 Nm bei 2400/min
Höchstgeschwindigkeit
105 km/h
Getriebe/Antrieb
Viergang-Automatik/Hinterrad
Tankinhalt/Kraftstoffsorte
70 l/Diesel
Länge/Breite/Höhe
5600/2220/2790 mm
Radstand/Bereifung
3050 mm/205 R 14 C
Leergew. fahrbereit/Zuladung (Testmobil)
2630/570 kg
Anhängelast (gebremst/ungebremst)
2000/750 kg
Material Wand/Dach/Boden
ALU-PU/GFK-SW/GFK-SW
Liegefläche Hubbett L x B
1860 x 1360 mm
Liegefläche mittig links L x B 
1820 x 770 mm 
Liegefläche mittig rechts L x B
1930 x 12400 mm
Kühlschrank/inkl. Eisfach
70 l 
Herd
3 Flammen
Bordbatterie
12 V/50 Ah 
Frisch-/Abwassertank
100/100 l
Gasvorrat/Heizung
2 x 11 kg/Truma
Testverbrauch
16,0 Liter D/100 km
Grundpreis (1993, 310 D)
97.690 Mark

Schlafplatz vier und fünf befinden sich in einem manuell absenkbaren Hubdoppelbett im Bug. Für ausreichend Wärme sorgt eine Truma-Umluftheizung. Wichtig: Falls sich dunkle Schatten oder Laufspuren an den Wänden abzeichnen, ist höchste Vorsicht angebracht: Die sechsjährige Dichtheitsgarantie ist seit 1999 abgelaufen.

Kombination aus Fünfzylinder-Diesel und Automatikgetriebe gilt als unverwüstlich

So fährt er: Wer sich für einen 29 Jahre alten Hymer entscheidet, sollte nicht auf der Flucht sein. Außerordentlich gemächlich nimmt der 3,2-Tonner Fahrt auf. Servolenkung und die Stotterbremse ABS sind als einzige Assistenten an Bord. Auch wenn der Stern nur dezent oberhalb der Kühlerblende thront: Technisch setzte Hymer komplett auf die Dauerhaftigkeit Stuttgarter Antriebstechnik. Der Mercedes 302D ist eine nicht sonderlich sparsame, aber dafür unerschütterliche Basis.
Hymermobil S 555
Das Raumgefühl profitiert enorm von den großen Fensterflächen.
Bild: Christoph Boerris / AUTO BILD

Die Kombination aus Fünfzylinder-Diesel und Automatikgetriebe gilt in der Szene als unverwüstlich. Drehmoment? Zarte 192 Newtonmeter. Höchstgeschwindigkeit? Mit viel Wagemut waren im Neuzustand 118 Kilometer pro Stunde möglich. Definitiv ist der natürliche Bewegungsraum dieses Hymers nicht die Autobahn. Hauptgrund ist die enorme Geräuschkulisse des Triebwerks. Oberhalb von Tempo 80 nimmt sie derart Überhand, dass normale Gespräche mit Mitfahrern undenkbar sind. Anstatt beim nachgerüsteten CD-Radio vom Discounter die Lautstärke aufzudrehen, empfehlen wir stattdessen die gelassene Tour auf Nebenstraßen der zweiten und dritten Art.
Die veraltete Abgasnorm ist weniger dramatisch: Schon im nächsten Jahr winkt die H-Abnahme, die Steuern spart und zum Einfahren in Umweltzonen berechtigt.

Unterhaltskosten

Unterhaltskosten
Testverbrauch
14,0 Liter Diesel/100 km
CO2
424 g/km
Inspektion
350 bis 650 Euro
Haftpflicht* 
376 Euro 
Teilkasko*
267 Euro 
Vollkasko*
1410 Euro
Kfz-Steuer (S1, Masse 3200 kg)
460 Euro

Ersatzteilpreise*

Ersatzteilpreise*
Lichtmaschine (AT)
390 Euro 
Anlasser (AT) 
400 Euro 
Zahnriemen
entfällt, da Steuerkette 
Wasserpumpe (AT)
350 Euro 
Bremsscheiben und -klötze, vorn 
480 Euro 
4 Sommerreifen 205 R 14 C
550 Euro

Fazit

von

AUTO BILD
Die Entscheidung für einen alten Hymer sollte gründlich gut überlegt sein. Obwohl der Vollintegrierte beeindruckend gut gealtert ist, entspricht er nicht mehr in Ansätzen aktuellen Fahrzeugen. Insbesondere seine schwachen Fahrleistungen könnten Schnäppchenjäger, die sich mit der Materie nur begrenzt auskennen, frustrieren. Wer ein Reisemobil eher als rollendes Projekt begreift und über forgeschrittene handwerkliche Kenntnisse verfügt, für den wäre ein solcher S 555 der richtige Kandidat. Dieser Hymer wird bestimmt nie langweilig!