Immer mehr Assistenzsysteme Pflicht: Kommentar zu EU-Verordnung
Der tägliche Horror der Assistenzsysteme

Immer mehr Assistenten gehören dank einer EU-Verordnung zur Pflichtausstattung, lassen sich nicht mehr dauerhaft ausschalten. Dabei sind die Systeme noch lange nicht perfekt. Kommentar!
Bild: AUTO BILD Montage
Pling, pling, pling – das Auto warnt. Der Grund: Ich, auf dem Weg zur Arbeit, bin fünf Sekunden lang schneller als Tempo 50 gefahren. Um genau zu sein 51 km/h. Entnervt widme ich mich dem Bordcomputer, drücke mich durch die Menüs und deaktiviere den "Geschwindigkeitsassistenten". Auf dem Rückweg nach Hause plingt es wieder. Ausschalten geht nämlich nur bis zum nächsten Motorstart.
Resultat? Ich rege mich zumindest innerlich über diese Gängelung auf, bin abgelenkt und wahrscheinlich für einige Sekunden ein schlechterer Autofahrer als vorher. Und das alles, obwohl ich nicht einmal zu schnell gefahren war. Tachos gehen vor, und statt 51 Sachen war ich – laut Smartphone-GPS – eigentlich nur mit 48 km/h unterwegs, also voll legal.

Verkehrszeichenerkennung im ersten Opel Insignia.
Bild: Werk
Dass mein Auto all das macht, hat mit der EU zu tun. Die Verordnung 2019/2144 schreibt teilweise schon heute, teilweise in den nächsten Jahren gleich eine Reihe neuer Assistenzsysteme für Neuwagen vor. Darunter sinnvolle Ansätze wie Abbiegeassistenten für schwere Nutzfahrzeuge oder ein pulsierendes Notbremslicht bei starker Verzögerung. Man darf auch nicht vergessen, dass die Einführung manch aktiver Fahrsicherheitssysteme in den letzten Jahren definitiv Erfolge gebracht hat. Dass ABS und ESP heute in jedem Neuwagen (und mittlerweile auch den meisten älteren Autos) wachen, hat wohl schon tausenden, wenn nicht zehntausenden Menschen das Leben gerettet.
Was die EU jetzt versucht, ist aber anders. In der Verordnung argumentiert sie auch: "Ohne neue Initiativen zur allgemeinen Straßenverkehrssicherheit werden die Sicherheitseffekte des derzeitigen Ansatzes die durch das zunehmende Verkehrsaufkommen bedingten Auswirkungen nicht mehr ausgleichen können."
Systeme greifen nicht nur ein, wenn Gefahr in Verzug ist
Mit anderen Worten: Wenn mehr los ist, gibt's auch mehr Unfälle. Das will man sich in Brüssel vom Verkehr aber offensichtlich nicht bieten lassen. Deshalb rettet man Autofahrer nun nicht mehr nur mit Systemen, die eingreifen, wenn tatsächlich Gefahr im Verzug ist. Beispiele: ABS greift ein, wenn die Räder beim Bremsen blockieren. ESP greift ein, wenn das Heck droht, auszubrechen. Sondern versucht schon, Situationen zu vermeiden, in denen potenziell etwas passieren könnte – egal, wie sehr man den, der am Steuer sitzt, ablenkt oder sogar in Gefahr bringt.

Dauerhaft ausschalten lässt sich sich der Spurhalteassistent bei vielen neuen Autos nicht mehr.
Bild: Opel Automobile GmbH
Das Deprimierende: Um zu sehen, dass die Assistenten noch längst nicht immer so funktionieren wie gewollt, müsste man als Politiker einfach mal ein paar aktuelle Automodelle gefahren sein. Zu erleben wären zum Beispiel verpflichtend eingeführte Spurhalteassistenten, die je nach Autohersteller teils aggressiv am Lenkrad rupfen, noch bevor die Fahrspur verlassen wurde. Auch die sind bei Modellen mit neuer Typgenehmigung nicht mehr dauerhaft abschaltbar. Ebenfalls gängig: Verkehrszeichenerkennungen, die die falschen Schilder lesen – auf der Autobahn etwa die von Abfahrten. Von Notbremsassistenten, die panisch grundlose Vollbremsungen einleiten, erlebe ich als Autotester monatlich gleich mehrere.
Dazu kommt, dass die immer mehr vorgeschriebenen Assistenzsysteme Autos auch teurer machen – gerade Hardware kostet. Die ohnehin gerade schon explodierenden Preise führen im schlimmsten Fall dazu, dass kaum einer mehr einen Neuwagen kauft. Und dann mehr ältere Fahrzeuge durch die Gegend fahren, die über kaum eins dieser Assistenzsysteme verfügen.
Mehr Sicherheit zu fordern, mag also im Prinzip eine ehrenwerte Sache sein. Ich kann die Vorsicht der Politiker nur allzu gut verstehen. Aber Sicherheit geht nicht mit Gewalt – sondern nur praxisorientiert und nach Rücksprache mit Auto-Profis.
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