Dieses Bild hätten sich viele Lamborghini-Fans wohl nicht im Traum ausmalen können. Was die Italiener da vor der Zentrale in Sant’Agata aufgefahren haben, sprengt die Vorstellungskraft der Vollgasfraktion: Neben dem silbernen Countach aus der 25-Anniversario-Serie, der sonst sein Dasein im Werksmuseum fristet, steht zum ersten Mal wieder jener Prototyp, mit dem vor fast genau 50 Jahren, im Frühjahr 1961, die Geschichte des Supersportwagens neu geschrieben wurde.
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Und das, obwohl jener LP500 bei der Entwicklung des Serienmodells auf dem Altar der Crashsicherheit geopfert wurde. Daneben parkt in unschuldigem Weiß noch ein Countach, auf den die Gemeinde der expressiven Schnellfahrer seit dem Ende der Produktion im Jahr 1990 gewartet hat: die Neuauflage der Ikone. Anders als der gelbe Erstling bleibt dieser LPI 800-4 kein Einzelstück, geht für Preise über zwei Millionen Euro zumindest in Kleinserie, wird 112-mal gebaut.
Lamborghini Countach
Um den Countach zu beherrschen, braucht es noch einen echten Kerl. Schwergängige Lenkung, keine Fahrhilfen.

Das dauert zwar noch, und so richtig fahren mag der Prototyp auch nicht. Doch weil man den neuen Countach ohnehin nur verstehen kann, wenn man den alten kennt, bekommt heute der Anniversario noch einmal Auslauf und beweist schon auf den ersten Metern, dass er seinen Namen zu Recht trägt.

Countach ein Ausruf für atemloses Erstaunen

Der Countach ist einer der wenigen Lamborghini, der keinen Kampfstier ehrt. Countach, das ist im Piemonteser Dialekt seines Designers Maurizio Gandini ein Ausruf für atemloses Erstaunen. Und das provoziert der silberne Keil auch heute noch: Auf der beschaulichen Piazza von Sant’Agata scheint deshalb das Leben von jetzt auf sofort stillzustehen, als der Countach mit bösem Grollen übers Kopfsteinpflaster rollt und sich für den Fotografen in Pose wirft – und das, obwohl der Countach hier zu Hause ist. Selbst die Kirchenglocken scheinen zu verstummen, und dem Barista läuft doch glatt der Kaffee über.
Genau so muss es gewesen sein, als Lamborghini vor 50 Jahren auf dem Genfer Salon zum ersten Mal das Tuch vom Countach gezogen und damit das Universum der Supersportwagen umgekrempelt hat. Alles, was bis dahin aus Italien, England oder Deutschland auf die Überholspur stürmte, war plötzlich von gestern, zum Alteisen gestempelt von einem Auto mit außerirdischem Design und aberwitzigen Fahrleistungen.
Lamborghini Countach
Wie viele Luftschlitze passen auf einen Supersportler? Der Anniversario versucht, diese Frage zu beantworten.

Mittlerweile mögen die 455 PS des Zwölfzylinders in seiner stärksten Ausbaustufe zwar nicht mehr ganz so spektakulär sein, und die 300 km/h Spitze erreichen heute schon überzüchtete Mittelklassemodelle, doch der Look ist noch immer unerreicht. Eckig statt organisch, extrem statt elegant, brutal, brachial – ein unendlicher Keil: Keiner ist mehr Lambo als der Countach. Seitdem hat jedes Auto aus Sant’Agata die gleiche Silhouette, und selbst der Miura ist irgendwie vergessen.

Einstieg in den Lamborghini erfordert Gelenkigkeit

So spektakulär das Auto bis heute wirkt, so beschwerlich ist es für den Fahrer. Schon das Einsteigen erfordert eine gewisse Gelenkigkeit, wenn man sich über den endlos breiten Schweller hinweg- und unter der guillotinegleichen Tür in den nur 1,07 Meter hohen Flachmann hindurchfädelt. Der Fußraum ist schon mit Schuhgröße 36 wegen Überfüllung geschlossen. Und wenn der abgeknickte Hals zwischen den Schultern verschwindet, damit der Kopf irgendwie unters Dach passt, fühlt man sich wie eine WC-Ente auf Speed.
Lamborghini Countach
Die Front des LP500 ist noch viel keilförmiger als später in der Serie. Außenspiegel? Stören nur die Optik.

Doch all das ist in jenem Moment vergessen, in dem im Heck der 5,2 Liter große Zwölfzylinder entflammt und 5200 kleine Explosionen pro Minute die Fuhre mit 500 Nm dem Horizont entgegenschleudern. Dass es hier drin schon nach zwei Minuten so heiß ist wie in einer finnischen Sauna? Geschenkt! Der ohrenbetäubende Krach? Vergessen! Und für das vergleichsweise lieblose Kunststoffambiente hat man eh kein Auge mehr, wenn der Blick krampfhaft versucht, in den Schlieren des schnellen Vorlaufs Halt zu finden. Wer diesen Stier bei den Hörnern packt, fühlt sich auserwählt, stolz und auch ein bisschen heldenhaft, weil man diese Furie irgendwie im Zaum hält.

Countach hat viel Charakter

Und das ist gar nicht so einfach. Zwar sind die vergleichsweise kleinen Pirellis fast so breit wie hoch und kleben wie Pattex auf der Piste, doch wo heute ein Heer an elektronischen Helfern jeden Supersportler beherrschbar wie einen Stadtflitzer macht, braucht es für den Kampf mit dem König der Bullen noch einen ganzen Kerl.
Das Lenkrad giert nach einem festen Griff, die Bremse nach einem schweren Fuß, und ein bisschen Geschicklichkeit kann nicht schaden, wenn man den vergleichsweise langen Schaltknauf durch die offene Sechsgangkulisse knüppelt. Wer das beherrscht, erlebt den Countach beim automobilen Rundflug durch die Emilia-Romagna als rasende Zeitmaschine, die gehörig die Geschichte durcheinanderwirbelt. Weil der Wagen seiner Zeit damals so weit voraus war, fühlt er sich heute noch gar nicht so alt an – und hat mehr Charakter als mancher Lamborghini nach ihm.
Lamborghini Countach
Das damals futuristische Cockpit war eine Designspielerei.

Während der Countach auf der Rückfahrt ins Werksmuseum einen weiten Umweg über die einsamen Straßen der Emilia-Romagna macht, kehrt das Leben ins Zentrum von Sant’Agata zurück. Aber nicht für lange, denn in ein paar Monaten werden die Entwickler fertig sein mit dem neuen Countach. Selbst wenn Designlegende Gandini angeblich "not amused" ist über die Neuinterpretation.
Die nicht einmal 1,20 Meter flache Flunder will aber auch alles andere als retro sein. Stattdessen hat Designchef Mitja Borkert über die Plattform des Aventador einen coolen Keil aus Carbon gestülpt, der zwar bis hin zu den Fledermausohren des Lufteinlasses die gleiche klare und messerscharfe Linie nutzt, trotzdem aber weit ins Hier und Heute weist.

6,5 Liter Hubraum und 780 PS

Unter der Haube bleibt sich der Countach treu und geht trotzdem mit der Zeit. Denn hier dröhnt im Heck ein V12-Motor, der mittlerweile auf 6,5 Liter Hubraum gewachsen ist und 780 PS leistet – statt damals zum Anfang 375 oder bei unserem Testwagen 455 PS. Als grünes Feigenblatt gibt es dazu einen kleinen E-Motor im Getriebe, der mit 48 Volt gespeist wird und noch einmal 34 PS beisteuert.
Die spürt man zwar bei so viel Kraft kaum, und elektrisch fahren kann der Countach damit erst recht nicht, doch immerhin setzt Lamborghini dafür keine Batterie ein, sondern speist die E-Maschine aus einem Superkondensator, der bei gleichem Gewicht dreimal so viel Energie speichert.
Lamborghini Countach
Countach oder doch eher ein später Diablo? Das Frontdesign des LP800 ist nicht eindeutig. Traumhaft schön nichtsdestotrotz.

Mit dann immerhin 814 PS Systemleistung und mehr als 750 Nm beschleunigt der neue Countach in 2,8 Sekunden auf Tempo 100 und lässt das Original mit 355 km/h bei Vollgas ganz schnell im Rückspiegel verschwinden.
Die ultimative Probe aufs Exempel steht aber noch aus – nicht umsonst führt eine der ersten Testfahrten für jeden neuen Lamborghini traditionell über die Piazza in Sant'Agata. Nur um zu sehen, wie dort plötzlich wieder das Leben stillsteht und dem Barista mal wieder der Caffè überläuft.

Fazit

von

Thomas Geiger
Völlig anders und doch so gleich hat Lamborghini die Legende Countach in die Neuzeit gehievt. Trotz des Preisschilds von mehr als zwei Millionen Euro werden die 112 Exemplare sicher schnell verkauft sein.

Von

Thomas Geiger