Nie war es einfacher, Rauschmittel zu kaufen. Bisher dominierten Internethändler den Markt, jetzt werden die Substanzen zunehmend im Kioskverkauf, etwa in Berliner Späti-Shops, angeboten. Hexahydrocannabinol (HHC) heißt der Stoff der Stunde: billig und legal als "Baller-Liquid" für E-Zigaretten. Aber auch in Tütchen, Keksen oder Gummibärchen.
HHC hat eine Cannabis-ähnliche Rauschwirkung. Anders als das hochwirksame THC (Tetrahydrocannabinol) fällt es nicht unter die Betäubungsmittel. Denn der Wirkstoff wird synthetisch durch chemische Umwandlung im Labor aus Industriehanf hergestellt. HHC ist seit etwa einem Jahr auf dem Markt und zählt zu den Neuen psychoaktiven Substanzen (NPS, auch "Legal Highs").

Keine Studien über die Kurz- und Langzeitwirkung von Legal Highs

Dem EU-Frühwarnsystem wurden bisher 930 NPS-Varianten gemeldet. Obwohl weit verbreitet, fehlen Studien über die Kurz- und Langzeitwirkung. Experten warnen: Effekte und Qualität sind unberechenbar. "Das ist so, als würde man heute Bier kaufen, bekäme morgen Doppelbock und übermorgen 80-prozentigen Rum in der Flasche", sagt Markus Neueder, Leiter des Drogendezernats beim Bayerischen Landeskriminalamt (BLKA).
Späti in Berlin
Späti in Berlin: Als Alk-Tankstelle etabliert, zunehmend ist auch HHC im Angebot.
Bild: Mauritius
Zwar wurden einige dieser berauschenden Stoffe im Betäubungsmittel- oder Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz (NpSG) verboten. Shopbesitzer handeln aber fast ohne Risiko: Sobald eine Variante auf dem Index landet, kommt eine neue auf den Markt. Dazu werden nur die chemische Struktur und die Stoffgruppe einer verbotenen Droge im Labor verändert – ein Katz-und-Maus-Spiel mit dem Gesetzgeber.

Drogenkonsumenten sind tickende Zeitbomben im Straßenverkehr

Wie sich diese Substanzen im Straßenverkehr auswirken, zeigt die Studie "DrAIN" des BLKA. "Als Ersatz für Cannabis konsumieren einige Autofahrer NPS, um bei Drogenkontrollen nicht aufzufallen", erläutert Experte Neueder. Sie seien tickende Zeitbomben auf der Straße. Während Cannabis die Sensoren im Gehirn nur gering aktiviert, wirkt HCC bis zu 200-mal stärker, so Verkehrsmediziner. Die Folge können Panikattacken oder Wahnvorstellungen sein.
"Legal Highs": Drogen am Steuer
HHC gibt es etwa in Schokolade (Bild) oder auch als Destillat zum Rauchen.
Bild: Internet/privat
Trotz der Gefährlichkeit werden NPS bei Fahreignungsgutachten noch vernachlässigt. So nutzen Drogensünder während einer verordneten medizinisch-psychologischen Untersuchung (MPU, "Idiotentest") als Ersatz Psychostoffe wie HCC.
Etwa 27.000 Autofahrer mussten 2021 wegen Betäubungsmittel- und Medikamentenauffälligkeit zwölf Monate Abstinenz nachweisen. Rechtsmediziner der Uni München untersuchten einen Teil dieser Drogenscreenings gezielt auf NPS. Dabei erwiesen sich Haaranalysen als zuverlässiger Nachweis.
"Die Studie legt nahe, dass rund vier Prozent der Konsumenten einen Wechsel von klassischen hin zu Designerdrogen vollzogen", erklärt Thomas Heinrich, Forschungsleiter der ADAC Stiftung, die die Studie finanzierte. Somit erhielten mehr als tausend Autofahrer nach der MPU die Fahrerlaubnis zurück, obwohl sie weiterhin Drogen konsumiert hatten.

Wechsel von klassischen Drogen zu Designerdrogen

Psychoaktive Substanzen sind aber nicht nur im Verkehr gefährlich, sondern bergen für alle Konsumenten ein sehr hohes Risiko. Kriminologe Markus Neueder: "Wir haben uns die Adressenliste eines großen Onlineshops mit mehreren Tausend Kunden genau angesehen und festgestellt, dass viele ehemalige Besteller innerhalb kurzer Zeit verstorben waren." Ihr Durchschnittsalter lag bei 34 Jahren.