Lotus Emira 2.0: Briten-Coupé mit AMG-Motor
Die Emira mit Vierzylinder wird wohl der letzte Lotus-Verbrenner
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Stuttgarter Sound in einem britischen Sportler? Mit der neuen Vierzylinderversion des Lotus Emira geht das nun, denn sie kommt mit dem Motor aus AMGs A 45.
Bild: AUTO BILD
Die brennendste Frage vorweg: Warum baut ein Hersteller zwei Motorisierungen mit nahezu identischen Leistungswerten in ein und dasselbe Modell ein? Das Corpus Delicti: die neue Lotus Emira. Letztes Jahr hat man die "Prinzessin" mit dem altbekannten Kompressor-V6 aus Toyota-Zucht vorgestellt, nun schieben die Briten eine Variante mit dem Turbo-Vierzylinder aus dem Mercedes-AMG A 45 nach.
405 PS hüben, 365 drüben, Drehmoment und Vmax sind mit 430 Nm und 290 km/h identisch, zumindest wenn wir beide Automatikversionen vergleichen, von 0 auf 100 spurtet der V6 zwei Zehntel schneller. Alles nichts, was diesen doppelten Aufwand rechtfertigen würde.

Wie ein kleiner Supersportler: Die Emira begeistert mit ihrer wilden Formensprache.
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Die Antwort liegt viel näher: Zum einen war die V6-Version schneller umzusetzen, denn für den AMG-Motor musste der komplette Hinterwagen umkonstruiert werden. Der V6 nutzt teils die bestehende Konstruktion oder zumindest das Grundkonzept des Lotus Evora. Auf der anderen Seite braucht man für jene Volumenmärkte, die Hubraum und/oder CO2-Ausstoß massiv strafbesteuern, eine Variante mit unter zwei Litern und dezenten Normverbrauchswerten.
Alles, was nach der Emira kommt, soll vollelektrisch sein
Offiziell sagt Lotus übrigens, man wollte den Fans mit dem Handschalter noch mal einen emotionalen Schlusspunkt gönnen – dürfte auch ein bisschen Wahrheit dahinterstecken, ist aber eher gelegen kommendes Beiwerk. Beim ersten Fahrbericht letztes Jahr titelten wir noch: "Colins letzter Erbe", nun also die wirklich letzte Version, denn alles, was nach der Emira die Werkshallen in Hethel verlassen wird, soll vollelektrisch sein.

Tolle Sitzposition, bequemes Gestühl. Innen passt vieles wie angegossen.
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Die konventionellen Baureihen, wie das bereits vorgestellte SUV Eletre oder die angekündigten weiteren Modelle (eine Limousine nach Taycan-Machart und ein kleineres SUV) werden ohnehin in China bei Konzernmutter Geely gebaut. Wobei, das stimmt so auch nicht ganz, denn Geely hat in China extra in eine Fabrik investiert, die ausschließlich Lotus-Modelle fertigt.
Der nun wirklich letzte Verbrenner bekommt also Hilfe aus Stuttgart, und zwar in Form jener Motorvariante, die Mercedes jüngst im A 45 eingestellt hat: den Zweiliter ohne die Kniffe der S-Version mit 421 PS. Im Kompakten leistete der M 139 einst 387 PS, nun also noch mal deren 22 weniger.
Trotz deutschem Motor klingt die Emira wie ein Lotus
Reicht aber wie schon gesagt für ordentliche Fahrwerte und klingt vor allem nicht wie ein AMG. Lotus hat es mit Krümmerführung und Abgasanlage geschafft, einen Sound zu erzeugen, der selbst blind sofort als Lotus durchgehen würde. Untenrum bassig röchelnd, je höher die Drehzahlen steigen, immer metallischer mit blechernen Untertönen – wirklich gelungen.
Und dazu noch die liebevollen Endrohre mit den Lochungen in Form des Lotus-Wappens, wie wir sie schon vom V6 kannten. Britisches Auge fürs Detail eben …

Geschlitzte und gelochte Stahlscheiben reichen für das leichte Coupé locker.
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Die Fahreigenschaften entsprechen ziemlich genau denen des Sechszylinders, obwohl Lotus an Lenkung und Hinterwagen grundlegend eingegriffen hat. Die rein mechanische Lenkhardware des V6 ist einer elektrohydraulischen Einheit gewichen, bei der die Hydraulikpumpe über einen E-Motor gesteuert wird. Dadurch lassen sich etwa Lenkungsschäden bei Bordsteintreffern vermeiden – auf britischen Straßen gar keine schlechte Idee.
Neue Lenkabstimmung, noch immer tolles Lenkgefühl
Dennoch sind Lenkgefühl und Rückmeldung nach wie vor ultra-direkt. Gewichtsseitig sollte man meinen, dass der Vierzylinder deutlich leichter baut als der Toyota-V6; und das stimmt auch. Allerdings bekommt Lotus durch das Achtgang-DKG und den erhöhten Kühlungsbedarf das eingesparte Gewicht beinahe komplett wieder zurück ins Auto.

Manueller Modus: hochschalten nach rechts, runter nach links. Unsinnig und praxisfremd.
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1446 kg gibt das Werk nach DIN an, 1405 waren es für die "leichteste V6-Version". Wir gehen davon aus, damit war der Handschalter in Basisausstattung gemeint. Unsere ebenfalls manuelle Supertest-V6-Emira in der voll ausstaffierten First Edition brachte 1482 kg auf die Waage.
Die manuelle Schaltfunktion am Hebel ist Käse
Innen ist alles identisch zum Sechszylinder – fast alles: Der Automatikwählhebel hat eine manuelle Funktion, diese ist in der Praxis jedoch völlig unbrauchbar. Statt vor und zurück muss man nach rechts hoch- und links hin zum Oberschenkel runterschalten. Das hätte man auch gleich weglassen können, schließlich gibt es am griffigen Lenkrad Alu-Schaltpaddel, die nicht optimal, aber immerhin besser klicken als in der Automatik-Variante des V6.

95.995 Euro kostet die voll ausgestattete First Edition.
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Die Preise starten – identisch zum V6 – bei 95.995 Euro für die First Edition. Nur dass diese für den größeren Motor längst ausverkauft ist. 2.0-Interessenten müssen sich also sputen.
Diese Reise wurde unterstützt von Lotus. Unsere Standards zu Transparenz und journalistischer Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit.
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