Eigentlich sollten wir Ihnen ja nun vorschwärmen, wie es sich anfühlt, mit dem GranCabrio durch die aufwachende Natur zu pfeilen. Wie es duftet, wenn sich Spätsommeraroma mit der würzigen Aura des Poltrona-Frau-Leders verquirlt. Und welch bezaubernder Anblick es doch ist, wenn Sonnenstrahlen als zusätzliche Kontrastfarbe über das Kaffee-mit-Sahne-Thema des Innenraums stroboskopieren. Doch das müssen diesmal die Bilder übernehmen. Erzählen möchten wir Ihnen eine andere Geschichte. Und die beginnt nicht mit verwunschenen Sträßchen, die irgendwelche Flüsse säumen; und auch nicht mit Rapsfeldern, die ihr Gelb ja ach so malerisch in die Landschaft tupfen.

Überblick: Alle News und Tests zum Maserati GranCabrio

Die Geschichte beginnt mit einer stinknormalen 70er-Jahre-Unterführung, die dem Hinterlandverkehr unter irgendeiner unbedeutenden Bahnlinie hindurchhilft. Eigentlich nicht mehr als ein modriges Loch mit flackernden Leuchtstoffröhren, schwer verwundetem Putz und diesem speziellen Ambiente von Volksfestlatrinen, dem auch die verunstaltete Douglas-Dame auf der gammeligen Plakatwand nichts mehr entgegenzusetzen hat. Quasi auf Knopfdruck entzündet sich der nasskalte Schacht jedoch zum pulsierenden Jazzkeller. Dann, wenn der Maserati heranbrodelt, seine faszinierende Aura wie einen roten Teppich ins Dunkel rollt, die Sporttaste den Auspuff auf rohrfrei schaltet und der ferraristämmige V8 sein heiseres Tremolo derart frenetisch unter die vergilbte Decke schmettert, dass die Fliesen wohl reihenweise von der Wand gepurzelt wären, hätte sich der Großteil von ihnen nicht schon längst zu Tode gestürzt.

Überblick: Alle News und Tests zum BMW 6er

Ein Kniefall vor dem grandiosen Konzert, stehende Ovationen für die Komponisten, tosender Applaus für die hinreißende Darbietung. Auf der berühmten Skala von eins bis zehn? Eine glatte Zwölf! Doch selbst im Normalprogramm, wenn er brav die Klappe hält und die Rhythmen des 4,7-Liters ohne Playback zwischen den Tunnelwänden hin- und herschießen, wirkt der Maserati wie ein zarter Hauch Portofino, der gerade als perlmuttweiße Ansichtskarte durchs Fränkische flattert. Er pflegt den glamourösen Auftritt, posiert, flirtet, bezirzt. Wie so eine Art automobiles Äquivalent zur leicht frivolen Italienerin, die auch dort mit gewagtem Ausschnitt, knappem Rock und schwindelerregenden Absätzen herumstolziert, wo man für ein wenig Zurückhaltung vielleicht ganz dankbar wäre.
Ganz anders der BMW. Mit seiner flauschigen V8-Schleppe, die wie eine dieser schnulzigen Achtzigerballaden hinter dem Heck herschmachtet, durchquert man die Nachbarschaft auch mal, ohne sich beim Aufschnittholen tags darauf gleich vor der Metzgereifachverkäuferin rechtfertigen zu müssen. Der 650i gefällt sich in der Rolle der Businesslady: erfolgsverwöhnt, keineswegs unerotisch, aber eben züchtig genug, dass Touran-Fahrer, die soeben die Nebenspur entlangdieseln, nicht vor Ekstase in die nächste Ampelkolonne rumpeln. Obwohl der BMW im emotionalen Feuerwerk des Maserati zu verglühen droht – der distinguiertere Auftritt passt zum Charakter: Der 6er war nie das schillernde Starlet, nie jemand, der seine Reize an jeden x-beliebigen Handy-Paparazzo verschleuderte, sondern eher die rollende Skulptur, deren abstrakte Formen sich erst nach ausgiebigerem Betrachten erschlossen. Schön? Wie das mit Kunst eben so ist.

Der optionale Wankausgleich des BMW ist etwas gewöhnungsbedürftig

6er BMW 650i Cabrio
Bild: Lena Barthelmeß
Doch die Faszination des 6ers liegt gar nicht mal so sehr in der Optik, sondern in seinem durch und durch technologisierten Innenleben. Angefangen beim charismatischen 4,8-Liter-Sauger, den sie trotz der beispielhaften Laufkultur im künftigen 6er durch einen dieser herzlosen Turbos ersetzen werden; über die Schnellschaltautomatik, die den Drehmomentschwall stets passend dosiert an die Hinterräder leitet; bis hin zur variabel übersetzten Aktivlenkung, die den Lenkwinkel je nach Tempo elektromotorisch vergrößert oder reduziert und die perfekt ausbalancierte Karosserie so entweder gelassen um den vorgegebenen Kurs schwingen lässt oder unverzüglich in die Kurve spitzt. Etwas gewöhnungsbedürftig ist dabei der optionale Wankausgleich. Mittels aktiver Stabilisatoren an beiden Achsen reduziert die Elektronik Karosseriebewegungen auf ein physikalisch notwendiges Minimum. Das hält die gefühlte Dynamik zwar hoch, führt gleichzeitig aber dazu, dass man sich – mangels eindeutiger Warnsignale – bisweilen näher an die Schwelle zur Gleitreibung heranwagt, als man vielleicht glaubt.
Der Grenzbereich des Maserati wirkt im Vergleich dazu jedenfalls, als hätte man ihn weiträumig mit Trassierband abgespannt. Was zum einen am ehrlicheren Fahrgefühl liegt, das einen zwar auch nicht gerade mit Rückmeldung weichklopft, auf Geschmacksverstärker jedoch weitgehend verzichtet; zum anderen daran, dass einen die Karosserie mit beträchtlicher Schräglage darauf aufmerksam macht, dass man allmählich mal vom Gas gehen sollte.
Weitere Details zu BMW 6er und Maseti GranCabrio finden Sie in der Bildergalerie. Den kompletten Artikel mit allen technischen Daten und Tabellen gibt es als Download im Heftarchiv.

Fazit

von

Stefan Helmreich
Obwohl am Ende nur hauchdünn voneinander entfernt, trennt beide eine halbe Welt. Nicht wegen der Längsdynamik, die der Maserati wegen seines satten Leistungsvorteils hier nur knapp gewinnen darf. Sondern weil der 6er trotz Elektronik-Overkill sowohl querdynamisch als auch emotional seltsam blass bleibt.