Wer im McLaren 600LT Spider die volle Dröhnung will, schließt das Dach und öffnet das Heckfenster. Dann brüllt die 3,8 Liter große Achtzylinder-Posaune aus Woking mit einer solchen Vehemenz in den Innenraum, dass einem fast die Ohren wegfliegen. Das Turbotriebwerk spielt voller Inbrunst die gesamte Verbrennungs-Sinfonie: tief grollend, mit sprotzelndem Zwischengasbellen bis hin zu einem voluminösen Crescendo des achttöpfigen Basses. Angesichts dieses Verbrennungsinfernos fühlt man sich als Fahrer, als ob man inmitten eines Orkans säße. 

Im Fahrwerk steckt eine ganze Menge Motorsport-Erfahrung

McLaren 600LT Spider
Grandios: Der 600 LT Spider geht in 2,9 Sekunden auf Tempo 100 und schafft 324 km/h Spitze.
So betörend der Sound des 600-PS-Triebwerks, so überragend die Agilität des englischen Supersport-Cabrios: Wie das Coupé reagiert der Spider mit einer Verbindlichkeit auf die Lenkbefehle des Piloten, dass es eine wahre Freude ist. Beim Einlenken giert der leichtfüßige Vorderwagen geradezu nach Richtungsänderungen, während die Hinterachse mit ihren doppelten Aluminium-Querlenkern dem Spider bei schneller Kurvenfahrt eine vertrauenerweckende Stabilität gibt. Die exakt arbeitende elektrohydraulische Lenkung komplettiert das Paket. Das Fahrwerk ist straff, ohne jedoch den Insassen mit künstlicher Härte den Spaß am dynamischen Wochenendausflug zu rauben. Auch längere Strecken sind ohne Bandscheibenschäden problemlos drin. Auf der Rennstrecke macht der 600LT Spider genauso viel Spaß wie auf einer kurvigen Passstraße – vor allem mit geöffnetem Dach. Wer alle Scheiben unten lässt, bekommt echtes archaisches Cabrio-Gefühl, allerdings ist diese Erfahrung nur bedingt etwas für Zeitgenossen, die auf eine akkurate Frisur Wert legen.

Der Vortrieb des offenen Supersportlers ist atemberaubend

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Duell der PS-Monster

Die Fahrleistungen stehen denen des geschlossenen McLaren 600LT fast in nichts nach: In 2,9 Sekunden knackt der 600LT Spider die 100-km/h-Marke und stürmt bei geöffnetem Verdeck bis 315 km/h weiter – geschlossen sind sogar 324 km/h drin. Dank der ausgefeilten Aerodynamik, die zum großen Teil vom Coupé übernommen wurde, generiert der Spider bei einer Geschwindigkeit von 250 km/h ebenfalls 100 Kilogramm Abtrieb. Im Gegensatz zu den Vierliter-Varianten hat der 3,8-Liter-V8 keine Twinscroll-Aufladung, was sich in einem leicht verzögerten Ansprechverhalten bemerkbar macht. Der Durchschnittsverbrauch ist mit 12,2 l/100 km für ein Auto dieser Leistungsklasse in Ordnung, allerdings dürften die wenigsten diesen Wert auch nur annähernd erreichen. Der 600LT schreit aus jeder Pore seiner Carbonfasern "tritt mich" – und kann eigentlich nicht langsam gefahren werden. Mit einem Leergewicht von 1297 Kilogramm ist der 600 LT Spider nur 50 Kilogramm schwerer als das Coupé. Diese für ein Cabrio ausgezeichnete Gewichtsbilanz ist ein Resultat des extrem steifen Karbon-Carbonmonocoques, das trotz des fehlenden Daches ohne zusätzliche Verstrebungen auskommt.
Apropos offenes Dach: Scheint die Sonne ins Auto, ist der Infotainment-Bildschirm kaum mehr abzulesen, auch die Grafik ist nicht topmodern. Aber das dürfte einen McLaren-Fahrer nur wenig stören, wenn er in dem Dynamik-Potenzial des Spiders schwelgt. Und dazu gehört auch die standfeste Verzögerung der Carbon-Keramik-Bremsen, die den 600LT aus 200 km/h nach nur 121 Metern zum Stehen bringen. Einen Haken hat die Spider-Freude aber am Ende doch, weil so viel Fahrvergnügen natürlich nicht ganz billig ist: Erst mit 250.000 Euro ist man dabei.
Technische Daten McLaren 600LT Spider • Motor: V8, Mittelmotor • Hubraum: 3799 cm³ • Leistung: 600 PS (441 kW) bei 7500/min • Drehmoment: 620 Nm bei 5500 bis 6500/min • Getriebe: Siebengang-DKG • Antrieb: Heckantrieb • 0-100 km/h: 2,9 s • Vmax: 324 km/h • Leergewicht: 1297 kg • Länge/Breite/Höhe: 4604/1930/1196 mm • Treibstoffsorte: Super • Tankinhalt: 72 l • Verbrauch (EU-Drittelmix): 12,2 l/100 km • Abgas CO2: 276 g/km • Abgasnorm: Euro 6d Temp • Preis 250.000 Euro.

Von

Wolfgang Gomoll