Mercedes Drive Pilot 95: Test
Entspannt Film schauen und Popcorn essen, während das Auto fährt!

Bild: AUTO BILD
Wenn das türkise Licht angeht, weißt du, dass der Computer am Lenkrad dreht. Ich sitze hinter dem Steuer eines Mercedes EQS und fahre auf der rechten Spur hinter einem Lkw über die Autobahn A115, der Avus. In meiner rechten Hand eine Popcorntüte, mein Blick auf den Hyperscreen gerichtet, wo ein Spider-Man-Film läuft. Normalerweise wäre das unverantwortlich, ein Skandal. Doch ich – beziehungsweise der EQS – fährt hochautomatisiert mit aktiviertem Drive Pilot.
Im sogenannten Level 3 übernimmt in diesem Fall der Computer und damit der Hersteller, also Mercedes, die Verantwortung. Dann darf ich als Fahrer ganz legal einen Film schauen, lesen oder am Handy spielen. Nur schlafen ist nicht erlaubt – der Fahrer muss jederzeit übernehmen können.

Bequeme Tour, der Mercedes EQS mit eingeschaltetem Autopiloten im Einsatz.
Bild: Mercedes
Das war bei Mercedes in der S-Klasse und dem EQS zunächst bis 60 km/h auf deutschen Autobahnen möglich, überwiegend gedacht für typisches Stop-and-Go im Stau.
Türkises Licht als offizielles Signal für autonomes Fahren
Ab Ende des Jahres sind mit der Zustimmung des KBA auch längere Strecken auf der rechten Spur bei bis zu 95 km/h erlaubt. Mercedes arbeitet aktuell noch an einer Zulassung für eine türkise Lichtsignatur, die den autonomen Fahrmodus nach außen sichtbar machen soll. So würde auch die Polizei sofort erkennen, dass ich nicht durch die Popcorntüte abgelenkt bin, sondern den Drive Pilot aktiviert habe.
Was Level 3 von Level 2 unterscheidet
Mercedes hat mit Level 3 in Deutschland die Nase vorn, seit diesem Jahr dicht gefolgt von BMW. Alle anderen Herstellern fahren noch auf Level 2 und 2+. Der entscheidende Unterschied zwischen Level 2 und 3: Erst ab Level 3 liegt die Verantwortung beim Hersteller, und das Auto fährt unter bestimmten Umständen wirklich autonom.

Das türkise Licht signalisiert dem Fahrer, dass der Autopilot aktiv ist.
Bild: Mercedes
Level 1 und 2 unterstützen lediglich. Level 4 wäre dann weitestgehend autonom, setzt aber immer noch einen Fahrer voraus. Level 5 würde dann komplett ohne Fahrer funktionieren. Aber so weit sind wir noch nicht. Zuerst will Mercedes die Zulassung für Level 3 bis 95 km/h ab 2025 erreichen und dann im nächsten Schritt die Geschwindigkeit auf 130 km/h erhöhen – das ist gesetzlich bereits möglich.
Drive Pilot 95: Einschränkungen in der Praxis
In der Praxis merke ich schnell, dass die Bedingungen für Level 3 bis 95 km/h einige Kompromisse erfordern. So ist die Aktivierung des Drive Pilot 95 nur auf der rechten Spur möglich und auch nur, wenn ein anderes Fahrzeug, wie ein Lkw, als Referenz zur Verfügung steht. Fährt das Referenzfahrzeug schneller als 95 km/h, bricht der Drive Pilot ab und übergibt die Kontrolle an mich.
Kommt ein Tunnel oder eine Baustelle, schaltet der Drive Pilot ebenfalls ab, weil nicht gewährleistet ist, dass alle nötigen Daten zur Verfügung stehen. Dasselbe gilt, wenn mehrere Brücken hintereinander die Autobahn kreuzen. Sicherheit geht immer vor. Bei der ersten Testfahrt etwas nervig, aber im Alltag sollte es genug Situationen geben, in denen ich mich ungehindert rechts einordnen und mitschwimmen kann.

Eine redundante Systemarchitektur gewährleistet, dass Lenkung, Bremsen und Bordnetz mehrfach abgesichert sind.
Bild: Mercedes
Mercedes rät jedoch aus Sicherheitsgründen davon ab, dabei am Handy oder Laptop zu arbeiten, da diese Geräte den Schutz des Airbags einschränken könnten, wenn sie direkt vor dem Lenkrad platziert werden.
Technologie hinter dem Drive Pilot: Sicherheit durch Redundanz
Der Drive Pilot von Mercedes arbeitet mit einer redundanten Systemarchitektur, die sicherstellt, dass kritische Funktionen wie Lenkung, Bremsen und Bordnetz mehrfach abgesichert sind. Selbst im unwahrscheinlichen Fall einer Störung ist dadurch eine sichere Übergabe an den Fahrer gewährleistet.
Zusätzlich nutzt das System verschiedene Sensoren wie Kamera, Radar, Ultraschall und LiDAR, um die Umgebung in Echtzeit zu erfassen. Mithilfe eines hochpräzisen Positionierungssystems und einer digitalen HD-Karte kann der EQS seinen exakten Standort bis auf wenige Zentimeter genau bestimmen, was die Sicherheit im Level-3-Betrieb weiter erhöht.
Drive Pilot: Update und Verfügbarkeit ab 2025
Aktuell steht der Drive Pilot in der Mercedes S-Klasse und dem EQS als Option zur Verfügung. Für Kunden, die bereits ein Fahrzeug mit Drive Pilot besitzen, wird ein kostenloses Update angeboten, das die höhere Geschwindigkeit von bis zu 95 km/h ermöglicht. Dieses Update soll ab 2025 zur Verfügung stehen und kann entweder als Over-the-Air-Update oder bei einem Werkstattbesuch aufgespielt werden – ohne dass Änderungen an der Hardware nötig sind. Mercedes plant, die Technologie zukünftig auch in anderen Modellen anzubieten.
Fazit
Mercedes hat beim autonomen Fahren in Deutschland die Nase vorn. Das ist wichtig, denn autonomes Fahren wird ein Gamechanger, wenn es massentauglich wird. Dann will sicherlich jeder spätestens im stockenden Berufsverkehr die Verantwortung zeitweise abgeben. Starke Konkurrenz bekommt Mercedes von Anbietern aus den USA und China.
Ich drücke Mercedes und anderen deutschen Herstellern die Daumen, hier das Rennen zu machen – das ist wichtig für die Zukunft unserer automobilen Wirtschaft.
Service-Links
