Mercedes E 200 CGI und /8 230.4: Gebrauchtwagen-Test
Mercedes-Duell W 212 gegen W 115
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Für rund 12.000 Euro gibt es eine vernünftige E-Klasse oder einen gut gepflegten Mercedes Strich-8. Kann sich der Oldie im Alltag rechnen?
Großer Unterschied zum Alten: Der E 200 nimmt Kurven locker und gelassen. Beim Strich-8 gibt es viel Schräglage und Kurbelei.
Bild: Thomas Ruddies / AUTO BILD
Klassischer Stufenschnitt, schwarze Stoffsitze, silberne Hülle und der Stern. Der E 200 CGI aus 2011, den das Autohus (www.autohus.de) in Bockel anbietet, ist so brav-bieder, dass er nicht mal mehr als Liebling der Schwiegermütter taugt. Was hilft die gute Qualität, wenn jeder glaubt, der Wagen wäre eine Leihgabe von Opa? Dabei ist es doch so einfach. Für denselben Kurs einfach den (Ur)-Opa der E-Klasse kaufen. Der legendäre Strich-8. Die intern W 114/115 genannte Baureihe hat die muffige Bürgerlichkeit längst hinter sich gelassen, ist erst zum alternativen Hippiemobil und heute zum fest etablierten und angesehenen Klassiker gereift. Zumindest wenn der Zustand stimmt. Gute Modelle wie der blaue 230.4, der gerade bei AUTO BILD KLASSIK im Dauertest läuft, kosten längst fünfstellig, Tendenz steigend.
Zeitreise in Omas gute Stube
Der spätere BMW- und Peugeot-Designer Paul Bracq entwarf den W 115 betont sachlich und verabschiedete sich damit von der alten Heckflosse.
Bild: Thomas Ruddies / AUTO BILD
Warum also nicht den lästigen Wertverlust und das Imagetal, in das jeder Gebrauchte irgendwann fährt, vermeiden und gleich zum Klassiker greifen? Immerhin gilt beim H-Kennzeichen der pauschale Steuersatz von 192 Euro. Versicherer locken mit attraktiven Konditionen für Klassiker. Gut, der Verbrauch ist mit rund 11 Litern hoch, aber nicht exorbitant. Zudem hält so ein Strich-8 eine unbezahlbare Zeitreise parat: der Geruch, die Federkernrücksitzbank, die direkt aus Omas guter Stube zu stammen scheint, das riesige Lenkrad, die wenigen Knöpfe. Beim Fahren zeigt er mit feinem Komfort, knisterfreier Verarbeitung und laufruhigem Motor, welche Ingenieurskunst die Marke über Jahrzehnte groß gemacht hat. Dass auf der Autobahn der fünfte Gang fehlt: vergeben. Was sollte bei so viel großer Geschichte noch für die sterile E-Klasse der Jetztzeit sprechen?
Mit dem sparsamen Vierzylinder vermisst keiner einen Diesel
Der E 200 CGI ist ein Vierzylinder mit 1,8 Litern, dem ein Turbo den Marsch bläst. So rennt das Basismodell zur Not 236 km/h Spitze.
Bild: Thomas Ruddies / AUTO BILD
Zum Beispiel ihre Qualität. Der W 212 musste zwischen 2009 und 2016 zeigen, dass man in Stuttgart aus den Fehlern der Vorgänger, die mit Rost und störrischer Elektronik zu kämpfen hatten, gelernt hat. Das gelang. Die E-Klasse ist beim TÜV mit besten Quoten ein absoluter Vorzeigekandidat. Vor allem aber ist sie auch bei der gefühlten Qualität wieder da angekommen, wo sie immer sein wollte: ganz oben. Satt rastende Schalter und Knöpfe, die da sitzen, wo man sie erwartet. Auf allen Plätzen herrscht so viel Freiheit, dass niemand eine S-Klasse braucht. Der Vierzylinder läuft so ruhig, dass er den Sechszylinder obsolet macht – und bleibt dabei sparsam. So sparsam, dass es kaum noch Sinn macht, sich nach einem Diesel umzuschauen, der zudem vom drohenden Fahrverbot in zukünftigen Euro-6-Zonen betroffen ist. Wie schon der Alte, zeigt auch der E 200, dass weniger mehr sein kann. Das exakte Sechsganggetriebe lässt keine Automatik vermissen. Sitzheizung? Bei Stoffsitzen verzichtbar. Dafür gibt es einen Tempomat, der noch über einen dicken Hebel aktiviert wird, niedrige Drehzahlen und Sitze, die Langstrecken ihren Schrecken nehmen.
Der Strich-8 ist ein Fall für Wenigfahrer mit Garage
Das Cockpit des Strich-Achter: keine Assistenzsysteme, aber auch keine Ablenkung.
Bild: Thomas Ruddies / AUTO BILD
Aber gewinnt der Oldtimer nicht spätestens bei den Kosten? Immerhin steigen Klassiker im Wert, während die E-Klasse nach fünf Jahren höchstens noch die Hälfte wert ist. Das stimmt zwar, doch der Spagat zwischen Alltagsnutzen und Zustandserhalt gelingt nur mit kräftigen und dauerhaften Investitionen in die Pflege. Jeder Vorteil wird so wieder aufgefressen. Ohnehin gilt der 230.4 mit H-Kennzeichen als automobiles Kulturgut, das nicht im Alter verschlissen werden darf. So bleibt die rollende Kindheitserinnerung am Ende ein Fall für absolute Wenigfahrer mit trockener Garage, die im Winter Bus fahren. Alle anderen bekommen mit der E-Klasse die gleichen Mercedes-Tugenden. Nur alltagstauglicher. Und spätestens bei der Qualität lässt der Opa-E ohnehin alles alt aussehen.
Nicht missverstehen, liebe Klassikerfreunde: Der /8 zählt zweifellos zu den alltagstauglichsten Oldies am Markt. Doch im direkten Vergleich kommt das Fossil an seine Grenzen. Die E-Klasse ist dagegen ein Vorzeige-Gebrauchter ohne Einschränkungen. Ein echter Mercedes dazu.