Ein neuer offener Mercedes ist immer ein Ereignis. Zumal dann, wenn es ein Zweisitzer ist. Solche Mercedes tragen seit 1955 traditionell das Kürzel SL im Namen. Damals hieß die volkstümliche Variante 190 SL, der große Sechszylinder für Playboys, Rennfahrer und feine Leute 300 SL. In Folge baute Mercedes lange Jahre nur diese eine Roadster-Reihe. Erst ab 1996 sorgte der SLK dafür, dass es wieder einen kleinen und einen großen Roadster gab. Klein ist dabei natürlich nicht wirklich klein, der gerade vorgestellte SLK der Baureihe R 172 ist 4,13 Meter lang, hat einen Radstand von 2430 Millimetern und wiegt (Testwagengewicht) 1591 Kilogramm.

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Video: Mercedes SL vs. SLK

Vergleich der Stern-Cabrios

Der SL ist etwas größer, um einiges schwerer und erheblich teurer. Größen- und Gewichtsunterschied wirken sich beim Fahren aber nicht so deutlich aus, wie man es vielleicht erwartet. Beide Roadster mutieren weder zum superagilen Kurvenräuber noch zum Dragster. 5,6 (SLK) und 6,1 Sekunden (SL) bis 100 km/h lesen sich aufregender, als sie sich anfühlen. Das liegt natürlich zum einen an der Perfektion der Siebenstufenautomatik, die unaufgeregt und treffsicher die richtigen Planetenradsätze paart. Es liegt jedoch auch am Sechszylinder, der sich in beiden Roadstern eher unspektakulär gibt. Zur Erinnerung: Der V6 in SL und SLK gehört zur Motorenfamilie M 272 und hat – weil eng verwandt mit der Achtzylinder-Familie M 273 – 90 Grad Zylinderwinkel. Die leichte Rauheit im Ton mag daher rühren, sie passt jedenfalls besser zum spritzigeren Kleinen. Im großen SL könnte man sich eine seidigere Laufkultur vorstellen. Der größte Unterschied dabei: Der V6 im neuen SLK verfügt über Direkteinspritzung, im SL 350 ist noch die traditionelle Saugrohreinspritzung verbaut.

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Mercedes SL
Einfach mehr Mercedes: Der SL hat dem SLK die gewisse Gediegenheit voraus.
Wenig überraschend also, dass der SLK mit der moderneren Motor-Peripherie im Schnitt 1,8 Liter Benzin weniger verbraucht als der SL 350 (Testverbrauch SLK 350: 8,4 Liter, SL 350: 10,2 Liter/100 km). Bei 15 Grad Sonne beschließen wir: Dächer und Windschotts weg, Getriebe auf M wie manuell und die Fingerkuppen auf die Schaltpaddel. Der SL folgt dem SLK mühelos und unaufgeregt. Wohl auch, weil in ihm keine Direktlenkung künstliche Hektik erzeugt. Wenn jetzt hier Punkte vergeben werden müssten: Der SL federt feiner, er hat die bequemeren Sitze und die angenehmere Lenkung. Was nicht so leicht zu punkten ist: Er ist ein großer Mercedes, S- statt C-Klasse halt. Etwas feineres Finish, ein wenig bessere Materialien, schon entsteht der Eindruck, in der Luxusklasse zu verreisen. Nicht dass der SLK Holzklasse wäre, doch im direkten Vergleich ist der SL das noblere Auto. Selbst wenn der Kleinere, wie in diesem Fall, mit Sonderausstattungen von fast 15.000 Euro aufläuft. Mit dabei das neuartige Glasdach Magic Sky Control für 2368 Euro – hier muss der SL passen. Und nur hier.

Fazit

von

Heinrich Lingner
Vermutlich gewänne der SLK 350 einen Vergleichstest nach Punkten gegen den SL 350. Der Kleine hat den sparsameren Motor und ist insgesamt schneller und rasanter. Für den SL 350 spricht – außer dem Mythos SL – die bessere Verarbeitung und jenes unbezahlbare Gefühl, einen großen, gediegenen Wagen zu fahren. Einen echten Mercedes eben.

Von

Heinrich Lingner