Das Lenkrad ist nicht einfach eine beliebige Komponente in einem Auto, es ist die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. Über das Volant erhält der Fahrer Rückmeldung über Unebenheiten, Kurvenstabilität und das Fahrverhalten im Allgemeinen. Seit der Erfindung des Autos hat sich auch die Lenkung immer weiterentwickelt – musste man früher noch mit viel Armkraft kurbeln, reicht heutzutage ein Finger, um das Lenkrad zu bewegen.

Steer-by-Wire wurde erstmals 1996 entwickelt

Mercedes geht ab 2026 noch einen Schritt weiter, bietet erstmals "Steer-by-Wire" in einem Serienmodell an. Genau 30 Jahre nach dem Konzeptfahrzeug Mercedes F200, das wie ein Flugzeug mit Steuerhebel anstelle eines Lenkrades ausgestattet war. Grundsätzlich gilt dabei: Die Lenkung des Autos kommt ohne jede physische Verbindung mit dem Lenkgetriebe aus, sondern wird über einen elektronischen Befehl an das Lenkgestänge weitergegeben.
Mercedes Steer-by-Wire-Testfahrzeug
Steer-by-Wire im Mercedes-Prototyp: Die bisherigen mechanischen Rückstellkräfte entfallen. Stattdessen werden diese mit der neuen Lenkung digital erzeugt.
Bild: Mercedes-Benz AG
Aktive Lenksysteme sind zwar nicht neu, basieren jedoch weitgehend auf sogenannten Überlagerungssystemen, die anders als bei einer herkömmlichen Servolenkung das Übersetzungsverhältnis zwischen Lenksäule und Lenkgetriebe verändern können. Entgegen dem Drive-by-Wire-System ist diese Form der Aktivlenkung aber noch mit dem Lenkrad physisch verbunden, um die Lenkfähigkeit bei einem Ausfall der Hydraulik oder Pneumatik aufrechtzuerhalten.
Eine Entkopplung der mechanischen Verbindung bietet viele neue Möglichkeiten: So kann die Lenkung geschwindigkeitsabhängig variieren, sodass ein Umgreifen am Lenkrad unnötig wird. Darüber hinaus lässt sich die Lenkung des Autos an verschiedenste Kundenanforderungen anpassen. Auch der Gestaltung des Lenkrads bringt das mehr Spielraum, die typisch runde Form ist nicht erforderlich. Im Falle der neuen Mercedes-Lenkung kommt ein Volant im Yoke-Design (ähnlich wie beim Tesla Model S Plaid) zum Einsatz: Es ist oben und unten deutlich flacher gestaltet.

Redundante Steuerung soll Ausfälle vermeiden

Doch nicht nur die Gestaltung hat ihre Vorteile. Dank der Entkopplung kann bei E-Autos während der Ladepausen das Lenkrad wie ein Gaming-Controller bedient werden, Ladezeiten werden dadurch spielerisch zu kurzen Pausen.
Mercedes Steer-by-Wire-Testfahrzeug
Jeweils über eine Million Kilometer wurde das System auf dem Prüfstand und auf Erprobungs-Kilometern getestet.
Bild: Mercedes-Benz AG
Um für die Serie eine Zulassung zu bekommen, muss die Drive-by-Wire-Steuerung allerdings redundant ausgeführt sein. Heißt: Die fahrzeugseitige Daten- und Spannungsversorgung ist doppelt vorhanden, sodass im Falle eines Ausfalls das zweite System übernimmt und die Lenkfähigkeit jederzeit gewährleistet ist. Bei einem Komplettausfall soll dank Hinterachslenkung und gezielter Bremseingriffe an den einzelnen Rädern über das ESP eine Querführung möglich sein.
Mit der Steer-by-Wire-Technik ist Mercedes der erste deutsche Autohersteller, der eine elektronische Lenkung ohne klassische Lenksäule in Serie bringt. Die Technik bietet viele Vorteile – das Lenkrad hingegen ist gewöhnungsbedürftig.