Fahrbericht Mercedes Vision Urbanetic

Mercedes Vision Urbanetic: Test

Vollautonom durch Las Vegas

Mercedes drückt beim autonomen Fahren aufs Gas: Im Rahmen der CES ging es im Vision Urbanetic ohne Fahrer durch Las Vegas – und AUTO BILD saß drin.
Es ist kühl. Das Thermometer zeigt gerade einmal fünf Grad Celsius, und die ersten Tänzer verschwinden bereits aus dem Planet Hollywood Casino. Nachts um kurz vor halb drei ist auf dem legendären Las Vegas Strip noch einiges los – selbst mitten in der Woche ist es wegen der Reklamewände taghell, und einige Autos stehen im Ampelstau. Gerade fährt ein hell beleuchteter Werbelaster vorbei, der großflächig mit spärlich bekleideten Damen und dem Schriftzug "your sweetest temptation" lockt. Der Fahrer glotzt sich nach dem kugelrunden Ei auf der rechten Fahrspur des Las Vegas Strip die Augen aus und verursacht beinahe einen Unfall. In der Spielermetropole ist es umgeben von den größten Hotels der Welt an sich nicht einfach aufzufallen. In dieser Nacht sind es keine Filmaufnahmen für den neuesten Ocean's-Streifen oder Hangover IV, die für Aufsehen sorgen, heute lockt die erste Testfahrt mit dem Mercedes Vision Urbanetic das Partypublikum auf dem Gehsteig an.

Bis zu zwölf Personen haben in der futuristischen Studie Platz

Schöne neue Autowelt: Der Vision Urbanetic wird per App bestellt und steuert sein Ziel voll autonom an.

Auf der Nutzfahrzeug-IAA im Herbst 2018 feierte die Zukunftsstudie ihre Premiere. Ein 5,14 Meter langer und 2,33 Meter hoher People Mover für die Innenstadt, in dem führerlos bis zu zwölf Personen befördert werden. "Die erste Idee zu dem Fahrzeug hatten wir bereits im Sommer 2017", erinnert sich Projektleiter Thomas Moser: "Erst die Konzeption, und dann hat es noch rund vier Monate gedauert, die Studie selbst zu bauen." Gerade hat das silber-schwarze Ei auf Rädern vor dem Planet Hollywood auf Höhe der Hausnummer 3700 Halt gemacht. Gestoppt wird nicht an der Bushaltestelle, die sich rund 50 Meter weiter straßenaufwärts befindet; das Transport-Ufo aus einer anderen Welt verharrt in einer kleinen Parkbucht. Anhalten, Tür öffnen, Einsteigen, Tür zu und weiter geht es Richtung Norden. Die Beförderung ist in dieser Nacht der Jungfernfahrt kostenlos, und sie bietet den Passagieren ganz neue Fahreindrücke: Rund um die illuminierte Dachluke informiert in dem Fahrzeug ein LED-Band über die Sehenswürdigkeiten der direkten Umgebung. Bellagio, Aria, Paris und Treasure Island.

Der Vision Urbanetic ist tagsüber Transporter und nachts Taxi

Variabel: Auf der Antriebsplattform der Studie lassen sich Personen- oder Transportmodule montieren.

Das Ei des mobilen Zukunfts-Columbus rollt den leerer werdenden Strip hinauf. Man sitzt bequem auf dem roten Pseudo-Sofa und genießt den Ausblick. Das Elektrogefährt überholt lautlos ein Taxi, das hell blinkend die nahe gelegene Avenger Station bewirbt, die im Treaure Island Casino eine der Publikumsattraktionen darstellt. Doch die eigentliche Schau ist in dieser Nacht der elektrisch surrende Urbanetic, den Mercedes so autonom wie er fährt, nur allzu gerne in Serie bringen würde. Ob und wann – daran wird derzeit gearbeitet. Das Wechselkonzept mit einer variablen Kabine macht das ganze Projekt teuer. "Daher ist das aktuell nicht gesetzt", erläutert Moser. Mit der Konzeptstudie will Mercedes zeigen, wie Waren, Güter und Personen voll autonom und ohne Fahrer in Städten transportiert werden könnten. Technische Basis für den zukünftigen Transporter ist eine flache Plattform mit Batterie, Antriebs- und Steuerungstechnik, die sich durch wenige Handgriffe mit einem Cargo- oder einem Personenmodul bestücken lässt und auf einem Mercedes eVito basiert.

Highlights der CES 2019: Bilder

"Beim Vision Urbanetic handelt es sich um ein völlig neues Mobilitätskonzept, das konsequent auf die tatsächlichen Bedürfnisse sowie auf Effizienz und Nachhaltigkeit ausgelegt ist", erklärt Gerd Reichenbach, Leitung Strategie bei Mercedes Vans, "frühmorgens und am späteren Nachmittag im Berufsverkehr kann die Flotte verstärkt mit dem People Mover bestückt werden. In anderen Zeiten könnte das System mit einem Cargomodul für den Warentransport genutzt werden. Aufgrund des nahezu lautlosen Elektroantriebs eröffnet das System zusätzliche Optionen für die Spät- oder Nachtanlieferung."

Weitere Testreihen auf großen Firmengeländen sind denkbar

Bis der Rahmen für autonomes Fahren Level 5 festgelegt ist, soll im Werksverkehr getestet werden.

Mit dem aerodynamisch geformten Personenmodul wie hier in Las Vegas aufgerüstet, wäre unter anderem ein Einsatz als Ruftaxi, bei Busunternehmen oder Ridesharing-Firmen denkbar. Bestellen kann man den voll elektrischen Personentransport ganz einfach per App. Ohne zu Fuß zu einer Haltestelle zu gehen, holt einen der Vision Urbanetic an der eigenen Haustür ab und bringt einen ans gewünschte Ziel – vollautonom und je nach Dienstanbieter allein oder kostengünstig zusammen mit anderen. Der Innenraum ist großzügig – nicht zuletzt weil der Fahrerarbeitsplatz mit Pedalen, Lenkrad und Cockpit komplett wegfällt. Die Möglichkeiten, die ein Konzept der Vision Urbanetic bietet, sind auf einer vergleichsweise kleinen Verkehrsfläche nahezu unbegrenzt. Stehen müsste der Urbanetic dann allein zum Laden seines Akkupaketes. So lange die gesetzlichen Gegebenheiten im öffentlichen Straßenverkehr für autonome Fahrzeuge Stufe fünf nicht geregelt sind, wäre ein Einsatz auf großen Firmengeländen in abgeschlossenen Bereichen immerhin deutlich früher als in den 2030er-Jahren möglich. Thomas Moser: "Dadurch könnten wir wichtige Erfahrungen sammeln."

Autor: Stefan Grundhoff

Stichworte:

Autonomes Fahren

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