Es ist 15:25 Uhr und endlich Schulschluss für die Klasse 10 B. Schnurstracks rennen die Pennäler deshalb zur Bushaltestelle. Nur Timon Bornhalm nicht. Obwohl erst 16 Jahre alt, spaziert er stolz auf den Parkplatz hinter der Gesamtschule am Seilersee, steigt ganz selbstverständlich in sein Auto und fährt auf eigener Achse in den Feierabend.
In Zeiten, in denen uns Opel oder Fiat die Mikromobilität mit Autos wie dem Rocks und dem Cinquecento schmackhaft machen wollen, ist das zwar keine Sensation mehr. Doch erstens ist dieser Trend zumindest in Iserlohn noch nicht angekommen. Und zweitens fährt Timon keinen gewöhnlichen Leichtkraftwagen. Er pendelt damit auch nicht nur zwischen Schule und Sportplatz oder Kinderzimmer und den Partys seiner Kumpels. Sondern er geht damit auch am Wochenende auf Tour, und in den Ferien fährt er sogar auf eigener Achse in den Urlaub. Denn Timon hat sich sein erstes, nun ja: Auto zum wahrscheinlich kleinsten Wohnmobil der Welt ausgebaut.
Zum Wohnen ist es gemütlich im Mikrocamper. Aber schlafen können darin nur Yogis. Deshalb hat Timon ein Zelt auf das Dach geschnallt.
Bild: Thomas Geiger
Basis dafür ist der französische Aixam D-Truck Van, der eigentlich nur einen Kunststoffkasten auf dem Heck trägt und normalerweise auf Betriebshöfen, von Gemeindeverwaltungen oder Hausmeisterdiensten eingesetzt wird.

Acht Wochen voller Schrauberarbeit

Doch weil Timon von Geburt an Camper ist und sein Vater obendrein eine Werkstatt für Wohnwagen hat, ist sein Aixam deshalb jetzt ein Apartment auf Rädern – selbst wenn der Kasten des Mikrocampers bei 1,35 Meter Länge und 1,46 Meter Breite weniger Platz bietet als eine Schlafkapsel am Flughafen.
Auf jedem Campingplatz kommt Timons kleines Wohnmobil groß raus, zumal er es mit Lichterkette und Co hübsch inszeniert.
Bild: Thomas Geiger
Acht Wochen lang haben Vater und Sohn dafür gemeinsam gezimmert und geschraubt, haben die hauchdünnen Plastikwände isoliert und Fenster in den Aufbau geschnitten, haben einen Rahmen eingezogen, der stabil genug für den Dachträger samt der entsprechenden Lasten ist, haben Zusatzscheinwerfer und eine Rückfahrkamera installiert und die Kabine entsprechend ausgebaut – und das alles, ohne das Gewichtslimit von 842 Kilogramm zu reißen.

Investition in die Freiheit

Insgesamt haben sie so noch einmal drei- bis viertausend Euro in den Aixam gesteckt, den Timon mit Geld von der Familie und ein paar Ferienjobs billig bekommen hat. Denn neu kostet der Kleinsttransporter immerhin 18.000 Euro und sprengt jedes Taschengeld-Konto.
Der Camper ist für Timon zum zweiten Zuhause geworden. Er fährt damit zur Schule und geht übers Wochenende auf Reisen.
Bild: Thomas Geiger
Kaum größer als eine Besenkammer, zieht sich im D-Truck deshalb jetzt eine bequeme Sitzbank über Eck durch die Kabine – natürlich mit ordentlich Stauraum darunter und einem Akku darin, der während der Fahrt geladen wird und im Stand die Energieversorgung des Mikrocampers sichert. Links der Tür gibt es einen kleinen Vorratsschrank, rechts ist die Küchenzeile mit Kühlschrank, Spüle und Zweiflammenherd. Selbst ein Fernseher hängt von der Wand, und natürlich darf auch eine Ambientebeleuchtung nicht fehlen.
Nur für ein Bett hat der Platz nicht gereicht. Weil Timon weder im Sitzen schlafen will noch in einer Yoga-Pose, macht er sich stattdessen die erhöhte Traglast zunutze und übernachtet bequem im Dachzelt, unter das er für alle Fälle auch noch ein bisschen Bergungswerkzeug geschraubt hat. Man weiß ja nie.
Selbst im Winter ist Timon mit dem Mikrocamper unterwegs und lässt sich auch von Frost nicht stoppen.
Bild: Thomas Geiger
Das dicke Paket auf dem Dach ist zwar schlecht für den cw-Wert, aber Fahrdynamik ist beim Aixam ohnehin eher nebensächlich. Denn der Zweizylinder-Diesel macht zwar Lärm wie ein Großer und knattert laut und vernehmlich, wenn Timon vom Schulhof düst. Doch mehr als 8 PS holt der Kubota-Motor nicht aus seinen 479 Kubikzentimetern, und schneller als 45 km/h darf er ja ohnehin nicht fahren.

20.000 Kilometer – und kein Ende in Sicht

Das bremst Timon allerdings nicht aus. Nicht umsonst hat er schon über 20.000 Kilometer mit dem Knirps abgespult. Während er unter der Woche vor allem in und um Iserlohn und seinem zehn Kilometer entfernten Heimatdorf unterwegs ist, geht’s übers Wochenende schon mal zum Campen an den Möhnesee. Und in den Ferien hat er es bereits bis an die Nordsee geschafft – selbst wenn er für die 360 Kilometer stolze acht Stunden gebraucht hat.
Sogar im Winter ist er mit dem Wohnmobil unterwegs und zeigt stolz ein paar Fotos, auf denen dicker Raureif den Camper überzogen hat. Und egal wo er auftaucht, steht er im Mittelpunkt des Interesses. Schließlich ist sein weißer Winzling nicht nur der Kleinste auf jedem Campingplatz, sondern meist gibt es auch kaum einen Gast, der jünger ist.
Große Sprünge sind mit dem kleinen Camper nicht drin. Der Zweizylinder leistet nur 8 PS und darf nicht schneller als 45 km/h fahren. Das hält Timon aber nicht von Fernreisen ab – im Sommer geht's bis nach Spanien damit.
Bild: Thomas Geiger
Entsprechend bekannt ist Timon mittlerweile in der Szene und will das später auch für seine Karriere nutzen. Klar steht jetzt bald erst mal das Abi an, und einen richtigen Führerschein macht er natürlich auch, weil er schließlich von einem 3er-BMW träumt und irgendwann mal groß auffahren will auf dem Campingplatz. Doch wenn er alle Papiere in der Tasche hat, soll sein Job schon was mit Autoveredelung und Campingmobilen zu tun haben, skizziert er seine Zukunft.
Jetzt allerdings plant Timon erst einmal sein nächstes großes Abenteuer. Denn der Schüler ist wild entschlossen, seine kleine große Freiheit im großen Stil zu genießen. Zumal er seit seinem 16. Geburtstag mit dem Leichtkraftwagen auch ins Ausland darf. Weil das von Lünen aus ziemlich weit ist, hat es dafür bislang noch nicht gereicht.
Doch bald sind Sommerferien, dann geht es mit dem Mikrocamper samt Anhänger und einem Kumpel 1500 Kilometer nach Spanien an die Costa Brava. Dass sie dafür etwas länger brauchen, stört die beiden nicht: "Wir haben ja sechs Wochen Zeit."