Mit dem Mercedes Arocs in der Kupfermine
Die Mädchen von Mittelerde
Bild: Thomas Geiger / Fabian Hoberg
Ob es Tag oder Nacht ist, hat Azzaya vergessen, und dass es draußen eiskalt ist, interessiert sie genauso wenig. Schließlich ist es bei ihr immer dunkel, und das Thermometer zeigt das ganze Jahr über konstante 22 Grad. Denn die 28-Jährige arbeitet 1300 Meter tief unter der Erde in der Kupfermine Ojuu Tolgoi in der südlichen Mongolei, die dem Boom für Elektroautos sei Dank bald zu den größten der Welt zählen will.
Während sich ihre 1000 Kollegen pro Schicht zwölf Stunden durch Dreck und Staub kämpfen müssen und pro Tag heute 30.000 und bald sogar 95.000 Tonnen Erz aus der Erde brechen, sitzt sie in der klimatisierten Kabine ihres Mercedes Arocs und steuert mit ihren filigranen, fein manikürten Fingern einen martialischen Road Train durch die engen Röhren, in denen links und rechts oft nicht mehr als 50 Zentimeter Luft bleiben. Und das mit 30 Meter Lastwagen und 160 Tonnen Ladung im Nacken.
Mercedes Arocs: Tempo auf 20 km/h limitiert
Zwar ist das Tempo in den 200 Kilometer langen Tunneln der Mine auf 20 km/h limitiert und ihr Laster dafür sogar elektronisch abgeregelt. Doch braucht es Weitblick und Fingerspitzengefühl, um den Lindwurm heil durch dieses Labyrinth zu steuern – erst recht, weil es außer an den Kreuzungen stockfinster ist und zudem ständig eine dicke Staubschicht in der Luft liegt, durch die ihre LED-Scheinwerfer nur trübe Lichtkegel werfen.

Choijilsuren ist eines der Mädchen von Mittelerde und steuert den riesigen Road Train durch das Labyrinth 1300 Meter unter der Erde.
Bild: Thomas Geiger / Fabian Hoberg
Azzaya ist in diesem Job nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Denn zwei Jahre nach dem Start des Abbaus sind hier unten gleich vier Road Trains unterwegs, und bald sollen es zwei Dutzend sein – und die allermeisten Fahrer sind Frauen wie Azzaya, die selbst hier unten in Mittelerde dezentes Make-up unter ihrer Atemschutzmaske trägt. Und auch unter den anderen Bergmännern draußen sind schon jetzt die Hälfte Frauen, und bald sollen es sogar 70 Prozent ein. Nicht umsonst ist jedes zweite Dixi-Klo rosa, das sie hier alle paar Hundert Meter in die Nischen gequetscht haben. Und nicht ohne Grund steht beim Fahrzeugimporteur MSM in der Hauptstadt Ulan Bator gerade ein durch und durch pink lackierter Arocs, der für "Frauen im Bergbau" werben will.
Das Einzige, was die Truckerin dabei allerdings mit ihren Kollegen draußen im Stollen und auf den Sohlen gemein hat, ist ihre Uniform. Denn sogar hinter dem Lenkrad trägt sie Helm und Grubenlampe und hat sich den Selbstretter mit der künstlichen Lunge an den Bergmannsgurt geschnallt.
Kein Truckerlook
Genau wie ihre Arbeitskleidung nichts mit dem üblichen Truckerlook gemein hat, ist auch ihr Laster keiner von der Stange. Gut und gerne zwei Millionen Euro teuer und auf 15 Achsen mit zusammen 56 Rädern gestreckt, ist auf dem Weg vom Mercedes-Werk in Wörth in den Fernen Osten aus dem Baustellen-Laster ein Sonderling geworden, den sie für den Einsatz unter Tage kräftig umgebaut haben.

Über die Hälfte der Mitarbeiter unter Tage sind Frauen, in den Kabinen der Road Trains ist die Quote noch höher. Deshalb fahren jetzt pinke Trucks und werben für "Women in Mining".
Bild: Thomas Geiger / Fabian Hoberg
Das beginnt beim Radar, der Azzaya dabei hilft, den Koloss auf Kurs und Abstand zu den grob betonierten Wänden zu halten, führt über die automatische Feuerlöschanlage und den Luftfilter für die Kabine und endet bei der Verstärkung von Rahmen und Bremsen. Denn wo der Arocs im Dienst auf deutschen Straßen auf ein Gesamtgewicht von 41 Tonnen ausgelegt ist, wiegt so ein Road Train mal eben das Sechsfache. Schließlich schleppt der Bulle von Benz hier zwei Anhänger, die jeweils mit 80 Tonnen Erz beladen werden.
Kein Wunder, dass der 15,6 Liter große Sechszylinder trotz 625 PS, 3000 Nm und vier angetriebenen Achsen ganz schön ackern muss, wenn es auch nur die kleinste Steigung hinaufgeht. Und kein Wunder, dass sie in Wörth einen riesigen Kühlturm hinter die Kabine gebaut haben, damit der Motor und die Kupplung nicht abrauchen bei der Plackerei.
Daran, das Erz bis an die Oberfläche zu kutschieren, ist deshalb nicht zu denken – selbst wenn es mittlerweile eine drei Kilometer lange Rampe ans Tageslicht gibt. Stattdessen stellt Azzaya ihren Truck nur unter eine gigantische Schütte, aus der sie mit dem Joystick Brocken auf ihre Pritsche fallen lässt, die bisweilen so groß sind wie ein Kleinwagen. Abgebaut werden die in der Etage darüber, wo zweimal am Tag gesprengt wird und das Erz so von oben langsam nachrutscht.

Die Mädchen von Mittelerde fahren die Trucks nicht nur, sondern begleiten sie auch in die Werkstatt und helfen bei der Wartung.
Bild: Thomas Geiger / Fabian Hoberg
Mit viel Fingerspitzengefühl zieht sie ihren rund 30 Meter langen Road Train im Schritttempo nach vorne, bis das Erz gleichmäßig in den beiden riesigen Stahlwannen verteilt ist. Dann fährt sie es auf einem drei Kilometer langen Rundkurs zum nächsten Bunker, von dem aus es aktuell in einen riesigen Materialaufzug fällt und später mit einem schier endlosen Förderband nach oben geschafft wird. Und dann geht der Spaß von vorne los – und sie macht die Runde etwa 30-mal pro Schicht.
Endloser Kreisverkehr
Wenn die Mine, deren Einrichtung bald 20 Jahre gedauert hat, mal auf vollen Touren läuft, soll in diesem endlosen Kreisverkehr 1300 Meter unter der Erde alle drei Minuten ein Road Train rollen. Und das 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche und 52 Wochen im Jahr. Denn bis auf die zwei kurzen Sprengpausen meist zum Schichtwechsel um 5 und um 17 Uhr steht die Mine nie still und die Laster deshalb auch nicht. Deshalb haben sie auch eine komplette Werkstatt unter Tage eingerichtet und eine Tankstelle natürlich ohnehin. Wenn alles rund läuft, soll die Förderung so bald auf 35 Millionen Tonnen im Jahr gesteigert werden, die oben in riesigen Hallen aufbereitet, zerkleinert und nach China gekarrt werden.
Dort werden aus einer Tonne Erz im besten Fall 30 Kilo Kupfer gewonnen, dazu noch bis zu 30 Gramm Gold und ein knappes Dutzend weitere Edelmetalle. Damit stillt Minenbetreiber Rio Tinto nicht zuletzt den Materialhunger der Generation E, die mit dem Elektroauto für einen gewaltigen Nachfrageboom sorgt. Denn in jedem Akku-Auto stecken rund 80 Kilo Kupfer, viermal mehr als in einem Verbrenner. Und weil man auch für jedes Windrad fünf Tonnen braucht und überall das Stromnetz ausgebaut wird, steigt die Nachfrage nach Kupfer ständig. Und hier in Ojuu Tolgoi wollen sie die befriedigen: 500.000 Tonnen Kupfer pro Jahr wollen sie hier aus der Erde kratzen – genug für 16.400 Elektroautos oder 1600 Windkraftanlagen pro Tag.

Die Mine in Ojuu Tolgoi hat Rio Tinto in bald 20 Jahren aus dem Boden gestampft. Gearbeitet wird hier rund um die Uhr – in zwei Schichten von 5 bis 5.
Bild: Thomas Geiger / Fabian Hoberg
Azzaya kann von einem Elektroauto allerdings nur träumen. Zwar verdienen die mongolischen Mädchen von Mittelerde deutlich mehr als der Durchschnitt. Doch die 28-Jährige ist schon froh, dass sie sich wie so viele der 3,3 Millionen Mongolen einen klapprigen Gebrauchten aus Japan leisten kann. Nicht umsonst kommen hier auf rund 10.000 fabrikneue Autos im Jahr noch einmal über 100.000 Neuzulassungen, die in Tokio oder Osaka schon durch ein paar Hände gegangen sind. 60 Prozent davon sind sogar älter als zehn Jahre.
Kein Wunder, dass alle nur lachen, wenn die Regierung bis 2026 immerhin 20.000 E-Autos auf den Straßen von Ulan Bator oder Erdenet sehen und so ein bisschen vom eigenen Kupfer zurück ins Land holen will. Denn mehr als ein paar Hundert Stromer haben es bislang noch nicht auf die Straßen der Mongolei geschafft.

Weil es in der Mongolei nicht genügend Energie gibt, wird das Erz zur Weiterverarbeitung mit Trucks wie diesem nach China gefahren. Zur Grenze sind es nur 80 Kilometer.
Bild: Thomas Geiger / Fabian Hoberg
Azzaya hat viel Zeit, über solche Fragen nachzudenken. Denn so sehr sie sich konzentrieren muss bei der Fahrt durchs endlose Nadelöhr und dabei wachsam in den Spiegel schaut, dass die hinteren Achsen auch ja mitlenken, so monoton ist ihr Job und so bleischwer überfällt sie bisweilen die Müdigkeit. Schließlich ist hier immer Nacht und immer mollig warm. Und weil es unter Tage zwar WLAN gibt, ihr Arocs aber kein Radio hat, fängt sie irgendwann laut zu singen an und hält sich damit wach. Bis sie merkt, dass sie heute einen Besucher hat und ihr die Schamesröte ins strahlende Gesicht steigt.
Keine Fernfahrer-Romantik
Natürlich hat das wenig mit Fernfahrer-Romantik zu tun, doch mit den Truckern, die das Kupfererz zu Hunderten in alten Lastern aus der Volksrepublik oder Russland über die nur 80 Kilometer entfernte Grenze nach China fahren, will sie nicht im Traum tauschen. Denn erstens endet ihr Tag da, wo er morgens angefangen hat, zweitens muss sie im Sommer nicht bei über 40 Grad schwitzen und im Winter nicht bei 30 Grad unter null frieren, sondern arbeitet konstant bei 22 Grad. Und vor allem verdient sie etwa doppelt so viel wie die Kollegen oben auf der Erde. Und ein bisschen wie bei Jules Verne auf dem Weg zum Mittelpunkt der Erde oder bei den Hobbits in Mittelerde darf sie sich obendrein fühlen.
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