Mythos Maybach

Ein Blick ins Paradies

Lang ist es her, dass ein Auto den Namen Maybach tragen durfte: 61 Jahre. Wie haben das die Schönen und Reichen dieser Welt bloß ausgehalten? Jetzt kommt der Neue.

Ein Leben mit Maybach-Motoren

Strahlender Sonnenschein, 20 Grad ¬≠ ein Fr√ľhlingstag am Bodensee. Vor uns, auf der Friedrichshafener Seepromenade, steht das wohl prunkvollste St√ľck Auto-Geschichte. Nein, kein Rolls-Royce, Bentley oder Mercedes, sondern ein Maybach Zeppelin DS8. Mercedes und Maybach -¬≠ das ist eine Geschichte voller Gemeinsamkeiten, aber auch st√§ndiger Zwistigkeiten.

"Wenn wir bei Maybach den Namen Mercedes h√∂rten, hatten viele den Stern ¬≠allerdings in Rot ¬≠vor Augen." Der √§ltere Herr neben mir mit dem Maybach-Emblem im Knopfloch hei√üt Gustav Burr und wei√ü, wovon er redet, wenn er √ľber das "enge" Verh√§ltnis zwischen Daimler-Benz und Maybach spricht. "Die bei Daimler hielten nichts von uns und wir nichts von ihnen. Die konnten keine gescheiten Motoren bauen und wir in ihren Augen auch nicht." Aha.

"Wenn Sie √ľber Maybach schreiben, dann m√ľssen Sie mit Herrn Burr reden", wurde mir von vielen Seiten geraten. Wie dankbar bin ich jetzt f√ľr diesen Tipp. Seit den sechziger Jahren besch√§ftigt sich der mittlerweile 81-J√§hrige mit der Firmen-Historie, ist ein wahrer Experte und spr√ľht vor schw√§bischem Witz. Wer ihn auf sein Leben mit Maybach anspricht, tritt eine Lawine an Geschichten und Anekdoten los. Mit einem Funkeln in den Augen berichtet Gustav Burr √ľber die Ereignisse bei Maybach Motorenbau, als w√§re alles erst gestern gewesen. Seine Erz√§hlungen werden zu einer Zeitreise.

Maybach, ­das ist sein Leben. Und nicht nur seins. Maybach-Motoren bestimmten fast ein Jahrhundert das Leben der Familie Burr. Der Vater arbeitete zuerst bei Zeppelin und wechselte 1910 als siebter Mitarbeiter zu Maybach. Sohn Gustav, 1921 geboren, startete seine Maybach-Karriere 1936 und blieb bis 2001.

Friedrichshafen, die Wiege des Luxus

Nun, 61 Jahre nach Fertigstellung des letzten Maybach, schickt sich DaimlerChrysler an, den Markt der Premium-Automobile zur√ľckzuerobern. Mittlerweile haben die gro√üen Automobilkonzerne ihre Leidenschaft f√ľr s√ľndhaft teure Luxuswagen entdeckt. Ein Grund, weshalb man sich in den DaimlerChrysler-Vorstandsetagen pl√∂tzlich wieder an die kleine, aber feine Marke aus Friedrichshafen erinnerte. DaimlerChrysler sch√∂pft damit im Rennen um Marktanteile im Luxussegment sozusagen aus dem reichen Fundus eigener Firmengeschichte.

Und der alte Streit zwischen den "Big M" wird um ein weiteres Kapitel erweitert. Der neue Maybach wird nat√ľrlich nicht in Friedrichshafen gefertigt. In Sindelfingen steht die Wiege des derzeit luxuri√∂sesten Fahrzeuges der Welt. Doch das ist nicht die einzige Neuerung. Das Firmenzeichen des "Maybach-Motorenbau", das doppelte M im Bogendreieck, wurde √ľbernommen und steht heute f√ľr "Maybach-Manufaktur".

Zur√ľck in der Jetztzeit: Passanten auf der Promenade teilen mein Interesse am historischen Fahrzeug und erschweren unserem Fotografen die Arbeit. Immer wieder wird der Zeppelin regelrecht belagert, das Gespr√§ch mit Gustav Burr von Leuten unterbrochen, die ihn erkennen, "des isch doch a Maybach?" fragen, und etwas √ľber die Geschichte des Wagens wissen wollen.

So habe ich Zeit, die barocken Formen des DS8 zu bewundern. Chrom blitzt in der Nachmittagssonne, und die noch urspr√ľngliche Zweifarbenlackierung strahlt wie eh und je. Ich schnappe nebenbei die technischen Daten der Limousine auf und warte, ob sich einer der Bewunderer zu √Ąu√üerungen wie "Das waren noch Autos" oder "Das waren noch Zeiten" hinrei√üen l√§sst. Die S√§tze werden gesprochen, und ich bin wieder in der Maybach-Historie.

3,5 Tonnen, 200 PS und Lastwagenreifen

Der Zeppelin ist ein echtes Dickschiff (¬≠entschuldigen Sie, Herr Maybach). Mit einem Gewicht von 3,5 Tonnen und 5,51 Meter L√§nge ist er ein Relikt aus Zeiten, als kein Mensch nach knubbeligen Kleinwagen fragte. Wer etwas auf sich hielt, fuhr einen Zeppelin. Der 200 PS starke und 180 km/h schnelle Luxuswagen ist auf riesigen indischen Lastwagenreifen in 20 Zoll unterwegs. Es war zu seiner Zeit (Baujahr des Chassis 1938, die Karosse fertigte Firma Spohn aus Ravensburg 1939) das wohl exklusivste und repr√§sentativste Automobil, dass man f√ľr Geld kaufen konnte.

Mit dem b√§rigen Durchzug seines Zw√∂lfzylinders, mit acht Liter Hubraum und einem Verbrauch von knapp 30 Litern bei forcierter Gangart beeindruckt er noch heute. In Sachen Alltagstauglichkeit m√ľssen heutige Besitzer Kompromisse eingehen. Bei 28 Meter Wendekreis und fehlender Servounterst√ľtzung wird das Einparken zum Abenteuer. Das schreckte damals aber niemanden. Denn wer fuhr Maybach? Eigentlich die gleiche Zielgruppe, die DaimlerChrysler auch heute im Auge hat: die Elite aus Politik, Wirtschaft, Sport und Unterhaltung.

"Wir haben fr√ľher dokumentiert", so Burr, "welcher Wagen wann und wie ausgeliefert wurde. Nur an wen nicht." Bekannt ist, da√ü Box-Legende Max Schmeling einen Maybach fuhr." Auf sp√§tere Anfragen hat er geantwortet, er wisse wohl, dass er mal einen Maybach besessen habe. Welchen Typ oder was aus dem Wagen geworden ist, dar√ľber konnte Schmeling nichts sagen." Eigentlich eine Schande, einen Maybach zu verlieren". Nicht nur wegen des astronomischen Gegenwerts von drei Einfamilienh√§usern. Den Wert des Zeppelin aus dem Friedrichshafener Museum sch√§tzte das Auktionshaus Christie's auf 750.000 Euro. Damit ist er deutlich teurer als "der Neue".

Luxus-Neuauflage von Mercedes

Als Gustav Burr vor ein paar Jahren den Prototypen mit einem Stern sah, lief es dem Maybach-Veteranen kalt √ľber den R√ľcken. "Nach der √úbernahme durch Daimler-Benz lie√üen die doch kein gutes Haar an Maybach." Nach Ansicht der "Mayb√§chler" w√ľrdigen Technikhistoriker den Anteil Wilhelm Maybachs an der Entwicklung des ersten Mercedes-Personenwagens nur ungen√ľgend. Ein Maybach mit Stern w√§re daher ein Schlag ins Gesicht eines jeden Mayb√§chlers.

Die Definition von Gustav Burr f√ľr "Mayb√§chler" ist einfach: "Entweder man besitzt einen Maybach, arbeitete bei Maybach oder ist selbst ein Maybach". In der Fr√ľhlingssonne zeigt sich Gustav Burr vers√∂hnlich. Der Neuauflage sieht er optimistisch entgegen. "Ist doch ein sehr sch√∂ner Wagen," sagt er nach einem Blick auf das Maybach-Bild aus Genf. St√∂rt es ihn, dass man jetzt in Sindelfingen werkelt? "Wissen Sie, Maybach hat nie ein komplettes Fahrzeug gebaut. Immer nur das Chassis."

Aus der Vergangenheit wei√ü er: Die Aufbauten lieferten angesehene Karosseriebauer wie Spohn in Ravensburg, Gl√§ser in Dresden, Erdmann & Rossi in Berlin oder D√∂rr & Schreck in Frankfurt. Da l√§sst sich Sindelfingen verschmerzen. Die Inneneinrichtung ¬≠wegen der Fahrzeugma√üe ist die Bezeichnung zu vertreten ¬≠- wurde nach Kundenwunsch gefertigt. Selbst die Ausf√ľhrung der Karosserie bestimmte der K√§ufer. "Wichtig war den Herrschaften damals, dass man den Fond mit aufgesetztem Zylinder besteigen konnte." Vorn waren Platz und Komfort schon bescheidener. L√§uft der Motor, str√∂mt augenblicklich eine extreme W√§rme in die enge Fahrerkabine.

Holz und Samt in der Maybach-Stube

Gustav Burr l√§chelt. "Wissen Sie, vorn sitzt ja der Chauffeur. Das ist ein Arbeitsplatz. Wozu brauchte der denn viel Annehmlichkeiten?" Wie gut haben es da die k√ľnftigen Fahrer des Neuen -¬≠ ihr Arbeitsplatz ist deutlich gro√üz√ľgiger geschnitten. Die historischen Maybach-Wagen galten nach damaligen Kriterien als das Zuverl√§ssigste unter der Sonne.

Die Tests fr√ľherer Tage fielen nach heutigen Ma√üst√§ben rustikal aus. "Wir haben mal eine Testfahrt mit dem SW 38 (Schwingachswagen mit 3,8 Liter Hubraum) durchgef√ľhrt. Rauf zum Gro√üglockner. Oben standen andere Fahrzeuge mit kochendem Motor. 'Warum kocht denn euer Wagen nicht', haben mich die Fahrer gefragt." Burr schmunzelt. "Unsrer ist ein Maybach. Dem passiert das nicht." Den Satz h√§tte er damals lieber nicht gesagt. "Keine f√ľnf Minuten sp√§ter blieb auch unser SW mit dampfendem K√ľhler liegen." Der SW erhielt daraufhin als erstes Fahrzeug seiner Zeit einen geschlossenen K√ľhlkreislauf.

Die Sonne strahlt mittlerweile nicht mehr ganz so warm auf die Uferpromenade. Dem Pilgerstrom zum Zeppelin DS8 tut das keinen Abbruch. "Ja, das ist ein Maybach. Ja, der hat wirklich Klasse." Wir setzen uns in den Fond. Ich bewundere den Innenraum. Man sitzt wie auf einem gepolsterten Sofa aus Gro√ümutters Zeiten. Viel Holz und Samt. Ein Blumengru√ü erfreut das Auge. Die Rundinstrumente mit Chromrahmen lassen nicht nur Fans schw√§rmen. Der V12 sch√ľttelt den Wagen ein wenig. Gem√§chlich geht es zum Museum zur√ľck. Neidische Blicke begleiten unsere Abfahrt. Die Zeiten haben sich ge√§ndert, der Mythos Maybach ist geblieben ...

Maybach: 1909 bis heute

Die "Maybach-Story" begann 1909 mit Karl Maybachs Motoren f√ľr die Luftschiffe des Grafen Zeppelin. Bis zu diesem Zeitpunkt arbeitete Maybach in Frankreich und entwickelte Verbrennungsmotoren, die f√ľr den Einsatz in Pkw konzipiert waren. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs leisteten die Maybach-Motoren in zivilen und milit√§rischen Luftfahrzeugen Dienste. Dann unterband der Versailler Vertrag R√ľstung in Deutschland.

In der Krise besann sich der Firmengr√ľnder Wilhelm Maybach seiner automobilen Wurzeln. Er beschloss, sein Wissen aus der Zusammenarbeit mit Gottlieb Daimler, f√ľr den Pkw-Bau zu nutzen. Die Geburtsstunde eines der exklusivsten Fahrzeuge hatte geschlagen. Rund zwanzig Jahre lang fertigte Maybach seine automobilen Tr√§ume. Von insgesamt 2200 Fahrzeugen ist die Rede. Zwischen 140 und 150 gibt es noch.

Der Zweite Weltkrieg brachte das j√§he Ende. Als Konstrukteur von 140.000 Motoren f√ľr Ketten- und Halbkettenfahrzeuge der Wehrmacht gerieten der "Motorenbau" und die Stadt Friedrichshafen mehrmals ins Fadenkreuz alliierter Bomberverb√§nde. Werk und Stadt wurden schwer zerst√∂rt.

1960, wenige Monate nach dem Tod Karl Maybachs, erwarb Daimler-Benz die Mehrheit an Maybach-Motorenbau. Seit 1969 tr√§gt das Werk in Friedrichshafen den Namen MTU (Motoren- und Turbinenunion). MTU entwickelt haupts√§chlich leistungsstarke Dieselaggregate f√ľr Lokomotiven, Schiffe (milit√§rische und zivile) sowie Panzer.
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