Neue Optionen für den Verbrenner
Neue Studie zeigt Perspektiven für den Verbrennungsmotor

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Der Verbrenner ist tot, heißt es oft. Doch eine neue Studie stellt das infrage – und zeigt, wie der klassische Motor mit neuen Kraftstoffen noch lange weiterlaufen könnte.
Bild: Mercedes-Benz AG
Inhaltsverzeichnis
Für viele Liebhaber klassischer Motoren schien die Sache längst entschieden: Der Verbrenner ist ein Auslaufmodell, die Zukunft gehört dem E-Auto. Fahrverbote, CO₂-Regeln und politischer Druck weisen scheinbar nur in eine Richtung – hin zur komplett verbrennerfreien Mobilität. Doch eine neue Studie aus Deutschland sieht die Rolle des Verbrennungsmotors deutlich weniger "überflüssig".
Die Untersuchung "Vom Rohstoff zur fossilfreien Mobilität" kommt zu einem überraschenden Ergebnis: Klimaneutrale Kraftstoffe könnten den klassischen Verbrennungsmotor doch noch retten. Demnach ließe sich bereits bis 2030 rund die Hälfte des Kraftstoffbedarfs im Straßenverkehr durch erneuerbare Alternativen decken. Für 2040 gehen die Autoren noch weiter: Dann könnte rechnerisch der gesamte Bedarf fossilfrei abgedeckt werden. Autos mit Benzin- oder Dieselmotor müssten also nicht verschwinden – sie könnten mit "sauberem" Sprit weiterfahren.
Ein zentraler Vorteil sogenannter Carbon Neutral Fuels (CNF): Diese Kraftstoffe lassen sich laut Studie ohne größere technische Anpassungen in bestehende Fahrzeuge und Infrastrukturen integrieren. Für Fahrer klassischer Antriebe würde das bedeuten, dass kein Zwang zum Umstieg auf neue Technik besteht, bestehende Fahrzeuge weiter genutzt werden können und auch kein flächendeckender Umbau der Tankstellen nötig wäre.

Die BMW Group will ab 2028 eFuels zur Erstbefüllung neuer Benziner an ausgewählten Standorten in Deutschland einsetzen. Alle Ottomotor-Modelle mit E10-Freigabe könnten den Kraftstoff nutzen. Seit Anfang 2025 erfolgt die Erstbetankung von BMW-Dieselmodellen, die in Deutschland gefertigt werden, mit regenerativem Diesel HVO100.
Bild: BMW AG
Gerade für die enorme Bestandsflotte in Europa wäre das ein möglicher Gamechanger. Statt eines schnellen Systemwechsels, bei dem Millionen Fahrzeuge und bewährte Technik verschwinden, könnte die Transformation schrittweise erfolgen.
Was sind Klimaneutrale Kraftstoffe
Was sind eigentlich "klimaneutralen Kraftstoffe"?
Klingt kompliziert, das Prinzip ist aber einfach: Der Motor bleibt, der Kraftstoff wird neu gedacht. Klimaneutrale Kraftstoffe werden mithilfe von Strom aus erneuerbaren Energien sowie CO2 hergestellt und können in bestehenden Verbrennungsmotoren genutzt werden. Klimaneutral sind sie jedoch nur, wenn Herstellung und Energieeinsatz entsprechend nachhaltig erfolgen.
Woraus bestehen CNF?
CNF ("Carbon Neutral Fuels") sind flüssige Kraftstoffe, die nicht aus Erdöl, sondern aus erneuerbaren Quellen hergestellt werden. Dazu gehören:
- Biogene Reststoffe (z. B. Stroh, Holzreste, Abfälle)
- Pflanzenbasierte Rohstoffe
- Synthetische Kraftstoffe (E-Fuels) aus CO2 und Wasserstoff
Entscheidend: Das CO2, das beim Fahren entsteht, wurde vorher aus der Atmosphäre entnommen, der Kreislauf ist im Idealfall klimaneutral.
Wie werden diese Kraftstoffe hergestellt?
- HVO (Hydrotreated Vegetable Oil)
aus Pflanzenölen oder Abfallfetten
bereits heute verfügbar (z. B. HVO100) - BtL (Biomass-to-Liquid)
Biomasse wird in Synthesegas umgewandelt
daraus entstehen Benzin- und Diesel-Ersatzstoffe - E-Fuels (Power-to-Liquid)
Strom plus Wasserstoff, kombiniert mit CO2
ergibt synthetischen Kraftstoff
Vorteil: Die Endprodukte sind chemisch sehr ähnlich zu Benzin oder Diesel und können daher direkt genutzt werden.
Können heutige Autos das überhaupt tanken?
Zum Teil: ja.
- HVO-Diesel ist für viele moderne Dieselmotoren freigegeben
- E-Fuels können Benzin beigemischt werden
- Langfristig sind auch 100 % synthetische Kraftstoffe denkbar
Ziel: Bestehende Fahrzeuge sollen weiter genutzt werden können.
Und was ist mit Oktan- und Cetanzahl?
Hier liegt sogar ein Vorteil:
- E-Fuels haben oft eine sehr hohe Oktanzahl
gut für leistungsstarke Benzinmotoren - HVO-Diesel hat eine hohe Cetanzahl
sorgt für saubere, effiziente Verbrennung
Technisch können diese Kraftstoffe besser sein als fossile.
Gibt es das schon – oder ist das Zukunftsmusik?
Heute bereits im Einsatz:
- HVO (wenn auch begrenzt)
- erste E-Fuel-Anlagen laufen im Pilotbetrieb
Problem:
- Produktionsmengen sind aktuell noch sehr klein
- Die Kosten sind deutlich höher als bei fossilem Sprit
Der Knackpunkt ist die Skalierung
Am Ende entscheidet sich alles hier:
- Reichen Rohstoffe und Energie?
- Lassen sich genug Anlagen bauen?
- Wird der Kraftstoff bezahlbar?
Die Technik ist da, die große Frage ist: Kommt sie rechtzeitig in die Masse?
Ein weiterer zentraler Punkt: Die Elektrifizierung allein reicht laut Studie nicht aus, um den Verkehrssektor klimaneutral zu machen. Neben Strom und Wasserstoff seien flüssige Kraftstoffe eine unverzichtbare dritte Säule – unter anderem, weil sie sich leichter speichern lassen, bestehende Logistik nutzen und sofort in Millionen Fahrzeugen einsetzbar wären. Besonders im Schwerlastverkehr, in der Luftfahrt, Schifffahrt und bei der bestehenden Fahrzeugflotte bleiben flüssige Energieträger langfristig relevant. Die Studie stellt damit die oft geführte "Entweder-oder"-Debatte infrage und plädiert klar für ein Nebeneinander verschiedener Antriebe.

Auch Mercedes-Chef Ola Källenius kritisierte bereits in mehreren Interviews das EU-Verbrennerverbot als "schweren Fehler" und fordert mehr Technologieoffenheit.
Bild: Toshikazu Sato
Spannend: Die Autoren bringen sogar eine neue Fahrzeugklasse ins Spiel – sogenannte vCNF-Fahrzeuge. Das sind speziell auf klimaneutrale Kraftstoffe optimierte Verbrenner. Sollte dieser Ansatz weiterverfolgt werden, würde das bedeuten: Der Verbrenner verschwindet nicht nur nicht – er könnte sich sogar weiterentwickeln.

Ex-VW-Chef Herbert Diess kritisierte eFuels als ineffizient und zu teuer und sieht ihren Einsatz eher in Luftfahrt und Schifffahrt.
Bild: DPA
Die Studie sieht zudem in Europa ausreichend Potenzial, um große Mengen dieser Kraftstoffe selbst zu produzieren – langfristig sogar ohne strukturelle Importabhängigkeit. Das würde nicht nur die Energieversorgung stabilisieren, sondern auch die regionale Wertschöpfung stärken.

Modulare eFuel-Anlage von INERATEC (mit Rheinmetall): Sie soll Kraftstoffe klimafreundlich und dezentral erzeugen, um Europas Versorgungssicherheit zu stärken. Kritiker wie Greenpeace sehen in E-Fuels jedoch einen teuren, ineffizienten Umweg.
Bild: Ineratec
Wichtig für die Einordnung: An der Studie beteiligt waren unter anderem das Institut für Kolbenmaschinen (IFKM) und das Institut für Katalyseforschung und -entwicklung (IKFT) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), das Deutsche Biomasseforschungszentrum (DBFZ), die FREYBERGER engineering GmbH sowie die BMW AG als Auftraggeber.
Dass BMW hinter der Studie steht, ist wenig überraschend. Für Hersteller geht es nicht nur um einzelne Modelle, sondern um ganze Industriezweige: Jahrzehntelang aufgebaute Kompetenz im Motorenbau, komplexe Wertschöpfungsketten und Hunderttausende Arbeitsplätze hängen am Verbrennungsmotor. Ein vollständiger Abschied würde die Branche grundlegend verändern. Entsprechend groß ist das Interesse, bestehende Technologien weiterzuentwickeln statt sie aufzugeben.
Motoren- und Getriebebau zählen zu den Kernkompetenzen der europäischen Industrie. Diese mit klimaneutralen Kraftstoffen weiter nutzbar zu machen, ist daher nicht nur technisch, sondern auch industriepolitisch hochrelevant.
So vielversprechend die Ergebnisse sind – es bleiben Unsicherheiten. Viele Szenarien basieren auf optimistischen Annahmen etwa zur Rohstoffverfügbarkeit, Skalierung und politischen Rahmenbedingungen. Der Aufbau entsprechender Produktionskapazitäten steht erst am Anfang, Nutzungskonflikte bei Biomasse sind ungeklärt.

Audi forschte bereits früh an eFuels und nutzte dabei überschüssigen Windstrom ("Power-to-Liquid") zur Herstellung von synthetischem Erdgas. Die Anlage in Werlte (Niedersachsen) ging bereits 2013 in Betrieb. Im Jahr 2021 übernahm die kiwi AG die Anlage von der AUDI AG und fokussierte sich auf die Produktion von grünem Wasserstoff. Ende 2023 übernahm der Wasserstoffprojektierer Hy2gen das Werk, um die Produktion von erneuerbarem Wasserstoff und dessen Derivaten auszubauen.
Bild: movingpower GmbH
Hinzu kommen zentrale Fragen: Wie teuer werden diese Kraftstoffe? Reichen die Mengen langfristig? Welche Rolle spielt die Politik? Und was bedeutet das konkret für Fahrer von Verbrennern?
Die Botschaft ist dennoch klar: Am Verbrennungsmotor haben viele Akteure weiterhin ein großes Interesse – und das nicht ohne Grund. Statt eines abrupten Endes könnte sich ein anderer Weg abzeichnen: Elektromobilität entwickelt sich weiter, gleichzeitig bleiben Verbrenner mit klimaneutralem Kraftstoff relevant. Das Ende des Verbrenners ist damit weniger eindeutig, als es oft dargestellt wird. Für viele Fans klassischer Antriebe ist das eine gute Nachricht.
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