Gemeinhin gelten Formel-1-Autos  als die Spitze des Rennsports. Sie leisten 1000 PS, beschleunigen von null auf 100 km/h in 2,6 Sekunden und erreichen Spitzengeschwindigkeiten von 370 km/h.
Verblüffende Werte, kein Zweifel. Aber beim Vergleich mit den Top Fuel Dragstern verblassen diese Zahlen. 10.800 PS, von null auf 100 km/h in 0,6 Sekunden, mehr als 500 km/h Topspeed. "Das ist ein Spiel mit dem Feuer. Und genau das reizt mich", gesteht Jndia Erbacher (28).
Die Schweizerin ist am kommenden Wochenende in Hockenheim bei den NitrOlympX wieder mit am Start – in der Topklasse Top Fuel. "Man kann sich das Auto am besten als Bombe vorstellen, von der man nicht will, dass sie explodiert", sagt sie.
Das passiert immer mal wieder. Denn betrieben werden die 8,2-Liter-V8 mit Nitromethan. Bei der Verbrennung entsteht Wasserstoff. 42 Liter Nitromethan werden pro Rennen gebraucht – und die gehen gerade mal über 1000 Fuß. Nach 304,8 Metern ist also alles schon wieder vorbei.
Eigentlich gilt für Dragster die Quartermeile – umgerechnet etwas mehr als 400 Meter. Aber aus Sicherheitsgründen dürfen die 9,5 Meter langen Top Fuel Dragster nur 1000 Fuß fahren. Die Endgeschwindigkeiten wären sonst zu hoch.
Die Schweizerin Jndia Erbacher bändigt mehr als 10.000 PS.
Bild: Hockenheim-Ring GmbH

Die Beschleunigung ist für den menschlichen Körper heftig: Mit dem Fünffachen ihres Körpergewichts wird Erbacher in den Sitz gepresst. Beim Abbremsen mit dem Bremsschirm wirken sogar 9G.
Jndias Vater Urs Erbacher (60) hat bei jedem Start Bedenken. "Als sie vom Pferd auf 10.000 umgesattelt ist, war ich wenig begeistert. Wenn man weiß, wie gefährlich das ist, ist das vor allem bei den eigenen Kindern immer schwierig", erzählt er.
Und er weiß, wovon er spricht: Sechsmal war er Europameister im Dragster, dreimal davon in der Top-Fuel-Klasse. Jetzt betreibt er ein eigenes Team. Jndia unterstützt ihn als Buchhalterin. Und fährt eben selbst erfolgreich. 2019 erreichte sie 513,31 km/h und damit den Europarekord.
Für die irren Beschleunigungsfahrten baut Goodyear extra Reifen. Gefahren wird mit extrem wenig Reifendruck von gerade mal 5,5 bis 6,5 PSI (das sind etwa 0,4 Bar).
Zum Vergleich: In der Formel 1 wird der Reifendruck auf etwa 20 PSI (1,37 Bar) eingestellt. Bei der Beschleunigung blähen sich die Pneus auf. Trotzdem dürfen die Fahrer am Start nicht zu viel Gas geben. Sonst kommt es zu einer Unwucht in den Reifen und der Fahrer muss vom Gas.
Das ist die eine Kunst des Dragster-Sports. Die andere ist die Reaktionsfähigkeit. Wer in der Formel 1 den Start vergeigt, dem bleiben eineinhalb Stunden, den Fehler wiedergutzumachen. Beim Dragster-Sport ist das Rennen damit gelaufen – die Fahrer haben nur den Start.
Wenn alles gut läuft, dauert das Rennen nur 3,8 Sekunden. "Mir kommt das aber viel länger vor", beschreibt Jndia Erbacher. "Ich habe so einen enormen Adrenalinschub." Und davon bekommt sie bis heute nicht genug.