Postbank präsentiert: Mein erster Traumwagen Teil 10

Postbank präsentiert: Mein erster Traumwagen

Die Liebe meiner Jugend

Vernünftige Fahranfänger kaufen in den Sechzigern einen Käfer. Es gibt aber auch junge Männer wie AUTO BILD-Leser Friedrich Müller, der sich einen gebrauchten Opel Kapitän leistet – und im Chefwagen fast in den Ruin cruist. 55 Jahre später steigt Müller noch mal ins Auto seiner Unvernunft.
Die Erinnerung findet nach Jahrzehnten ihre eigenen Wege. Wo der Lichtschalter des Opel Kapitän von 1956 ist, hat Friedrich Müller vergessen. Aber das Getriebegeräusch im zweiten Gang, dieses leise Jammern der Zahnräder, das kennt er noch genau. "Und die Kupplung kam bei meinem Kapitän etwas früher." Wenn sie kam – denn an die Reparatur erinnert sich Müller auch mit 80 noch. Vor allem daran, dass sie zu teuer für ihn war. So wie der Unterhalt des ganzen Autos.

Der Opel Kapitän - das Auto seiner größten Unvernunft

Alte Liebe rostet nicht: Friedrich Müller steigt noch mal in das Auto seiner Unvernunft.

©L. Willgalis

Es ist 1963, ein Boomjahr der Voll­beschäftigung und des Fachkräfte­mangels, doch für deutsche Fahranfänger sind die Zeiten bescheiden: Normalerweise steigen sie vom Mo­torroller zum VW Käfer auf. Friedrich Müller, damals 24 und technischer Angestellter bei Dunlop, kauft sich einen Kapitän, die Cheflimousine von Opel, sieben Jahre alt und 1400 Mark teuer. "Ein Schnäppchen, aber nur auf den ersten Blick. Gekauft wie be­sehen." Schon damals gehen solche Geschichten manchmal nicht gut.
Ein halbes Jahr lang fährt er seinen Kapitän, danach kommen nach und nach 14 andere Autos. Vier davon sind Sechszylinder, aber keiner ist ein Die­sel, darauf legt Müller großen Wert. Heute fährt er Peugeot 206, ein Ver­nunftauto. Aber das Auto seiner größ­ten Unvernunft, das will er noch ein­mal erleben.

Opels Oberklasse ist ein Auto der Hautevolee

Natürlicher Lebensraum: Der Kapitän ist in den 50ern ein Auto der Hautevolee.

©Hersteller

Bei Opel steht es in der werkseige­nen Sammlung, nebenan parken der Sander-Raketenwagen, das einmillionste Opel-Fahrrad von 1926 und der erste Prototyp des GT. Sie zeigen, wie lange Opel ganz oben war. Im Rüsselsheim der Fünfziger bauen sie mehr Sechszylinder als Mercedes, in ihren Kapitänen lassen sich die Chefs der Adenauer-Ära chauffieren. Sie fühlen sich dabei wie kleine Amis, kein deutsches Auto sieht mehr nach Cadillac aus. Das gilt fürs Design mit Glitzergrill, goldfarben eloxierten Schriftzügen und Jukebox-Armatu­renbrett, aber auch fürs watteweiche Fahrwerk.

Weniger ist manchmal mehr

Friedrich Müller ist kein ex­trovertierter Typ. Sein Job war die Qualitätssiche­rung in der Reifen­branche, er spricht leise und sehr überlegt. Er ist das Gegenteil eines Posers, auch wenn ein schwarzweißes Foto von damals zeigt, wie er am Kapitän posiert. Weißes Hemd, schmale Krawatte, breites Lä­cheln. "Auf die Mädchen hat das Auto ziemlich Eindruck gemacht", sagt er. Mehr nicht.

"Dieses tolle Gefühl wenn die Tür schließt. Wie ein Safe."

Der viele Chrom, die Armaturen im US-Design: Davon träumt damals der Fahranfänger Friedrich Müller.

©L. Willgalis

Es passt, dass dieser stille, höfliche Mann erst nur auf der Beifah­rerseite sitzen möchte, dem Sechszylinder zuhören und die Details des Kapitän studieren. "Dieses tolle Geräusch, wenn die Tür schließt. Wie ein Safe. Und die Luftklappe vor der Windschutzscheibe, mit einem Hebel von innen zu betätigen, ist das nicht ein geniales Detail?" Kurz hinter Rüsselsheim, auf der Landstraße zwischen Haßloch und Königstädten, greift er dann selbst nach dem metallicblau lackierten Lenkrad. Er wundert sich über das Lenkspiel und die flaue Wirkung der Bremsen, "mein Sohn könnte so ein Auto gar nicht fahren". Und er freut sich am Durchzug und der Elastizität des Sechszylinders, der fast jede Fahrsituation im dritten Gang erträgt. Es ist die ausgiebige Probefahrt, die Friedrich Müller an diesem Tag im April 1963 versäumt.

Die Katze im Sack

Der junge Interessent wird nicht argwöhnisch, als ihn der Kapitän-Besitzer nicht ans Steuer lässt. Immerhin ist der Mann ein angesehener Möbelhändler in Aschaffenburg, wo Müllers Vater ein Fahrradgeschäft betreibt. "Wie viele Kilometer der Ka­pitän runter hatte, weiß ich bis heu­te nicht", sagt Müller, "ich weiß aber, dass er auf drei Zylindern lief und die Ventile nur noch schwarze Stummel waren. Wahrscheinlich ist der Ver­käufer ständig mit Vollgas gefahren. "Müllers Vater fragt erst, ob es wirk­lich ein so schwerer Wagen sein müsse. Schwerer Wagen, so sprechen ältere Leute in den Sechzi­gern tatsächlich. Dann leiht der Fahr­radhändler, der den kleineren Opel Rekord fährt, seinem Sohn doch das Geld für die Motorüberholung. "Kurz darauf war die Kupplung kaputt", sagt Friedrich Müller. "Und dann blockierte die Hinterachse. Da war’s vorbei mit meiner Begeiste­rung."

Das Tänzeln des großen Wagens

L wie Luxus, die teuerste Kapitän-Ausführung."Ich hatte das Basismodell in Weiß", sagt Müller.

©L. Willgalis

Ein einziges Mal ist Müller im Kapitän auf großer Fahrt gewesen, auf der Autobahn von Aschaffenburg nach München, dann verkauft er den Kapitän für 600 Mark an einen Händ­ler. Und kauft, was in den Sechzigern alle fahren, die aufs Geld schauen müssen: einen gebrauchten Brezel­käfer mit 24,5 PS und unsynchroni­siertem Getriebe. Damals lernt Friedrich Müller das Zwischengasgeben und Doppelkup­peln, heute lernt er noch einmal den Umgang mit dem Kapitän. Es dauert keine halbe Stunde, da hat er das Auto sei­ner Unvernunft im Griff. Mit dem weißen Oberlippenbart und dem konzentrierten Blick erinnert er an einen Hollywoodstar. Selbst das ständig notwendige Nachkorrigieren am dünnen Lenkrad geht ihm leicht von der Hand. Das Tänzeln des gro­ßen Wagens auf seinen zierlichen 13-Zoll-Reifen kennt der alte Herr noch genau.

Alte Liebe rostet nicht

Friedrich Müller schwelgt in Erinnerungen an sein erstes Traumauto.

©L. Willgalis

Den Käfer fährt Friedrich Müller ohne Leidenschaft, doch bald darauf kauft er sich wieder einen Opel mit Sechszylinder, einen Commodore A in Bronzemetallic, 2,5 Liter Hub­raum, 115 PS. Mit dem ist er so glück­lich, dass er das Foto bis heute in der Brieftasche trägt. Dann kommt die Ölkrise von 1973, und Müller sucht wieder nach einem Auto der Vernunft. Es wird ein Alfasud, der zwar wenig Benzin verbraucht, aber auch nach zwei Jahren durchgerostet ist. Nicht alle Autos, die er besessen hat, seien der Rede wert, meint Fried­rich Müller. Doch wenn es um die richtigen geht, findet die Erinnerung ihre eigenen Wege. Einer davon führt an diesem Nachmittag über Königstädten und Haßloch zurück ins Opel-Werk. Dort stellt Fried­rich Müller den Sechszylinder ab, schließt die Fahrertür mit dem Tresorklang, lächelt kurz und sagt: "Das war einer der tollsten Tage meines Le­bens."

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