"Hey Kumpel, kannst du mir Tipps geben, wie ich mit dem Auto schneller fahren kann?" Wenn dir diese Frage von einem künftigen-Formel-1-Star gestellt wird, musst du in deinem Fach gut sein. Profi-Simracer Angelo Michel bekam diese Nachricht in der Rennsimulation iRacing von Lando Norris 2017, als der Brite im gleichen Jahr Formel-3-Meister wurde.
"Norris brauchte meine Hilfe, da er mit dem damals neuen Porsche 911 GT3 Cup noch Schwierigkeiten hatte", erinnert sich Michel im Gespräch mit AUTO BILD. "Daher habe ich ihm mein Set-up gegeben."
Mittlerweile ist Michel seit zehn Jahren im Simracing dabei, fährt in der Top-Liga "Racer League" der  Racing Unleashed Championship "Beyond the Pinnacle".
Racing Unleashed – das ist die Rennserie, in der die Piloten in Hochleistungs-Simulatoren ein virtuelles 2022er Formel-1-Modell über die Rennstrecken jagen. 46-Zoll-Bildschirme mit Panorama-ähnlichem Blick und Kohlefasercockpits mit integriertem Soundsystem machen die Rennen in den Racing Lounges an verschiedenen Standorten in Deutschland, der Schweiz oder Spanien zum fast realen Formel-1-Erlebnis. Insgesamt geht es um ein Preisgeld von rund 200.000 Schweizer Franken.
An diesem Wochenende fahren die Piloten der Racer und Challenger League in Mugello. Die Rennen gibt's Samstag und Sonntag ab 10:50 Uhr live auf dem Twitch-Kanal von Racing Unleashed und auch hier auf dieser Webseite.
2019 hat Angelo Michel in der Meisterschaft sein Debüt gegeben. Im ersten Rennen der Saison dieses Jahres feierte er auf dem virtuellen Red Bull Ring mit dem zweiten Rang sein bestes Ergebnis. Neben den wertvollen Meisterschaftspunkten gewann er auch 2500 Schweizer Franken.
"Das ist eine schöne Summe für einen Auszubildenden", freut sich Michel. Nach einer Kfz-Mechatroniker-Lehre ist der 22-Jährige gerade in den letzten Zügen seiner Fachinformatiker-Ausbildung. Trotz seines großen Talents spielt das Simracing nur eine große Nebenrolle in seinem Leben. Michel: "Ich will lieber etwas Sicheres in der Hand haben. Das Leben als hauptberuflicher Simracer ist riskant. Man ist auf Preis- und Sponsorengelder angewiesen."
Das Risiko wählte er zumindest bei seinen Anfängen. "Ich hatte mit 14 Jahren 700 Euro auf dem Sparbuch. Die habe ich komplett in einen Simracing-tauglichen PC investiert", erklärt der Bayer. Die Anschaffung hat sich über Preisgelder bei verschiedenen Events längst rentiert. Durch seine Erfolge wurden auch verschiedene Profi-Teams auf ihn aufmerksam.
Seit 2012 ist Angelo Michel im Simracing aktiv.
Seit 2018 ist er für "Rennsportonline" unterwegs. Neben Norris machte er auch mit Formel-1-Weltmeister Max Verstappen Bekanntschaft. Gegen den Holländer trat er beim virtuellen 24h-Rennen auf dem Nürburgring 2020 an. "Wie in der Realität fährt er auch im virtuellen Cockpit aggressiv und voll am Limit", staunt der gebürtige Bernbeurer. "Mich fasziniert seine unglaubliche Präzision und sein Fahrgefühl. Zudem sind seine Kurvengeschwindigkeiten beeindruckend." Verstappen ist für das bekannte Simracing-Team Redline unterwegs. 
Auch Michal Smidl, der Meisterschaftsführende der Racer League von Racing Unleashed, ist Teil des Rennstalls. Michel fährt mit dem zweimaligen RU-Champion gemeinsam in der Münchner Lounge. "Dadurch kann ich ihm ab und zu über die Schulter schauen. Michal ist der präziseste Fahrer im Grid. Er hat eine ungeheure Umsetzungskraft. Er kann den Input, den er von der Simulation bekommt, perfekt in Geschwindigkeit umwandeln." Einer der Gründe, warum er auch 2022 wieder auf den Titel zusteuert. Nach drei Läufen hat er bereits 29 Punkte Vorsprung auf Enrique Marañon. 
Angelo Michel liegt auf dem dritten Platz. In der Challenger League (Klasse mit Fahrhilfen-Unterstützung) führt David Cid vor Marcos Valverde. (Zum Twitch-Kanal von Racing Unleashed geht's hier.)

Von

Alexander Warneke