Reifentest-Simulator von Pirelli im Test
Reifen testen: virtuell oder doch per Popometer?

Bild: Ronald Sassen
Computer und Reifenentwicklung? Wie soll das denn gehen? Rennwagen fahren, einstellen und die Unterschiede spüren, wenn die Reifen zu heiß sind – auf der PlayStation oder Racing-Simulationen kein Problem. Aber ernsthaft einen Reifen mit dem Computer entwickeln, spüren, wenn die Reifenschulter zu steif oder zu weich ist, wenn das ABS nicht mit dem Gummi harmoniert, das soll wirklich möglich sein?
Pirelli sagt Ja! Man sei schon sehr weit mit Reinentwicklung am Simulator und spare sich so einiges an Kosten. Geld, das man früher zum Beispiel in viele Testkilometer auf der Straße für die Entwicklung investieren musste. Im Prinzip läuft es so ab: Der Hersteller entscheidet sich für einen neuen Sommerreifen, der in den Disziplinen Komfort, Nässe und Handling besser sein soll als der Vorgänger. Früher begann man mit dem Vorgängerreifen, änderte ihn in kleinen Schritten und fuhr immer wieder auf der Straße die Unterschiede heraus.
Das kann man sich nun sparen, erledigen die Testfahrer in den hauseigenen Simulatoren. So bekommt man, bevor man wirklich an die Feinarbeit auf Straße und Rennstrecke geht, einen Reifen, der schon sehr nahe am Endprodukt ist. Außerdem spart man sich 30 Prozent der bisherigen Entwicklungszeit. In Zeiten, wo Autos immer schneller auf den Markt kommen, ein echter Vorteil. Pirelli arbeitet auf gleich zwei solcher Simulatoren, einem statischen und einem dynamischen, in Breuberg und in der Zentrale in Mailand.

Das Cockpit des statischen Pirelli-Simulators in Breuberg ist sehr realitätsnah.
Bild: Ronald Sassen
Wir von AUTO BILD SPORTSCARS konnten das irgendwie nicht richtig glauben, dass man auf den Computern Unterschiede besser oder mindestens genauso gut herausfahren kann wie mit dem Popometer. Grund genug für diese Geschichte: Wir fahren virtuelle Tests auf den Simulatoren und gehen anschließend auf die Teststrecke nach Nardò, um nachzuprüfen, ob sich das alles genauso anfühlt.
Ausgedienter Porsche 911 erhält neue Funktion
Der erste Weg geht ins hessische Breuberg, Pirellis deutsche Zentrale. Kein einfaches Reifenwerk, nein, hier wird auch Entwicklung betrieben. Deshalb steht dort auch in einer ehemaligen Fertigungshalle das statische VDC (Virtual Development Center).
Was heißt statisch? Man sitzt quasi in einem echten Fahrzeug, in dem Fall ein Porsche 911. Ein ausgedientes echtes Reifentestauto. Man schnallt sich an, hat ein echtes Cockpit mit Lenkrad, digitalen Außen- und Rückspiegeln. Das Fahrzeug steht fest in einem Raum, bewegt sich nicht. Ein riesiger Bildschirm umgibt das Testfahrzeug. Aus einem großen Kontrollraum mit vielen Computern wird das Ganze gesteuert und überwacht. Heute sitzt Daniel Pfeiffer am Pult, gibt dem Computer Infos und Daten für unsere Testfahrt.

Daniel Pfeiffer ist einer derjenigen, die den Simulator bedienen, aber auch selbst drinsitzen – und Reifen entwickeln.
Bild: Ronald Sassen
Geplant ist ein Vergleichstest auf der Trockenhandlingstrecke in Nardò zwischen dem Pirelli P Zero und dem Semislick Trofeo R auf einem VW Golf GTI. Daniel kann alles einstellen, die Strecken, das Wetter (Winter- und Sommerreifen-Tests), die Reifen. Im Fokus stehen die Reifeneigenschaften wie Akustik, Abrieb und Rollwiderstand, aber auch sein Verhalten bei Aquaplaning.
Sensoren imitieren Dämpferbewegungen
Ich drücke den Startknopf am Lenkrad, wie daheim auf der PlayStation. Schöner Motorsound? Fehlanzeige. Das klingt nach irgendwas, auf jeden Fall unecht und unsportlich. Da sollte man noch dran arbeiten. Aber es geht ja hier ums Fühlen und nicht ums Hören. Auch wenn alles nur statisch abläuft, ist der Porsche so aufgebaut, dass er möglichst viel Rückmeldung gibt. Bei starken Beschleunigungsvorgängen simulieren die Gurte ein Hineinpressen in den Sitz. Sensoren vorne und hinten am Fahrzeug imitieren etwa Dämpferbewegungen und reagieren beim Kurvenein- und -ausfahren, das Lenkrad gibt haptische Rückmeldung, ähnlich wie zu Hause an der Spielkonsole.

Der Simulatorschlitten wird über schwere Stahlseile in Bewegung gehalten.
Bild: Ronald Sassen
Direkt nach den ersten Metern lande ich im Kiesbett, spürt und hört man deutlich. Den physikalischen Grenzbereich gibt es hier wie im echten Leben, Schäden entstehen aber keine, genauso ist kein Verschleiß vorhanden, womit das virtuelle Testfahren auch Materialkosten spart. Sobald man einmal den Computer verstanden hat (die Testfahrer von Pirelli sagen, man brauche mindestens eine Woche, um sich daran zu gewöhnen), kann man auch an die Reifentest-Abläufe gehen. Heißt: zum Beispiel Spurwechsel in unterschiedlichen Geschwindigkeiten auf einer Straße mit drei Spuren. Man analysiert, wie das Fahrzeug durch Lenk-, Beschleunigungs- und Bremseingriffe reagiert.
Dann geht es auf die Handlingstrecke in Nardò, drei Runden, zügig, aber nicht am Limit, ist die Vorgabe von Daniel. Ich war schon ein paarmal live vor Ort, erstaunlich, wie detailgetreu alles am Bildschirm ist. Und auch die Strecke ist perfekt nachgebildet, jede kleine Welle oder Kante, das Auto trudelt leicht, wenn man einen Tick zu viel über die Curbs räubert. Und der Vergleich Trofeo R Semislick gegen P Zero? Die Unterschiede sind hier im virtuellen Golf-Porsche wirklich gut spürbar. Mit den Trofeos kannst du viel engere Linien fahren, der Frontantrieb scharrt kurvenausgangs weniger mit den Rädern, das Heck bleibt stabil, der Zeitunterschied satte sechs Sekunden auf der 6,2 Kilometer langen Strecke.

Für den Vergleich Computer gegen Auto haben wir einen VW Golf GTI mit Pirelli-Reifen in der Dimension 235/35 R 19 ausgerüstet.
Bild: Ronald Sassen
Wir fahren weiter nach Mailand, dort erwarten mich Professor Melzi, Universität Politecnico di Milano, und Marco Sbrosi. Letzterer ist bei Pirelli Chef der digitalen Reifenmodellierung und der Herr des dynamischen Simulators. Genau diesen darf ich nun noch ausprobieren, bevor wir auf die echten Strecken gehen. Der Simulator-Raum sieht ähnlich wie der in Breuberg aus, nur steht hier kein echtes Auto, sondern ein auf Roboter-Armen befestigtes Auto-Cockpit. Marco Sbrosi fährt eine Gangway an den Simulator, ähnlich wie bei einem Flugzeug.
Simulator kostet mehrere Millionen
Kurze Einweisung in die Technik. Das Ding kostet mehrere Millionen, wurde wie der Simulator in Breuberg bei VI-Grade entwickelt. Und es kann echte g-Kräfte abbilden. Dafür fährt der an starken Seilen gezogene Simulatorschlitten die Fahrmanöver eins zu eins nach, was sich besonders realistisch anfühlen soll. Und man gibt mir noch auf den Weg, immer schön zu atmen, einen klaren Kopf zu bewahren. Und dass man normalerweise mehrere Wochen zur Eingewöhnung braucht. Ach, ich hab schon vieles in Sachen Querdynamik erlebt, das wird mich schon nicht umhauen – oder doch?

Reifenwechsel während der Testfahrten geht im Simulator per Knopfdruck. In echt ist das schwere Handarbeit.
Bild: Ronald Sassen
Einsteigen, im Recaro-Vollschalensitz festschnallen, digitale Spiegel wie im Simulator im deutschen Pirelli-Werk. Lenkrad wie die Fanatecs aus der Spielkonsole, Hauptschalter und Not-Aus. Der Kommandostand gibt grünes Licht, die Gangway wird weggefahren, der Simulator bewegt sich einmal links und rechts, positioniert sich, die Szenerie Nardò wird auf der Leinwand eingespielt, Starter drücken und los.
Wow, das ist beeindruckend. Der Motorsound ist zwar nicht besser, dafür fährt man noch realistischer über die Strecken. Man spürt noch mehr den Gripunterschied, bekommt jede Bodenwelle perfekt übermittelt, man weiß immer, wie viel Grip ankommt. Nach drei Runden kalter Schweiß auf meiner Stirn, dann wird mir wirklich leicht übel, ich drücke den Not-Aus-Schalter. Sorry, aber mein Hirn glaubt einfach nicht, was ich erlebe und sehe. Da braucht es mehr Stunden zum Gewöhnen.
Ab in den Flieger, auf nach Nardò. Echter Golf GTI, echte Pirelli-Reifen, echte Handlingstrecke. Ich fahre wieder exakt denselben Vergleich zwischen den beiden Pneus, selbes Prozedere. Erst Spurwechsel in verschiedenen Geschwindigkeiten, dann auf der Strecke drei schnelle Runden. Freilich spürt man da noch viel mehr als im Simulator. Das ganze Zusammenspiel ist einfach bekannt und gut, das Popometer funktioniert. Den Gripunterschied zwischen P Zero und Trofeo R spürt man genauso, die Rundenzeiten sind sehr nahe an denen im Simulator.
Fazit
Keine Angst, den Beruf Reifen-Testfahrer wird es die nächsten Jahre weiterhin geben. Nicht alles lässt sich virtuell testen. Die menschliche Eigenschaft, das Popometer, bleibt extrem wichtig. Die Simulatoren können aktuell nur ein Reifen-Grund-Setup liefern, das Feintuning findet nach wie vor auf realen Straßen und Rennstrecken statt. Unser Reifen-Vergleich in Nardò zeigt, wie realitätsnah so ein Simulator im Vergleich zum echten Auto ist. Nur das mit dem Sound muss besser werden.
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