Es ist kurz vor Mitternacht in Bodø. Eigentlich müsste ich müde sein. Stattdessen starre ich auf den Himmel. Die Uhr sagt Nacht, das Licht hält wach. Die Sonne hängt knapp über dem Horizont, weigert sich aber beharrlich unterzugehen. Willkommen nördlich des Polarkreises.
Vor mir liegen drei Tage auf den Lofoten und in Nordnorwegen. Mein Fahrzeug für dieses Abenteuer könnte ungewöhnlicher kaum sein: ein Porsche Boxster S, der für die Baltic Sea Circle Rallye zum Offroad-Roadster umgebaut wurde. Höhergelegt, mit grobstolligen Reifen, passend für die schlechten Straßen, LED-Zusatzscheinwerfern, die ordentlich Licht in dunkle Straßentunnel ballern, und einem Dachträger, um die maue Ladekapazität deutlich zu erhöhen. Alles schön auf Ebay zusammengekauft, sieht der Zweisitzer eher nach Safari als nach Schönwetter-Sonntag aus.
Das Verrückteste dabei: Der Wagen wurde erst unmittelbar vor dem Rallyestart fertig. Die eigentliche Probefahrt war praktisch die Überführungsfahrt von der Werkstatt in Berlin zum Start in Hamburg. Alles erst ein paar Tage her, als ich auf dem Fahrersitz des Sportwagens Platz nehme, hat der Porsche trotzdem schon rund 2300 Rallye-Kilometer abgespult. Denn der Boxster wird nicht nur von einem Fahrer rund um die Ostsee pilotiert – es ist ein Staffellauf: Das Lenkrad wandert von Hand zu Hand auf der 7500 Kilometer langen Runde rund um das baltische Binnenmeer.

Auf die Fähre – und mitten hinein ins Postkartenmotiv

Für mich startet der erste Rallyetag frühmorgens, um kurz nach fünf Uhr geht es zum Fähranleger in Bodø – das Schiff Richtung Lofoten wartet nicht, Frühaufsteher sind klar im Vorteil. Schon die Überfahrt fühlt sich an wie der Auftakt eines Films. Schwarzes Meerwasser, kantige Gipfel am Horizont, dazwischen Inseln, die aussehen, als wären sie direkt aus dem Nordatlantik herausgeschnitten worden.
Nach gut drei Stunden über den Vestfjord klappt in Moskenes die Bugklappe der Fähre herunter. Vor dem Boxster ragen bereits die ersten gezackten, grau-grünen Gipfel der Lofoten in den Himmel. Spätestens hier wird klar: Die Lofoten sind keine Inselgruppe wie jede andere, denn hier beginnt eine der spektakulärsten Straßen Europas. Die E10 schlängelt sich über Brücken, durch Tunnel, an Fjorden entlang und durch kleine Fischerdörfer, deren rote Holzhäuser auf Pfählen direkt am Wasser stehen. Hinter jeder Kurve wartet das nächste Fotomotiv. Gänsehaut! Mal ragen Granitwände fast senkrecht aus dem Meer, mal öffnen sich weite Buchten mit türkisfarbenem Wasser, das eher an die Karibik als an den Polarkreis erinnert.

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Mit dem Porsche Boxter über die Lofoten
Der Boxster fühlt sich hier überraschend richtig an: Offen fahren, die kühle Luft einatmen, den Sechszylinder-Boxer hinter sich zu hören und gleichzeitig auf Schotterstrecken abbiegen zu können, um den flachen Flitzer quer durch Kurven zu zirkeln – im 252 PS starken 3,2-Liter-Mittelmotor-Renner eine Fingerübung. Was für ein Spaß!

Henningsvær – Fußball am Ende der Welt

Einer der Höhepunkte auf meiner Etappe wartet in Henningsvær. Der kleine Ort zählt kaum mehr als einige Hundert Einwohner und ist vor allem für seinen Fußballplatz bekannt, der inzwischen weltweit auf Fotos und Drohnenaufnahmen zu sehen ist. Der Platz liegt auf einer kleinen Insel mitten zwischen Felsen und Meer. Keine Tribüne, keine Zäune, keine Prestige-Arena. Nur Kunstrasen, kantiger Fels und Wasser. Man fragt sich unwillkürlich, wie viele Bälle hier bereits im Nordmeer verschwunden sind. Ob vom scharfen Wind oder von krummen Fußballerbeinen weggebolzt.

Kleine Panne, schnell behoben

Ganz problemlos bleibt meine erste Etappe der Reise allerdings dann doch nicht. Den Tag über fällt ein unangenehmes Kratzen auf. Immer dann, wenn beim Einparken das Lenkrad stark nach links eingeschlagen wird oder es um sehr enge Kurven geht, scheuert am rechten Vorderrad etwas Metallisches am Reifen. Keine ideale Entdeckung in einer Gegend, in der die nächste Werkstatt manchmal Stunden entfernt liegt. Die Ursache ist schließlich schnell gefunden: eine Blechlasche, die nach dem Umbau zu nah am Reifen sitzt. Mit Hammer, Zange und einer Portion Improvisation lässt sich das Problem beseitigen. Nach wenigen Minuten ist Ruhe.
Erleichterung macht sich breit. Denn klar ist auch: Hätte sich die scharfe Kante weiter ins Gummi gearbeitet, wäre der Reifen früher oder später hin gewesen. Andererseits passt die kleine Panne irgendwie zum Projekt. Ein Auto, das wenige Tage vor dem Rallyestart noch in der Werkstatt stand und nun durch die Wildnis Nordnorwegens bollert, darf ruhig ein bisschen Charakter zeigen.

Immer weiter nach Norden

Hinter den Lofoten wird die Landschaft weiter, rauer und einsamer. Die Straße führt entlang malerischer Fjorde, vorbei an kleinen Siedlungen und immer wieder um enge Kurven. Strecken, von denen man kilometerweit über Wasser und Berge blickt. Je näher Tromsø rückt, desto häufiger hat man das Gefühl, unterwegs ans Ende Europas zu sein. Und gleichzeitig möchte man immer weiterfahren. Vielleicht liegt genau darin die Faszination Nordnorwegens: Die Landschaft wirkt spektakulär, aber nie aufdringlich. Großartig, aber niemals künstlich.
Als Tromsø schließlich auftaucht, ist das fast schon ein kleiner Schock. Nach Tagen zwischen Fischerdörfern, Bergen und Fjorden wirkt die Stadt beinahe hektisch. Die Reise endet dort, wo viele Nordland-Abenteuer erst beginnen. Zurück bleibt die Erinnerung an Mitternachtssonne, spektakuläre Straßen und einen Porsche, der eigentlich nie für solche Touren gedacht war.
Genau deshalb aber irgendwie auch perfekt dazu passte. Denn der umgebaute Boxster zeigt auf der Baltic Sea Circle vor allem eines: Mit den richtigen Anbauteilen wird jedes Auto zum coolen Begleiter. Ich habe zumindest richtig Bock bekommen, mir einen eigenen Rallye-Renner aufzubauen!