Nicht nur die Sonne  strahlte im vergangenen Oktober auf dem Reisemobilstellplatz in Leutkirch (Baden-Württemberg). Vertreter dreier Hymer-Tochterunternehmen präsentierten Bürgermeister Hans-Jörg Henle eine Fahrrad-Servicestation, eine "Sonnen-Relaxliege" und eine Grillstelle.
Nicht das erste Mal, dass dem Platz Gutes widerfahren ist: Beim Bau vor 13 Jahren flossen 19.500 Euro Fördergelder des Landes.
(Wohnmobilstellplatz finden: Die besten Tipps)
Während der Süden erneut feiert, herrscht im Norden Katerstimmung: Daniela Krück bietet in Friedrichskoog (Schleswig-Holstein) bis zu fünf Gastfahrzeugen einen Platz, den Stellplatz nennt sie "Camping am Nordseedeich".
Seit 2016 wurde der Segen des zuständigen Amtes jährlich verlängert – gemäß einer Sonderregel, denn ein offizieller Campingplatz ist ihr Stellplatz nicht. Und die Ausnahmeregel besagt, dass bis zu fünf Mobile abseits von Campingplätzen erlaubt sind.
Reisemobilstellplatz
Fünf Stellplätze bietet Daniela Krück seit 2016 in Friedrichskoog, direkt hinterm Deich – ganz offiziell. Plötzlich muss sie 25.000 Euro lockermachen.

Dachte Krück zumindest, bis das Umweltministerium des Landes 2020 feststellte: Das ist illegal. Es gehe um eine zweistellige Anzahl "rechtswidriger Genehmigungen", einige davon sogar unbefristet, so das Umweltministerium auf Nachfrage.
Immerhin: Eine Übergangsregelung macht Weiterbetrieb und Legalisierung möglich, die Krück rund 25.000 Euro kosten wird. Eine Alternative hat sie nicht, denn "das hier ist meine Existenz".

Stellplätze gibt es gar nicht!

Der eine gepimpt, der andere schikaniert: Wer in Deutschland einen Stellplatz bauen und betreiben will, kann viele Überraschungen erleben. Das hat einen Grund: Stellplätze gibt es – rechtlich – gar nicht!
"Entweder ist etwas ein Campingplatz gemäß der jeweils geltenden Campingplatzverordnung oder ein Parkplatz", sagt Gert Petzold, 1. Vorsitzender im Bundesverband der Campingwirtschaft in Deutschland/Landesverband Schleswig-Holstein. Dazwischen sei eine große "Grauzone, in der auch widerrechtlich von der Kommune genehmigte Stellplätze" entstanden sein.
Reisemobilstellplatz
Der Ausbau von Stellplätzen kann mit den Zulassungszahlen derzeit nicht Schritt halten.

Da verliert man schon mal den Überblick – wie in Leipzig: Während das zuständige Tourismusbüro in einer Broschüre für zentrumsnahe Stellplätze wirbt, teilt die Stadt auf Anfrage mit, dass drei von ihnen "ohne Baugenehmigung illegal betrieben" würden.
Das kommunale Interesse an der Ausschöpfung dieses Gestaltungsspielraums: Verspricht sich eine Gemeinde und die lokale Wirtschaft etwas von Reisemobiltouristen oder leidet sie unter Wildcampern, die für schlechte Stimmung sorgen, sollen sie ihren eigenen Platz bekommen.

Persönliche Affinitäten entscheidend?

Mit einem einfachen Parkplatz ist es aber nicht getan. So schloss etwa die Stadt Bergisch Gladbach 2019 den Stellplatz am Kombibad Paffrath unter anderem wegen "über Wochen campierender irischer Wanderarbeiter" und eröffnete ihn im Juli 2021 wieder – mit Schlagbaum, Gebühren und Platzwart.
Neben eher harten Faktoren begünstigten persönliche Affinitäten der Entscheider positive Bescheide, heißt es hinter vorgehaltener Hand.
Der Caravan Industrieverband Deutschland formuliert es auf Nachfrage so: "Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Wohnmobil fahrender Baureferent oder Bauamtsleiter oder Wirtschaftsförderer mit entsprechender Sachkenntnis und Überzeugungswillen ein solches Bauvorhaben voranbringt, ist höher als bei einem entsprechenden Verantwortlichen ohne diesen Hintergrund."
Reisemobilstellplatz
"Ein neuer Stellplatz ist keine Konkurrenz für den Campingplätz" Thomas W. Holz, Erster Bürgermeister Gemeinde Kochel am See (Bayern)

Hinzu kommt: Nicht immer sind alle für mehr Stellplätze. Wie etwa in Kochel am See (Bayern). Die ansässigen Campingplätze sahen sich durch einen solchen Plan von kommunaler Konkurrenz bedroht.
Letztlich sei "im Einvernehmen" nach Jahren ein Bauantrag gestellt worden, so Bürgermeister Thomas Holz. Er ist überzeugt, dass keine Konkurrenzsituation eintreten werde. Die Anfrage bei einem Campingplatz vor Ort ergab: Man wolle sich "nicht mehr" dazu äußern.

Geduld ist gefragt

Dank komplizierter Regeln und Bestimmungen kann es sich ziehen, selbst wenn die Beteiligten wollen. So lagen in Rietschen (Sachsen) zwischen Entscheidung pro Stellplatz und der Umsetzung neun Jahre.
Hat sich das Warten gelohnt? Ja, sagt Bürgermeister Ralf Brehmer, Camper seien "nette Leute, die auch mal einen Euro dalassen". Um den Betrieb habe sich allerdings niemand geschlagen.
Ein Kontrast kommt aus Lübeck und Travemünde, wo seit wenigen Wochen ein digitaler Echtzeit-Stellplatzfinder die Suche erleichtert.
Der Bundesverband der Campingwirtschaft in Deutschland (BVCD) wirbt seit Jahren für die Erneuerung arg eingestaubter Regeln und plädiert für solche, die in ganz Deutschland einheitlich den Bau von Stellplätzen erleichtern.
Dafür müssten die Länder allerdings Kompetenzen abgeben. Kurzfristig dürfte sich also wenig ändern.

Fazit

von

Roland Kontny
Selbst die öffentliche Hand agiert bei Stellplätzen in der Grauzone – sehr pragmatisch. Es sollte schnell eine Definition her, damit vor allem private Betreiber, als wichtige Stütze der Infrastruktur, nicht auf Duldung, temporäre Erlaubnisse oder den Zufall setzen müssen.

Von

Roland Kontny