Wenn sich kleine Jungs für Fahrzeuge interessieren, dann eher für welche mit Klappe statt Klappenauspuff. Traumberuf Müllmann? Immer noch hoch im Kurs. Gelbe Rundumlichter sind die Spoiler des kleinen Mannes.
Einer, der sich auch mit Ü60 noch wie ein kleiner Junge über Müllautos freuen kann, ist Johannes F. Kirchhoff. Sein Blaumann ist zwar ein Anzug. Aber wenn er in Osterholz-Scharmbeck schnellen Schrittes durch seine Fahrzeugfabrik geht, wo überall geschweißt und geschraubt wird, dann leuchten seine Augen.
Faun
Der Familienbetrieb aus der Nähe von Bremen ist seit 1845 im Geschäft, seit 125 Jahren mit Müllfahrzeugen.
Bild: Holger Karkheck

Kirchhoff (64) ist Müllauto-Macher, Chef von Faun, einem der größten Hersteller von Kommunalfahrzeugen in Deutschland. Rund 2000 Mitarbeiter beschäftigt das Familienunternehmen. Vor 125 Jahren entstanden die ersten Abfallsammler, damals noch gezogen von Pferden. Die neuen Modelle sind ähnlich nachhaltig – fahren mit Brennstoffzellenantrieb.
Familie Kirchhoff hat den Laden 1994 von einer Familie Schmidt gekauft, von drei älteren Erbinnen, mit Geschäftsanbahnung bei Kaffee und Kuchen. So ging damals deutscher Mittelstand. Vermutlich wäre es heute nicht anders. Hand drauf, fertig.

Unikate in Kommunalorange

2002 entstand das neue Werk in der Nähe von Bremen. Hier liefern Lkw-Hersteller wie Scania oder Mercedes ihre Fahrgestelle an. Und Faun baut darauf auf. Alles Manufakturarbeit. Unikate in Kommunalorange (RAL 2011) oder Gelb für die Müllabfuhr in Hongkong. "Der niedrige da hinten ist für München, dort gibt es eine Brücke, unter der sie mit einem normalen Fahrzeug nicht durchkommen", sagt Johannes F. Kirchhoff.
Herr Kirchhoff kann lange Referate halten über Seitenlader, Front-Seitenlader, den einzigartigen Drehtrommelwagen, Kehrmaschinen und natürlich den klassischen Hecklader. Über "Verdichtungsmechanismen" und "Pressplattenladewerke". Klingt technisch, ist es auch. Aber nur so geht’s. 476 Kilogramm Haushaltsabfälle warf jeder Deutsche 2020 in die Tonnen. Und die müssen ja irgendwie auf die rund 1000 Deponien transportiert werden.
Faun
Geschäftsführer Patrick Hermanspann an einem Müllwagen für Hongkong.

Bild: Holger Karkheck

"Variopress" heißt das Brot- und-Butter-Modell von Faun, das neben Brot- und Butter-Biomüll natürlich auch Restmüll oder Gelbe Säcke schluckt. Was es bald nicht mehr schlucken soll: klassischen Sprit. In fünf Jahren will Faun jedes zweite Müllauto in Deutschland mit Brennstoffzellentechnik ausliefern.
Bei allem Hightech: Hintendrauf stehen heute wie vor Jahrzehnten Müllwerker. Klar, es gebe auch automatisierte Systeme. "Aber wie soll das in Städten gehen, wenn am Straßenrand überall Autos parken?", sagt Kirchhoff. Die Trittbretter haben heute Sensoren. Steht einer drauf, ist der Müllwagen auf Vmax 30 km/h gedrosselt. Und rückwärts fährt er dann gar nicht mehr.

Einsatz von der Dominikanischen Republik bis Asien

Was sich noch geändert hat: Inzwischen machen auch Frauen den Job. Seit 2018 in Berlin, und 2019 warb Hannover um "Trittbrettfahrerinnen".
Im Laufe der Jahre haben die Kirchhoffs durch Zukäufe weltweit expandiert. Es gibt eigene Firmen etwa in Australien oder Frankreich. Und zum Einsatz kommen die Müllautos von der Dominikanischen Republik bis Asien. "80 Prozent unseres Umsatzes machen wir außerhalb von Deutschland", sagt Johannes F. Kirchhoff.
Faun
Ein Kehrmaschinenprospekt von 1956, den Namen Faun gibt es seit 1916.

Bild: Faun

Er ist fürs Recyclinggeschäft zuständig, seine Brüder Wolfgang und Arndt machen in Autoteilen, Fahrzeuglösungen für Behinderte. Und auch die Werkzeugfirma Witte gehört der Familie.

Familienbetrieb in vierter Generation

Insgesamt führen die Kirchhoffs aus dem Sauerland heraus inzwischen rund 50 Werke mit 12.200 Frauen und Männern in 20 Ländern. Ob Aluminiumteile für die Corvette, Kühlergrillverstärkungen für Pick-ups oder Flugfeld-Kehrmaschinen – alles dabei. Ein Familienbetrieb in vierter Generation.
Die Eltern der drei Jungs, beide Ingenieure, erzogen ihre Söhne im Wettbewerb mit Stoppuhren. Da ging's um Schwimmen, Rennen, Skifahren. Heute um Umsatz, Gewinn und Mitarbeiterzufriedenheit.
Faun
Kirchhoff auf der Trittstufe eines Faun Variopress.
Bild: Holger Karkheck

Wie bodenständig die Familie dabei geblieben ist, zeigt der Betriebsausflug des Faun-Managements – an Bord ihrer Fahrzeuge. "Alle 15 Monate stellen wir uns selbst hinten auf die Trittbretter und machen eine Müllsammeltour", sagt Kirchhoff. Schließlich müsse er wissen, was den Müllwerkern, nun ja, stinke.

Müllsammelwagen kostet ca. 230.000 Euro

Rund 12.000 Müllsammelwagen sind in Deutschland unterwegs. "Unsere Fahrzeuge halten im Schnitt zehn Jahre", sagt Kirchhoff. Dann kommt der Müllwagen in den Müll beziehungsweise wird recycelt. Ein neuer kostet etwa 230.000 Euro.
Und was macht ein Fahrzeugbauer am Wochenende? "Ein Fahrzeug bauen", sagt Johannes F. Kirchhoff und lacht. Gerade schraubt er an einem Auto-Bausatz, gemeinsam mit den beiden jüngsten seiner vier Kinder. "Die sollen die technischen Zusammenhänge verstehen." Irgendjemand muss den Laden ja irgendwann übernehmen.

Zur Person: Johannes F. Kirchhoff

Promovierter Müllmann! Doktorarbeit über Entsorgungslogistik, außerdem Maschinenbau-Ingenieur. Arbeitete von 1982 bis 1985 als Konstrukteur bei Daimler- Benz. Seit 1994 Chef von Faun. Baut am Wochenende Autos mit seinen Kindern.