Breuil-Cervinia im Frühsommer ist eine ziemlich trostlose Veranstaltung. In Winter gilt das italienische Bergdorf auf der Rückseite von Matterhorn und Monte Rosa als Pisten-Paradies. Doch wenn der Schnee so langsam schmilzt, reduziert sich auch der Reiz. Weiter unten im Aosta-Tal gibt es wunderschöne Wanderwege, Hochweiden und Almen mit spektakulären Aussichten auf die umliegenden Viertausender.
Doch jenseits von 2500 Metern bleibt nicht viel mehr als ein paar schmutzig-graue Eisflanken und schier endlose Schotterhalden. Kein Wunder, dass die meisten Lifte in diesen Tagen stillstehen und die große Gondel einem eher luftigen Fahrplan folgt.
Aber was die wenigen Wanderer abschreckt, kommt uns gerade recht. Denn wir brauchen weder eine Gondel noch Besucherscharen. Schließlich wollen wir mit dem Auto nach oben. Nicht mit irgendeinem Auto, sondern mit Sam the Van, einem neuen Abenteuer-Ausbau auf Basis des Mercedes Sprinter.
Sam the Van
Sprinter-Cockpit mit neuen, in rustikalem Sattelleder bezogenen Sitzen.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Und nicht auf irgendeinen Berg. Sondern hinauf zum Rifugio del Teodulo, das quasi in der Kniekehle des Matterhorns liegt und gemeinhin als der höchste in Europa mit dem Auto erreichbare Punkt gilt. Sofern man das richtige Auto hat und den Segen von Lucio, der unten im Tal den Zivilschutz koordiniert und oben für den Alpenverein die ganzjährig geöffnete Hütte bewirtschaftet.

Sam steht für Sustainable Adventure Mobility

Die unwirtliche Gegend passt zu diesem Van. Denn Sam ist nicht gemacht für liebliche Seen im Voralpenland, für Schafsweiden hinter dem Deich oder die endlosen Weiten Skandinaviens. Sondern Sam steht für Sustainable Adventure Mobility. Und wenn es irgendwo abenteuerlich wird in Europa, dann hier.
Bis vor ein paar Wochen noch hätte man ein Schneemobil nehmen müssen, einen Pistenbully oder einfach den Lift – und an Selbstfahren war nicht zu denken. Denn bis weit in den Juni hinein ist der Aufstieg tief verschneit, spätestens im September ist es auch schon wieder vorbei, und in der Zeit dazwischen ist von dem bis in die Mitte der 1980er noch als öffentliche Straße geführten Weg nicht viel mehr übrig als eine steile Schotterhalde mit großen und kleinen Steinen und tiefen Furchen dazwischen. Von den je nach Sonnenstand mal sanften und mal reißenden Schmelzwasserströmen ganz zu schweigen.
Sam the Van
Das Querbett im Heck misst 2 x 1,30 Meter und besitzt drei Härtezonen.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Dass Sam vor diesem Abenteuer nicht zurückschreckt, ist ein Verdienst von Michael Iglhaut und seiner Mannschaft. Denn lange bevor Mercedes den Sprinter in den Matsch geschickt hat, haben sie den Kastenwagen in Marktbreit zum Kraxler gemacht. Angefangen hat es mit einem Hotelier aus dem Allgäu, der vor ziemlich genau 40 Jahren einen Allrad-Bus brauchte, mit dem er die Gäste zu seinem abgelegenen Haus shutteln konnte.
Weil der Mann so zufrieden war, hat er gleich zwei weitere bestellt – und die Unterfranken damit auf eine Geschäftsidee gebracht. "Seitdem bauen wir Allrad-Systeme und machen vor allem die Mercedes-Transporter fit fürs Abenteuer", sagt Firmenchef Iglhaut.

Über 100 Autos im Jahr werden umgebaut

Und seine 15 Mitarbeiter haben mittlerweile gut zu tun: Über 100 Autos im Jahr bauen sie um. Nach wie vor sind das zwar vor allem gewerbliche Kunden, die Kleinbusse oder Transporter brauchen. Aber auch Iglhaut spürt den Boom für Camping und Glamping und hat immer öfter Privatiers auf dem Hof. Entsprechend bereitwillig hat er sich auf die Partnerschaft mit Sam the Van eingelassen.
Das Angebot ist so vielfältig wie die Einsatzzwecke der Fahrzeuge: Das beginnt beim sogenannten Performance-Programm mit groben Reifen und mehr Bodenfreiheit, das es auch für Citan und V-Klasse gibt, führt über das Basis-Paket mit Allrad, zwölf Zentimetern mehr Bodenfreiheit, Geländeuntersetzung und Zentralsperre und gipfelt in Optionen wie Sperren vorne und hinten, Unterfahrschutzen und allerlei Spezialreifen.
Sam the Van
Unter dem Bett in der Heckgarage ist reichlich Platz für Gepäck und Vorräte.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Dann dauert der Umbau allerdings schnell mal zwölf statt der sonst üblichen vier Wochen, und statt der gut 30.000 Euro fürs Basis-Paket werden dann auch mal 90.000 Euro fällig – plus Basisfahrzeug natürlich. "Aber gerade im privaten Bereich bestellen bei uns viele 'einmal mit allem'", freut sich der Franke und macht seinen Kunden dafür ein ambitioniertes Versprechen: "Solange auch nur ein Rad noch Traktion hat, kommt man mit unserem Allradantrieb überall hin."
Diese Worte klingen auf dem Weg hinauf zum Teodulo nach, und mit jedem Meter, den die Anzeige auf dem Navi klettert, wächst ihr Wahrheitsgehalt. 2000 Meter im Ort, 2100, 2200, 2300, 2400, 2500 Meter – gut möglich, dass es hier bis zur Mittelstation der Gondel auch ein normaler Allradsprinter geschafft hätte, wie ihn Mercedes erst seit ein paar Jahren selbst anbietet. Doch spätestens ab dem eisblauen Schmelzwassersee Lago Cime Bianche wird es knifflig, aus dem Bergweg wird ein breiter Wanderpfad, der bald in eine Piste übergeht. Und nein, keine fürs Auto, sondern eine für Skifahrer. Nur, dass wir in der Gegenrichtung unterwegs sind.
Auch wenn der unten im Tal noch so flotte Zweiliter-Diesel mit seinen 170 PS und 400 Nm hier oben ordentlich rödeln muss und von Sprinter nicht mehr die Rede sein kann, beweist Sam so viel Vorwärtsdrang wie eine Bergziege.

Eine ökologisch konzipierte und politisch korrekte Wohlfühl-Kabine

Und genauso stoisch und stur stapft er die Steigung hinauf, selbst wenn die Luft auch für den Diesel jenseits der 3000 Meter so langsam dünn wird und dem Fahrer schon beim Ausblick der Atem stockt. Und erst recht bei der Aussicht auf den Weg, der sich nach jeder Kurve noch steiler den Berg hinaufzuwinden scheint.
Immerhin: Sollten wir hier am Hang hängen oder trotz der Schneeketten, für die Iglhaut eigens für Sam und unsere Expedition sein Fahrwerk noch mal modifiziert und so doch noch eine Freigabe erteilt hat, im weißen Matsch stecken bleiben, könnten wir es mit Sam hier oben auch aushalten, bis auch der letzte Schnee geschmolzen ist.
Nicht umsonst haben Architektin Maria Bauer und ihr Mann, der Porsche-Designer Ingo Scheinhütte, für Komplettpreise, die je nach Igelhaut-Technik zwischen 265.000 und 295.000 Euro liegen, eine ökologisch konzipierte und politisch korrekte Wohlfühl-Kabine in den Kastenwagen gebaut, die es mit jeder Suite in einem Designerhotel aufnehmen kann. Cool, aber keineswegs kühl, modern und stylisch.
Sam the Van
Bequeme Sitzecke: An den Tisch passen dank drehbarer Cockpitsitze vier Personen.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Es gibt hinter den drehbaren Frontsitzen in warmem Sattelleder eine Essecke, gegenüber haben sie eine Küchen-Zeile versteckt, mit 2-Flammen-Gaskocher, einem von innen und außen zugänglichen 70-Liter-Kühlschrank und einem zehn Liter großen Trinkwasserspender. Und bevor man hinten in die kuschelige Querschläfer-Koje schlüpft, führt rechts noch ein Weg ins abgeschlossene Bad von 70 × 75 Zentimetern, das dank Trockentrenntoilette auf einem Auszug und Klappwaschbecken aus Kupfer trotz einer komfortablen Dusche auch im kurzen Sprinter seinen Platz findet. Denn sanitäre Verrichtungen im offenen Raum, das kam für Maria nicht infrage.
Genauso wenig wie billiges Plastik oder eine Einrichtung wie vom Möbel-Discounter. Deshalb sind die Armaturen vom dänischen Designhaus Vola, es gibt ein digitales Technik-Panel im Hochschrank über der Küchenzeile wie auf der Enterprise, im Bad steht Kosmetik von Aesop, das Geschirr besteht aus recycelten Rohstoffen und Aluminium, und natürlich wird alles mit magnetischen Haltern klapperfest fixiert. Und fürs gute Gewissen und eine kuschelige Atmosphäre ist Sam mit Kork und Schafswolle isoliert.

SAM the Van: technische Daten

SAM the Van: technische Daten
Motorisierung
417 CDI
Leistung
125 kW (170 PS) bei 3800 U/min
Hubraum
1950 cm3
Drehmoment
400 Nm bei 1500/min
Höchstgeschwindigkeit
100 km/h
Getriebe/Antrieb
Neungang-Automatik/ Hinterrad
Tankinhalt/Kraftstoffsorte
71 l/Diesel + 22 l AdBlue
Länge/Breite/Höhe
5932/2190/3040 mm
Radstand/Bereifung
3665 mm/285/ 75 R 16 113 R
Masse fahrbereit/Zuladung ca.
3450/650 kg
Anhängelast (gebremst/ ungebremst)
k. A.
Außenmat. Wand/Dach/Boden
Stahlblech
Stärke Wand/Dach/Boden
≤ 65/≤ 30/≤ 65 mm
Isoliermaterial Wand/Dach/
Kork & Schafwolledämmmatten
Boden
Liegefläche Heck L x B
2020 x 1300 mm
Innenhöhe/-breite max.
1900/1780 mm
Kühlschrank/Eisfach
Dometic RC 10.4T, 70 l/7,5 l
Herd
2 Flammen
Bordbatterie
330 Ah Lithium-Ion
Frisch-/Abwassertank
100 l (+ Carawater Autarx System)/70 l
Gasvorrat/Heizung
11 kg/Truma Combi D6E Diesel Elektro
Grundpreis/Testwagenpreis
230.000/340.000 Euro
Auch Stauraum gibt es reichlich. In den hölzernen Hoch- und Hängeschränken, zahlreichen Schubladen, in den Fächern unter dem mit Kork ausgelegten Boden. Von außen zugänglich unter dem Bett oder zwischen den beiden Solarpanelen auf dem Aluminium-Dachträger, für den sie das optionale Aufstelldach geopfert haben.
Während Maria von Sams Autarkie schwärmt, von 1000 Liter Frischwasser dank Grauwasseraufbereitung erzählt und von den Batterien, mit denen man auch ohne Landstromanschluss locker über mehrere Tage kommt, und bei uns so langsam die Idee von einer unfreiwilligen, aber willkommenen Auszeit auf dem Berg fruchtet, denkt Sam nicht im Traum an ein Sabbatical, sondern wühlt sich weiter den Berg hinauf. Ja, so langsam braucht man die Sperren, und ohne Untersetzung geht hier gar nichts mehr. Aber da, wo die wenigen Wanderer arg ins Schnaufen kommen, zieht der Van jetzt locker vorbei, und wir können nur höflich winken.

Auf dem Gipfel ist es einsam

Nach einer gefühlten Ewigkeit, die am Ende doch nur 20 Minuten währt, hat er die 3000-Meter-Marke geknackt. Und während die Mitfahrer googeln, dass damit der höchste offizielle Alpenpass, der Col de l'Iseran mit seinen 2770 Metern, schon 230 Meter unter uns liegt, fährt Sam Slalom unter den Liftmasten und kämpft sich auch noch die letzte Steigung hinauf zum Rifugio, wo sie uns auf 3317 Metern mit großen Augen und offenen Armen begrüßen. Schließlich kommen hier nicht oft Gäste auf eigener Achse an.
Sam the Van
In den italienischen Alpen hat Sam seinen Abenteuergeist bewiesen.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Dabei locken Lucio und seine Leute mit einem gastronomischen Angebot, wie es – sorry, Maria, – selbst Sam nicht zu bieten hat. Schon der Cappuccino ist eine Wucht, und der Kuchen ist auch die weiteste Wanderung wert, von unserem kleinen Reisemobil-Abenteuer ganz zu schweigen.
Und selbst kochen können wir ja auch unten im Tal wieder. Jetzt müssen wir Sam allerdings erst mal wenden, was bei den bescheidenen Platzverhältnissen keine leichte Übung ist. Immerhin steht ihm hier oben keiner im Weg. Denn andere Autos verirren sich nur zwei-, dreimal im Jahr hier hoch, und Vans erst recht nicht. Sam ist hier alleine und bestätigt das alte Sprichwort. It's lonely at the top: Auf dem Gipfel ist es einsam.
Was für ein gelungener Einstand: Er sieht cool aus, ist nachhaltig entwickelt und praktisch eingerichtet, und er kommt dank bewährter Allradtechnik überall hin – so bietet Sam alles, was die Generation Van-Life für die nächste "Out of Office"-Meldung braucht.