Sekundenschlaf im Auto
Tödliche Müdigkeit am Steuer: Moderne Technik soll helfen

Experten schlagen Alarm: Übermüdung am Steuer ist eine der häufigsten Unfallursachen. Neue Methoden sollen Schlafmangel nachweisen.
Bild: Andreas Lindlahr
- Egon Morawietz
Eine fröhliche Feier in Hamburg endet tragisch. Auf der Rückfahrt nach Winsen an der Luhe prallt eine Autofahrerin morgens um sechs ungebremst gegen einen Baum. Beide Insassen werden verletzt. Bei der ersten Anhörung kreuzt die Fahrerin als Unfallursache "Übermüdung" an. "Ein Versehen", sagt sie später vor Gericht. Ein Gutachter stellt fest: Der Wagen kam über 50 Meter immer weiter nach links ab.
"Sobald Schlangenlinien, Abkommen von der Straße oder ungebremstes Auffahren ersichtlich sind, könnte Schläfrigkeit vorliegen", beschreibt Prof. Dr. Sylvia Kotterba, Chefärztin am Klinikum Leer und Leiterin des Schlaflabors, den typischen Müdigkeitsunfall. Verkehrsmediziner warnen: Wer etwa 22 Stunden nicht geschlafen hat, reagiert am Steuer wie mit 1,0 Promille Alkohol im Blut.

Übermüdungsunfall Ende 2022 in Niedersachsen: Beide Insassen des Peugeot wurden schwer verletzt
Bild: Christoph Leimig
Es gibt Kurz- und Langschläfer
Problem: Müdigkeit lässt sich bislang kaum nachweisen. "Da die notwendige Schlafmenge individuell unterschiedlich und auch altersabhängig ist", erläutert Seema Mehta vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR). Kurzschläfern reichen vier Stunden, Langschläfer brauchen bis zu elf Stunden. Beim DVR forscht man deshalb zu Müdigkeits-Messverfahren.
Australische Wissenschaftler nutzen eine Blutprobe zur Feststellung des Schlafmangels. Mit 99-prozentiger Sicherheit sollen fünf Biomarker zeigen, ob jemand 24 Stunden oder länger wach war. Schlafforscherin Kotterba stellt deren Genauigkeit infrage: "Sie hängen sehr vom individuellen Stoffwechsel und der Ernährungslage ab."
Schlafmangel per Blutprobe nachweisen
Müdigkeitswarner, Kameras, Notbremsfunktionen im Auto und Rüttelstreifen auf der Straße sollen Unfälle vermeiden und schläfrige Autofahrer rechtzeitig warnen. "Bei aller Technik muss sich der Fahrer letztlich selbst einschätzen", sagt Sylvia Kotterba, die auch Gutachterin für Müdigkeitsunfälle ist. Beliebt zur Gesundheitsüberwachung sind Sleeptracker und Smartwatches. Sie eignen sich aber nicht, um übermüdete Autofahrer zu warnen, sondern zeigen lediglich an, ob der Puls oder die Aktivität runtergeht.
Im Euro-NCAP-Test werden seit Anfang 2023 kamerabasierte Systeme bei der Fahrzeugsicherheit bewertet. Sie erkennen Kopf-, Augen- und Körperbewegungen und schließen dann auf Müdigkeit und Schlaf. Weitere Sicherheitsfunktionen können gekoppelt werden: Sie warnen frühzeitig vor einem Crash oder greifen gar direkt in Bremse oder Lenkung ein. Systeme zur Müdigkeitserkennung werden ab Juli 2024 für alle Neuwagen verpflichtend.
Müdigkeitswarner für alle Neuwagen
Laut Statistischem Bundesamt nehmen Müdigkeitsunfälle stark zu: 2022 starben 50 Menschen, 804 wurden schwer und 2103 leicht verletzt. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen.
Gesetzliche Vorgaben gegen Schlafcrashs oder gar Grenzwerte seien hierzulande nicht geplant, heißt es aus dem Bundesverkehrsministerium. Anders im US-Bundesstaat New Jersey, der hart gegen müde Autofahrer vorgeht: Wer länger als 24 Stunden ohne Schlaf am Steuer saß, wird nach einem Unfall strafrechtlich belangt.
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