Natürlich habe und werde ich ihn nie vergessen, den 15. November 1985. Der Tag, an dem AUTO BILD quasi seine Straßenzulassung bekam. Ausgestellt vom damaligen Vorstand der Axel Springer AG und begründet mit der scheinbaren Verkehrstauglichkeit eines Dummys, also einer Nullnummer für interne Zwecke mit 32 Seiten.
Der Auftrag zur Entwicklung dieses Zeitungs-Zeitschriften-Erlkönigs war nur ganze elf Tage vorher ergangen (siehe auch den Artikel "In 113 Tagen von 0 auf 100"). Und er war eindeutig zweideutig. Laut Marktforschung gab es in Deutschland nämlich nur sehr wenig Platz für eine weitere Auto-Zeitschrift. Für die Entwickler Peter Koch († 1989), ehemaliger "Stern"-Chefredakteur, und mich, Ex-Chef der "Auto Zeitung", hieß es also, unbedingt ein Modell zu finden, das den Markt erweitert.
Peter Felske und ein Tempo Matador am Stelzenhaus im Hamburg
Zurück zum Tatort: Peter Felske am Stelzenhaus im Hamburg, wo er 1985 AUTO BILD mitentwickelte. 1988 bis 2006 war er Chefredakteur. Der blaue Tempo Matador von 1965 war 1985 gerade mal ein Youngtimer.
Bild: Uli Sonntag / AUTO BILD

Die AUTO BILD-Idee: eine Zeitung für alle, die Auto fahren

Die Antwort lautete schließlich ganz banal: eine Zeitung für alle, die Auto fahren. Kein weiteres Hochglanz-Produkt zur Blech- und Technik-Verherrlichung, sondern einen populären Ratgeber für jedermann auf unseren Straßen.
Dazu war es vielleicht ganz gut und hilfreich, dass zu dem kleinen Team, das wir in den wenigen Tagen um uns versammeln konnten, kaum Auto-Experten gehörten. Die Mehrheit kannte also die Fragen, die sich Otto Normalfahrer stellte, und bescherte uns damit schnell jene Themen, die in der sogenannten Fachpresse nicht behandelt wurden.
Dummy-Seiten von 1986/1986 für AUTO BILD
Schwarz-Weiß-Fotos, jede Menge Meldungen auf engen Raum gepresst – die Neugründung sollte aussehen wie eine BILD-Zeitung.
Bild: intern AUTO BILD
Wie rette ich meinen Führerschein vor Gericht? Wie erkenne ich Fallen beim Autokauf? Was passiert mit meinen Punkten in Flensburg? Wo finde ich gute Restaurants neben der Autobahn? Wie bremse ich richtig im Winter? Für Antworten auf solche Fragen waren sich Fachjournalisten bis dahin meist zu schade. Wir nicht.
Hinzu kam, dass Fachchinesisch in den Texten grundsätzlich verboten war und alle technischen Begriffe sofort für jedermann und jede Frau verständlich übersetzt werden mussten.
Dummy-Seiten von 1986/1986 für AUTO BILD
Kurztest vom Opel Kadett E Stufenheck, Ratgeber-Artikel – ah, oben ist noch Platz für zwei Witze. Der bessere:
Prüfer zu einem Prüfling: "Nennen Sie mir einen Autotyp!" Erster Prüfling: "Jaguar." Prüfer zum zweiten Prüfling: "Jetzt Sie." "Februar."
Bild: intern AUTO BILD

Wäre AUTO BILD mit so vielen schwarzweißen Seiten so erfolgreich geworden?

Inhaltlich hatten wir die mögliche Nische also schnell gefunden. Aber formal? Als ich den Kollegen Hans-Jürgen Greve um vier Uhr morgens am besagten 15. November mehr oder weniger zwang, den letzten Text endlich freizugeben (ihm gefiel der Zeilenfall einer Bildunterschrift immer noch nicht), da bin ich zunächst sehr zufrieden auf die Büro-Couch gesunken. Als mich Peter Koch dann um kurz vor elf mit einer Flasche Champagner in der Hand und der frohen Botschaft aus dem Vorstand weckte, überkamen mich allerdings Zweifel.
Dummy-Seiten von 1986/1986 für AUTO BILD
Unten rechts: Reparaturtipp zum Ausschneiden fürs Handschuhfach. So war das im Offline-Zeitalter.
Bild: intern AUTO BILD
Hätte es wirklich zum Erfolg gereicht, den Deutschen ihr liebstes Kind dauerhaft auf losen Zeitungsblättern und überwiegend in Schwarz-Weiß zu präsentieren? Bis heute fällt es mir schwer, daran zu glauben.

Eine neue Drucktechnik machte es möglich: jede Seite bunt!

Doch die Rettung kam nur wenige Tage später. Am 26. November präsentierte die Druckerei in Ahrensburg eine technische Revolution: Tiefdruck auf Zeitungspapier. Jede Seite farbig.
Titelseite der ersten AUTO BILD
So bunt erschien am 24. Februar 1986 die erste AUTO BILD. Warum wurde ein Mazda der Titelheld? Peter Felske hatte einen kurzen Draht zur Mazda-Presseabteilung und bekam vorab Fotos vom neuen RX-7. "Dazu kam, dass er so schön rot war, das hilft auch auf der Titelseite."
Bild: intern AUTO BILD
Damit war es dann möglich, die künftige Nummer eins auf dem Markt der Auto-Blätter so bunt und spannend zu gestalten, wie wir sie seit dem 24. Februar 1986 als AUTO BILD kennen. (Gratis: AUTO BILD-Erstausgabe zum Download)