Wir leben das. So lautet der Slogan von Spacecamper. Für Boss Ben Wawra ist das mehr als eine platte Werbebotschaft, sondern Lebensmotto.
Er hat tatsächlich vor rund zehn Jahren seine Wohnung gegen einen Hochdach-Campingbus aus dem eigenen Haus getauscht. Da kratzt sich selbst der routinierte Camper fragend am Kopf. Wie geht das?
Nicht so einfach, sollte man meinen. Schließlich braucht in Deutschland jeder Mensch eine Meldeadresse, sonst gilt er als wohnsitzlos. Irgendwo müssen die Briefe von Finanzamt, Versicherungen sowie Rechnungen aller Art ja hin. Das hat Ben Wawra organisiert. Formal wohnt er bei seinem Vater, den er zwar regelmäßig besucht, aber eben nicht dort wohnt. Dafür hat er seinen Bus.
Homeoffice nach Wawra-Art. Ein Kunstwerk der Tochter bringt Farbe ins rollende Büro.

Der ist, vorsichtig gesagt, nicht gerade riesig. In einem Liner zu leben, wie das viele Ruheständler in Nordamerika tun – kein Problem! Selbst einen ausgewachsenen Kastenwagen mit fester Nasszelle kann man sich mit ein bisschen Fantasie noch ganz gut als Domizil vorstellen. Aber einen Bulli? (Neuer ID.Buzz: So fährt der vollelektrische VW Bulli mit T1-Genen)

Arbeiten vorm oder im Bulli

"Das geht ganz prima", meint Ben Wawra. Den habe ich sozusagen von der Arbeit abgeholt. Wobei dies bei Ben eine etwas ungenaue Definition ist. Denn nicht erst seit Corona arbeitet er oft in oder vor seinem Bus. Am Tag unseres Treffens allerdings parkt der Hochdach-Bulli auf dem Spacecamper-Firmengelände in der Darmstädter Haasstraße.
Denn es gibt einiges zu besprechen und zu begutachten in der hauseigenen Werkstatt. Prototypenbau und so. Genaueres lässt der Chef nicht raus. Egal, uns geht es heute ohnehin nicht um Technik und Produkte, sondern um Ben Wawra höchstpersönlich. Und wie das so ist, wenn man in einem Bus wohnt.
Nicht nur von oben betrachtet erscheint Ben Wawras Rückzugsort sehr idyllisch.

Angefangen hat alles im Jahr 2012. In einer Art Selbstversuch wollte der Spacecamper-Chef ausprobieren, wie es ist, im eigenen Bus nicht nur Freizeit und Urlaub, sondern das ganze Leben zu verbringen. Damit wiederholt er das, was er während seines Studiums schon mal praktiziert hatte: Da wohnte er einige Jahre in einem selbst ausgebauten Ford Transit.

Spacecamper-Gedanken auf die Spitze getrieben

Sein Compagnon Markus Riese, mit dem Ben Wawra 2005 das Unternehmen RW-Fahrzeugbau gründete, verbrachte ein Sabbatjahr in Australien im eigenen VW-Bus. Die in der Campingpraxis gesammelten Ideen setzten beide dann in den Spacecamper-Bullis um. Also treibt Ben Wawra mit seinem aktuellen mobilen Zuhause einfach den Spacecamper-Gedanken auf die Spitze.
Wir fahren raus an die Bergstraße. Dort hat sich der mobile Dauercamper ein Grundstück gekauft. Wo das ist, verraten wir nicht. Einige Spacecamper-Kunden kennen es. Schließlich nutzt Ben das Grundstück immer mal wieder dazu, Kunden in ihre neuen Fahrzeuge einzuführen und Praxistipps zu geben. So ähnlich läuft das jetzt auch bei uns.
Wenn der Spacecamper zur Muckibude wird.

Ben ist eigentlich mit allen Kunden per Du, mit uns auch, obwohl wir keine Kunden sind. Aber wir haben zumindest einen Classic Open aus dem Testfuhrpark dabei. Im Mini-Konvoi fahren wir einige Kilometer Richtung Süden, bis Ben den Blinker setzt. Es geht ein Stück bergauf durch eine kleine Ortschaft, dann auf einem Feldweg weiter – bis wir schließlich das Grundstück erreichen.
Das ist ziemlich hügelig, doch Parkbuchten ermöglichen es, die Busse halbwegs eben abzustellen. Große Bäume spenden Schatten. Ansonsten ist die Ausstattung des Grundstücks rudimentär. Ein paar stapelbare Kunststoff-Gartenstühle, eine zum Grill umfunktionierte ehemalige Waschtrommel und eine Schaukel.

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Schließlich ist Ben Vater von zwei Kindern. Wobei die beiden schon in dem Alter sind, in dem man nicht immer automatisch die nächste Schaukel entert. Sohn Jan Hardy ist 17, Tochter Lara (19) hat bereits den Führerschein – und leiht sich immer mal wieder Papas Bus. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Immerhin haben seine Kids, als sie noch Kids waren, rund 150 Nächte im Jahr bei ihm gewohnt, also im Bus. Die meiste Zeit verbrachten sie jedoch bei der Mutter, von der Ben getrennt lebt.
Heckklappe mit Duschvorhang und warmer Brause freuen den Erfinder.

Dennoch, so versichert er, pflege man ein freundschaftliches Verhältnis. Vom guten Verhältnis zur Tochter zeugt ein großformatiges Bild, das ihm Lara gemalt hat und nun an der Unterseite des Dachbettes klebt. Und als Ben in der Schublade unter der Sitzbank kramt, zieht er auf einmal grinsend eine Uno-Spielkarte hervor. Die Affenkarte zeugt vom einstigen rollenden Kinderzimmer.
Während Ben mit einem Gasbrenner das Grillfeuer anfacht, schwärmt er vom Leben im Bus: "Das ist einfach total abwechslungsreich. Manchmal überlege ich mir erst beim Losfahren, wo ich übernachte." Heute hier, morgen dort – wie schon Hannes Wader sang.
In dieser Idylle weist der Chef den Autor ins neue Fahrzeug ein.

Sehr gerne steuert er das Rheinufer an. Schließlich ist er leidenschaftlicher Paddler. Das Boot ist immer dabei und hängt links neben dem Polyroof-Hochdach. Mit an Bord ist auch immer sein Laptop und natürlich das Smartphone. Schließlich arbeitet er oft im Bus, was er für sehr effektiv hält: "Da kann ich viele Dinge konzentriert am Stück erledigen."
In der Firma komme dann doch öfter mal jemand ins Büro. Draußen nimmt Ben sich die Freiheit, tatsächlich auch mal das Handy abzustellen, wenn er tief in einem Thema ist. Kein Zweifel, er lebt das.

Von

Martin Häußermann