Auto-Salon Genf
Das billigste Auto der Welt kommt nach Europa, und Dr. Monika Scheller wartet schon ganz aufgeregt. Die Anwältin aus Frankfurt trägt eine große Sonnenbrille, ein weißes Kostüm, eine dicke Perlenkette und eine braune Handtasche von Hermes. "Die hat 5000 Euro gekostet", verrät die Dame, dreht sich zu dem weißen indischen Kleinwagen und erklärt: "Dafür bekomme ich drei von denen da."
Willkommen in Europa, Tata Nano!
Das Mini-Mobil, das in Indien ab Herbst für umgerechnet 1700 Euro verkauft wird und die Menschen auf dem Subkontinent mobil machen soll, wird in Genf erstmals dem verwöhnten europäischen Publikum gezeigt. Und obwohl das Minimal-Mobil so nie auf unsere Straßen kommt, wird der Nano begeistert empfangen.
Tata hat seinen Stand zwischen Brabus und Lexus, und als Konzernchef Ratan N. Tata die beiden Nano enthüllt, drängeln sich die automobilen Fachleute zu Hunderten um die zwei Wägelchen. Applaus brandet auf, Arme mit Kameras und Fotohandys werden in die Luft gereckt, Ellbogen ausgefahren. Jeder will den Nano anfassen, reingucken, eine Antwort finden auf die Frage: Wie geht das? Ein Neuwagen zu diesem Preis.
Tata ist zum elften Mal in Genf, doch nie zuvor standen die Inder derart im Zentrum des Interesses. Nur die Chefs der großen Hersteller ignorieren den neuen Konkurrenten. "Dazu möchte ich lieber keinen Kommentar abgeben", antwortet Ravi Kant, Chef von Tata Motors, höflich, als AUTO BILD ihn fragt, ob er sich nun akzeptiert fühle im Kreise der großen Autobauer.
Professor Ferdinand Dudenhöffer, der auch Auto-Papst genannt wird, steht neben dem gelben Nano und sagt: "Genau so habe ich ihn mir vorgestellt. Der Nano ist eine der großen Auto-Innovationen der letzten 30 Jahre. Opel, VW und Ford sollten rüberkommen und sich das angucken." Dudenhöffer hält Ratan Tata für einen neuen Gottlieb Daimler, einen Ferdinand Porsche des 21. Jahrhunderts.
Ein Stück weiter stehen Jens-Uwe Kruska und Frank Zippel vom Zulieferer Salzgitter. "Früher kamen zu Tata zehn Besucher. Unglaublich, was hier los ist", sagt Zippel. Eine Chance in Europa gibt er dem Nano nicht. "Dafür gibts Dacia." Dr. Monika Scheller ist das egal. "Ich würde sofort einen kaufen." Geht nicht, der ist nicht sicher genug, sagt ihr Begleiter. "Egal, stell ich ihn eben vors Haus. Als Status-Symbol."
HS
Billigauto in Bedrängnis: Tata Nano in Genf. Daneben steht stolz Konzernchef Ratan Tata
Wie fühlen sich 1700 Euro an? Europas Autojournalisten befassen sich mit dem Billigauto
Was steckt dahinter? Ärmel in Nadelstreifen auf der Suche nach dem Geheimnis des Nano
Und wer hat es schon immer gewusst? Für AutopapstFerdinand Dudenhöffer ist der Nano-Erfolg kein Wunder
Dame mit Tasche, aber noch ohne Tata: Dr. Monika Scheller aus Frankfurt würde den Nano sofort kaufen. Selbst, wenn sie ihn nicht fahren darf