SPD fordert Tempo 130

Tempo 130 auf Autobahnen: Argumente

Das bringt Tempo 130

Die Emotionen kochen hoch: Tempo 130 auf der Autobahn? "Niemals!", sagen die einen. "Höchste Zeit!", sagen die anderen. Was bringt ein Tempolimit wirklich?
Deutschland gilt als Land der Schnellfahrer. Auch für Hollywoodstar Tom Hanks, der nach einer Autobahntour sein Glück kaum fassen konnte: "Die Regierung steht hinter dir, und du kannst einfach Gas geben, Baby", frohlockte der Oscar-Preisträger einst bei Talkmaster David Letterman, als er von seinen Erfahrungen auf deutschen Autobahnen berichtete. Ist dieser Spaß bald vorbei? Die "Nationale Plattform Zukunft der Mobilität" – eine Expertenkommission der Bundesregierung – erwägt als eine von vielen Maßnahmen ein Tempolimit von 130 km/h auf Autobahnen. Ziel: weniger CO2-Ausstoß, weniger Staus, mehr Sicherheit. Doch was kann eine solche Maßnahme bringen? AUTO BILD trägt Fakten zusammen – und bedenkt auch die Gefühle der Autofahrer.

Auswirkungen von Tempo 130 auf der Autobahn

Umwelt: Wird CO2 eingespart?

Fakt ist: CO2 trägt als einer der größten Klimatreiber maßgeblich zur Erderwärmung bei, und der Verkehr hat einen gehörigen Anteil daran. 115 Millionen Tonnen des Treibhausgases wurden 2017 auf deutschen Straßen produziert. Zur Möglichkeit der Einsparung durch verlangsamtes Tempo auf Autobahnen gibt es allerdings kaum aktuelle Zahlen. Laut Deutscher Umwelthilfe könnte ein generelles Tempolimit von – noch schärferen – 120 km/h bis zu fünf Millionen Tonnen CO2 pro Jahr einsparen. Eine verlässliche Berechnung des Umweltbundesamt stammt noch aus dem Jahr 1999(!), demnach könnte ein Tempolimit von 120 km/h den CO2-Ausstoß von Autos auf Autobahnen um fast ein Zehntel verringern. In absoluten Zahlen wären das mehr als zwei Millionen Tonnen CO2 – das seien allerdings nur zwei Prozent des Ausstoßes des gesamten Straßenverkehrs, berichtet der Nachrichtensender ntv. Im Jahr 2007 argumentierte unter anderem der damalige Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD), Tempo 130 helfe der Umwelt kaum. Es spare nur 2,5 Millionen Tonnen Kohlendioxid im Jahr ein, insgesamt sei aber eine Einsparung von 270 Millionen Tonnen nötig. Gesicherte Erkenntnisse gibt es also nicht.

Was wissen wir zur Sicherheit auf Autobahnen?

Auf deutschen Straßen starben 2017 genau 3180 Menschen. Der Bericht zur Unfallentwicklung des Statistischen Bundesamtes besagt, dass davon 409 auf Autobahnen zu Tode kamen, knapp 13 Prozent. 5974 Menschen wurden zudem schwer verletzt. Unter den Getöteten waren 215 Pkw-Insassen, 101 Insassen von Güterkraftfahrzeugen sowie 29 Fußgänger. 181 von ihnen starben durch einen Geschwindigkeitsunfall, also durch einen Unfall, bei dem die Geschwindigkeit nicht den Straßen- oder Wetterverhältnissen angepasst war. Daraus folgert das Statistikamt: Eine der Hauptursachen für tödliche Unfälle auf Autobahnen ist zu schnelles Fahren. Allerdings ist unklar, wie groß der Anteil der Getöteten und Verletzten an Unfällen ist, bei denen ein höheres Tempo als 130 gefahren wurde. Man muss aber davon ausgehen, dass Unfälle mit höherem Tempo eher tödlich enden als bei geringerer Geschwindigkeit. Aber: Da 31 Prozent der gefahrenen Kilometer auf der Autobahn zurückgelegt wurden, kann sie im Vergleich als eher sicher bezeichnet werden, auch wenn es keine Statistik gibt.
Laut ADAC schneiden Länder mit genereller Geschwindigkeitsbeschränkung wie Österreich, Belgien oder die USA in Sachen Sicherheit nicht besser ab als Deutschland. Auch beim innerdeutschen Vergleich seien auf Abschnitten ohne Tempolimit weder mehr Unfälle noch eine höhere Unfallschwere (Getötete je 1000 Unfälle mit Personenschaden) als auf Strecken mit Tempolimits von 120 oder 130 km/h festzustellen. Die eigentliche Schwachstelle in Sachen Verkehrssicherheit, so der ADAC, seien nach wie vor die Landstraßen, wo knapp 60 Prozent aller Verkehrstoten registriert würden – bei nur etwa 40 Prozent der Kfz-Fahrleistungen. Aber: Auch für Landstraßen bringt die Regierungskommission ein Tempolimit ins Gespräch – und zwar von 80 Kilometern pro Stunde.

Tempolimit, Staus und Verkehrsfluss

Derzeit sind rund 30 Prozent des deutschen Autobahnnetzes dauerhaft oder zeitweise geschwindigkeitsbeschränkt, hinzu kommen Baustellenbereiche. Die Fahrgeschwindigkeit auf knapp zehn Prozent des Autobahnnetzes kann mittels Streckenbeeinflussungsanlagen temporär beschränkt werden. Ob ein Tempolimit zu besserem Verkehrsfluss führen würde, darüber sind sich selbst Stauforscher uneins. Während Michael Schreckenberg von der Universität Duisburg-Essen dies "für nicht zielführend" hält, sagte des Dresdner Verkehrspsychologe Bernhard Schlag in den ARD-Tagesthemen: "Ein Großteil der Staus entsteht dadurch, dass sehr unterschiedlich schnell gefahren wird. Nach hinten fängt's an zu stottern, weil man nach hinten sich aufstauende Bremsmanöver hat." Dies nennen die Fachleute "Schmetterlingseffekt". Der Hauptgrund für Staus ist jedoch ein Sättigungsproblem, das heißt zu viele Autos auf zu wenig Raum. Also lässt sich keine wirkliche Aussage über die Auswirkung eines Tempolimits auf den Verkehrsfluss machen. 

Ausgebremst durch Zeitverlust?

Tempolimitgegner führen ins Feld, sie seien bei hohem Tempo schneller am Ziel. Bringt eine Geschwindigkeitsbegrenzung wirklich einen hohen Zeitverlust mit sich? 20 Professoren resümierten 2004 in einer Studie, dass die Zeitverluste bei einem "moderaten" Tempolimit auch bei freier Strecke niedriger seien als vielfach erwartet (fünf bis sieben Minuten je 100 Kilometer bei einem Rückgang um 20 km/h, ca. drei Minuten je 100 Kilometer bei einem Rückgang um zehn km/h). Sie beträfen zudem geringe Anteile des Gesamtverkehrs, die jedoch mit einem besonders hohen Unfallrisiko verbunden seien, heißt es.

Spaß oder Stress beim schnellen Fahren?

Kaum ein Thema wird in Deutschland so emotional diskutiert wie ein Tempolimit. Und schon während der Ölkrise 1974, als ein viermonatiger Tempo-100-Großversuch gestartet wurde, gab es den Aufschrei: "Freie Fahrt für Freie Bürger!" Für viele Autofahrer gehört es zur persönlichen Freiheit, so schnell fahren zu dürfen, wie sie möchten. Schnellfahrer betonen die Freiheitsgefühle, die bei hoher Geschwindigkeit auf einer freien Autobahn entstünden. Sie möchten sich vom Staat nicht gängeln lassen, ungeachtet möglicher Gefahren. Die renommierte Verkehrswissenschaftlerin Maria Limbourg spricht sich indes für ein Tempolimit aus, um den emotionalen Druck vom Fahren zu nehmen: "Für entspanntes Fahren", wie sie dem "Tagesspiegel" sagte. In den Augen der Raser seien alle langsameren Autofahrer "Hindernisse", die durch dichtes Auffahren oder per Lichthupe bedrängt würden. "Bei einem Tempolimit fällt das weg", argumentiert die emeritierte Professorin der Universität Essen. Tatsächlich ist das Fahren in Ländern mit Tempolimit stressfreier, allerdings fühlen sich einige Deutsche dort eingeschränkt.

Mitschuld bei Tempofahrten

Ungeachtet der Sicherheit von Autobahnen: Für Richter in Deutschland stellen Tempofahrten ein erhöhtes Risiko dar. Wer die Richtgeschwindigkeit von 130 überschreitet, der begibt sich in eine Grauzone und muss bei einem Unfall damit rechnen, eine Mitschuld zu bekommen. Es sei denn, er kann nachweisen, dass der Unfall auch bei Richtgeschwindigkeit geschehen wäre. Wenn das dem Schnellfahrer nicht gelingt, kann er auch bei unverschuldeten Unfällen eine Teilschuld bekommen. Mit allen Folgen: Mitschuld bei Personenschäden, Punkte in Flensburg, Inanspruchnahme der eigenen Versicherung.

Welche Rolle spielen Identität und Wirtschaft?

Für viele Deutsche ist die "freie Fahrt" identitätsstiftend. Sie gehört zu unserem Land, argumentieren sie. Für die allermeisten anderen Nationen gilt Deutschland als Land der freien Fahrt. Deutsche Autos gelten generell als hochgeschwindigkeitstauglich, als "autobahnfest". Der Ruf strahlt auch auf die Autoindustrie ab. Deutschland gilt weltweit als Autonation, die Autos von Audi, BMW, Mercedes und Porsche sind begehrte Statussymbole, auch wenn sie in den USA, China und Japan nie ausgefahren werden können. "Autobahn testet" ist aber ein internationales Markenversprechen. Wie groß wäre der Imageschaden für die deutsche Wirtschaft? Der lässt sich schwer beziffern, macht aber Industrievertretern Sorge.
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