Deutschland gilt als Land der Schnellfahrer. Auch für Hollywoodstar Tom Hanks, der einst nach einer Autobahntour sein Glück kaum fassen konnte: "Die Regierung steht hinter dir, und du kannst einfach Gas geben, Baby", frohlockte der Oscar-Preisträger 2015 bei Talkmaster David Letterman, als er von seinen Erfahrungen auf deutschen Autobahnen und das fehlende Tempolimit berichtete.
Das ist zwar ein paar Jahre her, doch geändert hat sich an der Situation bis heute nichts. Die freie Fahrt auf den Bundesautobahnen überstand alle politischen Debatten, sogar in der Energiekrise fand ein Tempolimit bislang zu wenig Befürworter. Und das, obwohl Deutschland das einzige EU-Land ohne Geschwindigkeitsbeschränkung auf Autobahnen und zu schnelles Fahren die häufigste Ursache von Autounfällen mit Todesfolge ist.
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Vor allem in der Klimadiskussion kocht das Thema immer wieder hoch, mehrere Vorstöße speziell der Grünen in Bundestag und Bundesrat wurden mit den Stimmen von Union und FDP abgeschmettert. Auch die "Nationale Plattform Zukunft der Mobilität" – eine Expertenkommission der Bundesregierung – erwog bereits als eine von vielen Maßnahmen ein Tempolimit von 130 km/h auf Autobahnen, vor allem um den CO2-Ausstoß im Verkehr zu senken.
Doch auch Sicherheitsaspekte werden immer wieder als Argument genannt. So bekräftigte die Gewerkschaft der Polizei (GdP) anlässlich des Tages der Straßenverkehrsopfer am 20. November ihre Forderung nach einem generellen Tempolimit auf Deutschlands Straßen. "Das Tempolimit verhindert Unfälle und rettet Menschenleben. Jedes Opfer ist eines zu viel", betonte der stellvertretende GdP-Vorsitzende und Verkehrsexperte Michael Mertens.
Eine am am 21. November 2022 vorgestellte Untersuchung der Unfallforschung der Versicherer (UDV) mit dem Titel "Unfallursache Geschwindigkeit" (zum pdf) zeichnet jedoch ein anderes Bild. Darin heißt es unter anderem "Auch wenn 130 km/h als die unter günstigsten Umständen zulässige Höchstgeschwindigkeit intensiv überwacht und damit überhaupt eingehalten würde, wird das Potenzial für die Verkehrssicherheit durch diese Maßnahme als eher gering eingestuft." Vielversprechender sei dagegen eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 80 km/h auf Landstraßen.
Verkehrsschild
Aller Diskussionen zum Trotz ist Tempo 130 in Deutschland nach wie vor nur Richtgeschwindigkeit.
Also, was bringt ein Tempolimit, etwa von 130 Kilometern pro Stunde, auf Autobahnen? AUTO BILD trägt die Fakten zusammen!

Umwelt: Wie viel CO2 wird eingespart?

Fakt ist: CO2 trägt als einer der größten Klimatreiber maßgeblich zur Erderwärmung bei – und ist damit mitverantwortlich für die zunehmende Anzahl von Naturkatastrophen, die vor allem ärmere Länder treffen.
2020 wurden in der EU knapp 682 Millionen Tonnen Treibhausgase produziert, gut 141 Millionen davon in Deutschland. Der Verkehrssektor ist nach der Energiewirtschaft und der Industrie mit rund 20 Prozent CO2-Austoß der drittgrößte Verursacher von Treibhausgasemissionen. Den weitaus größten Teil der Verkehrsemissionen verursacht der Straßenverkehr (96 Prozent, Stand 2019). Für etwa 61 Prozent davon sind Benzin- und Diesel-Pkw, für 36 Prozent Lkw verantwortlich.
Tempolimit 120
Ein Tempolimit von 120 km/h auf Bundesautobahnen würde laut Umweltbundesamt die Emissionen um jährlich 2 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente reduzieren.

Und wären sich in den meisten Bereichen die Bilanz bessert, hinkt der Verkehrssektor weiter hinter den Vorgaben her. Grund für die Zunahme sind höhere durchschnittliche Motorleistungen, mehr Fahrzeuge und mehr zurückgelegte Kilometer auf deutschen Straßen. Zur Möglichkeit der Einsparung durch ein Tempolimit für Pkw und leichte Nutzfahrzeuge gibt es erst seit April 2022 neue Zahlen vom Umweltbundesamt
Demnach verursachten Pkw und leichte Nutzfahrzeuge im Corona-Jahr 2020 auf Bundesautobahnen in Deutschland Treibhausgasemissionen in Höhe von rund 30,5 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten. Durch die Einführung eines generellen Tempolimits von 130 km/h würde die Treibhausgasemissionen jährlich um 1,5 Millionen Tonnen, bei 120 km/h um 2,0 Millionen Tonnen und bei 100 km/h sogar um 4,3 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente reduziert. Dies gelte sogar, wenn sich nicht alle an das vorgegebene Tempolimit hielten. Würden sich alle an Tempo 100 halten, fiele die Einsparung sogar rund 20 Prozent höher aus. Im Vergleich zu früheren Jahren, also mit "normalem" Verkehrsaufkommen, wäre das Einsparpotenzial entsprechend größer.

Was wissen wir über die Sicherheit auf Autobahnen?

Im Jahr 2021 verloren in Deutschland 2562 Menschen bei Straßenverkehrsunfällen ihr Leben, 318 davon auf der Autobahn. Auch wenn die Zahl der Autobahnunfälle mit Toten oder Verletzten leicht stieg, war es in dieser Hinsicht insgesamt die erfreulichste Bilanz seit über 60 Jahren.
Nichtsdestotrotz müssen die Anstrengungen für weniger Verkehrsopfer verstärkt werden. Mittlerweile ist die "Vision Zero" (keine Verkehrsunfälle mit Todesfolge oder schwerem Personenschaden) sogar in der Allgemeinen Verwaltungsvorschrift zur Straßenverkehrs Ordnung (VwV StVO) als Grundlage aller verkehrlichen Maßnahmen verankert.
Laut dem bereits erwähnten Untersuchungsbericht der Unfallforscher ist die zulässige Höchstgeschwindigkeit aber nur ein Faktor bei der Erreichung dieses Ziels. Mindestens genauso wichtig seien eine verbesserte Fahrzeugtechnik, bessere Fahrerassistenzsysteme und Verkehrsinfrastruktur und vor allem die Beeinflussungen des Verkehrsverhaltens aller Verkehrsteilnehmer. Für das Unfallgeschehen insgesamt sei eine nicht angepasste Geschwindigkeit ausschlaggebender. Einschränkend hinzugefügt werden muss hingegen, dass in der Unfallforschung der Nachweis der Überschreitung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit meist nicht ohne ein ausführliches Gutachten erfolgen kann.
Ein generelles Tempolimit auf Autobahnen von 130 km/h lässt aus Sicht der Unfallforscher insgesamt nur einen geringen Einfluss auf die Reduzierung schwerer Verkehrsunfälle erwarten. Ein deutlich größeres Potenzial könnte vielmehr in der wirkungsvollen Reduzierung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit auf Landstraßen auf 80 km/h liegen.
Tempolimit 80 km/ auf Landstraßen
In anderen europäischen Ländern, wie in Teilen Frankreichs, gilt auf Landstraßen eine Geschwindigkeitsbeschränkung von 80 km/h.

Auch der ADAC wies bereits früher darauf hin, dass die eigentliche Schwachstelle in Sachen Verkehrssicherheit die Landstraßen seien, wo knapp 60 Prozent aller Verkehrstoten registriert würden – bei nur etwa 40 Prozent der Kfz-Fahrleistungen. Bei der Betrachtung der Autobahnen schnitten Länder mit genereller Geschwindigkeitsbeschränkung wie Österreich, Belgien oder die USA in Sachen Sicherheit nicht besser ab als Deutschland, so der Verkehrsclub. Auch beim innerdeutschen Vergleich seien auf Abschnitten ohne Tempolimit weder mehr Unfälle noch eine höhere Unfallschwere (Getötete je 1000 Unfälle mit Personenschaden) als auf Strecken mit Tempolimits von 120 oder 130 km/h festzustellen.

Tempolimit, Staus und Verkehrsfluss

70,4 Prozent des Autobahnnetzes haben kein Tempolimit. Dauerhaft oder zeitweise geltende Beschränkungen mit Schildern gibt es auf 20,8 Prozent, wie Daten der Bundesanstalt für Straßenwesen für 2015 zeigen. Am häufigsten sind Tempo 120 (7,8 Prozent) und Tempo 100 (5,6 Prozent). Dazu kommen variable Verkehrslenkungsanzeigen.
Standstreifen auf BAB 2
Viele Tempolimits auf Autobahnen sind temporär und richten sich nach der jeweiligen Verkehrssituation.

Ob ein Tempolimit zu besserem Verkehrsfluss führen würde, darüber sind sich selbst Stauforscher uneins. Während Michael Schreckenberg von der Universität Duisburg-Essen dies "für nicht zielführend" hält, sagte des Dresdner Verkehrspsychologe Bernhard Schlag in den ARD-Tagesthemen: "Ein Großteil der Staus entsteht dadurch, dass sehr unterschiedlich schnell gefahren wird. Nach hinten fängt's an zu stottern, weil man nach hinten sich aufstauende Bremsmanöver hat." Dies nennen die Fachleute "Schmetterlingseffekt".
Der Hauptgrund für Staus ist jedoch ein Sättigungsproblem, das heißt zu viele Autos auf zu wenig Raum. Also lässt sich keine wirkliche Aussage über die Auswirkung eines Tempolimits auf den Verkehrsfluss machen.

Ausgebremst durch Zeitverlust?

Tempolimit-Gegner führen ins Feld, sie seien bei hohem Tempo schneller am Ziel. Bringt eine Geschwindigkeitsbegrenzung wirklich einen hohen Zeitverlust mit sich? 20 Professoren resümierten 2004 in einer Studie, dass die Zeitverluste bei einem "moderaten" Tempolimit auch bei freier Strecke niedriger seien als vielfach erwartet (fünf bis sieben Minuten je 100 Kilometer bei einem Rückgang um 20 km/h, ca. drei Minuten je 100 Kilometer bei einem Rückgang um zehn km/h). Sie beträfen zudem geringe Anteile des Gesamtverkehrs, die jedoch mit einem besonders hohen Unfallrisiko verbunden seien, heißt es.

Spaß oder Stress beim schnellen Fahren?

Kaum ein Thema wird in Deutschland so emotional diskutiert wie ein Tempolimit. Und schon während der Ölkrise 1974, als ein viermonatiger Tempo-100-Großversuch gestartet wurde, gab es den Aufschrei: "Freie Fahrt für freie Bürger!"
Für viele Autofahrer gehört es zur persönlichen Freiheit, so schnell fahren zu dürfen, wie sie möchten. Schnellfahrer betonen die Freiheitsgefühle, die bei hoher Geschwindigkeit auf einer freien Autobahn entstünden. Sie möchten sich vom Staat nicht gängeln lassen, ungeachtet möglicher Gefahren.

Die renommierte Verkehrswissenschaftlerin Maria Limbourg spricht sich indes für ein Tempolimit aus, um den emotionalen Druck vom Fahren zu nehmen: "Für entspanntes Fahren", wie sie dem "Tagesspiegel" sagte. In den Augen der Raser seien alle langsameren Autofahrer "Hindernisse", die durch dichtes Auffahren oder per Lichthupe bedrängt würden. "Bei einem Tempolimit fällt das weg", argumentiert die emeritierte Professorin der Universität Essen. Tatsächlich ist das Fahren in Ländern mit Tempolimit stressfreier, allerdings fühlen sich einige Deutsche dabei eingeschränkt.

Mitschuld bei Tempofahrten

Ungeachtet der Sicherheit von Autobahnen: Für Richter in Deutschland stellen Tempofahrten ein erhöhtes Risiko dar. Wer die Richtgeschwindigkeit von 130 überschreitet, der begibt sich in eine Grauzone und muss bei einem Unfall damit rechnen, eine Mitschuld zu bekommen. Es sei denn, er kann nachweisen, dass der Unfall auch bei Richtgeschwindigkeit geschehen wäre.
Wenn das dem Schnellfahrer nicht gelingt, kann er auch bei unverschuldeten Unfällen eine Teilschuld bekommen. Mit allen Folgen: Mitschuld bei Personenschäden, Punkte in Flensburg, Inanspruchnahme der eigenen Versicherung.

Welche Rolle spielen Identität und Wirtschaft?

Für viele Deutsche ist die "freie Fahrt" identitätsstiftend. Sie gehört zu unserem Land, argumentieren sie. Für die allermeisten anderen Nationen gilt Deutschland als Land der freien Fahrt. Deutsche Autos gelten generell als hochgeschwindigkeitstauglich, als "autobahnfest". Der Ruf strahlt auch auf die Autoindustrie ab.
Deutschland gilt weltweit als Autonation, die Autos von Audi, BMW, Mercedes und Porsche sind begehrte Statussymbole – auch wenn sie in den USA, China und Japan nie ausgefahren werden können. "Autobahn tested" ist aber ein internationales Markenversprechen. Wie groß wäre der Imageschaden für die deutsche Wirtschaft? Der lässt sich schwer beziffern, macht aber Industrievertretern Sorge.