Zwei Seelen wohnen – ach! – in meiner Brust. Die eine jubelt, sagt, 580 PS können süchtig machen. Die andere duckt sich ängstlich vor dem Zeitgeist und fragt, was soll denn das? Faustdick jedenfalls hat es der RS 6 hinter seinem Kühlergrill, und ich denke, dass unser Dichterfürst einst statt einer Postkutsche auch lieber den Zehnspänner genommen hätte – nicht wahr, Herr Goethe? Zehn Zylinder hat Audis neue Highspeed-Kutsche und ein unschlagbares Pro-Argument: Hier können sich die Ingenieure nach Herzenslust austoben, können die zwei Turbolader synchronisieren, die vier Nockenwellen zu jeder Drehzahl und Leistung passend verstellen, beim Beschleunigen das gewaltige Drehmoment etwas zügeln, damit der serienmäßigen Tiptronic nicht die Zähne ausfallen. Hightech auch bei der Schmierung: Weil das Fahrwerk eine Querbeschleunigung bis zu 1,2-facher Erdanziehung zulassen soll, hat der Motor eine Trockensumpfschmierung, die das Öl zuverlässig im Motor verteilt. Dieser Trumm von einem Kraftprotz wiegt dabei nur 278 Kilogramm, ist 67 Zentimeter kurz und passt wie angegossen unter die Haube.

Ein Raktenstart kann nicht viel aufregender sein

Audi RS 6 Avant
Keiner sieht ihm an, dass jedes seiner PS nur 3,5 Kilo Avant zu bewegen hat, dass er die rund zwei Tonnen Leergewicht in 14,9 Sekunden auf Tempo 200 bringt und bei abgeregelten 250 km/h nicht aufhören muss. Auf Wunsch und für einen Obolus von rund 2000 Euro darf der RS 6 auch 280 fahren ... Wie er auf Tempo kommt, ist schnell beschrieben: Startknopf gedrückt, fernes Gewitter unter der Haube gezündet, leicht das rechte Pedal gestreichelt, und unter der Haube ist die Hölle los. Ein Raketenstart kann viel aufregender nicht sein. Wobei der Fahrer erstaunlich passiv bleiben kann. Die Tiptronic verteilt die Leistung passend auf alle vier Räder. Sie schaltet schneller, als Finger die Schaltpaddel am Lenkrad drücken können, und sollte die Traktion mal nicht klappen – dann steht die Elektronik sofort zur Verfügung. Ach ja, Platz hat der RS 6 Avant natürlich auch. Bis zu 1660 Liter fasst der Laderaum. Ideal für eilige Arzneimittel-Transporteure, sie brauchen jetzt nur noch 106.900 Euro auf den Tisch zu blättern.

Fazit von AUTO BILD-Redakteur Diether Rodatz

580 PS? Damit ziehen Trucker 40-Tonner über die Alpen. Irgendwo sollten die Grenzen der Leistungssteigerung mal sein. Aber bitte nicht vergessen: Von solcher Hightech-Erfahrung profitieren alle Klassen, auch die kleinsten Kleinwagen.