Test: McLaren GTS
Leicht & sinnig: McLaren abseits der Rennstrecke

Bild: Tobias Kempe / AUTO BILD
Leicht ist immer verhältnismäßig; sinnig ebenfalls. So ein Hyundai i20 N kann objektiv betrachtet beides besser: Er ist leichter als die 1563 Kilogramm, die unsere Messwaage für den McLaren GTS ausspuckt, und ergibt zudem im ganzheitlichen Autofahrer-Kontext um Welten mehr Sinn als so ein papayafarbenes Ungetüm. Aber im Supersportler-Kontext betrachtet sieht das ganz anders aus. Wo bekommt man schon 635 PS verpackt in so viel Leichtbau und – wir trauen es uns gar nicht zu sagen – Alltagsnutzen. Was wir damit meinen: 570 Liter Stauraum machen den GTS selbst auf dem Obi-Parkplatz nicht zur Lachnummer. Gauben Sie uns – wir haben es ausprobiert. Und zudem fügt er sich farblich nahezu perfekt in die spießige Heimwerkerfassade ein.
Na gut, das können wir so dann doch nicht stehen lassen, schließlich ist dieser Orangeton jene historische McLaren-Farbe, die nun seit ein paar Jahren auch wieder die Formel-1-Rennwagen des Teams ziert. Doch was hat Neuseeland eigentlich mit Orange zu tun? Hier kommt Firmengründer Bruce McLaren nämlich ursprünglich her, bevor er sich wegen seiner Rennkarriere in England niederließ. Die einfache Antwort: gar nichts. McLaren war schlicht ein Fuchs, denn er erkannte, dass in den damaligen Schwarz-Weiß-Übertragungen im TV Dinge, die im echten Leben orange waren, ein bisschen auffälliger hervorstachen als die restlichen Grautöne.
Jubiläums-Sportler
Die 60-Jahre-Feier selbst wurde zwar bereits im vergangenen Jahr groß in Goodwood begossen, die Jubiläums-Designs bleiben aber nach wie vor im Programm und schmücken auch unseren GTS-Testwagen mit stilvollen Details etwa an den Außenspiegelgehäusen oder der Kohlefaser- Schaltwippe. Der GTS selbst ist trotz des neuen Namens eine Weiterentwicklung des GT mit nun 15 PS mehr aus dem bekannten Vierliter-V8-Biturbo. Hätten sie ihn wieder GT genannt, sprächen wir von einem klassischen Facelift.

Das Lenkrad im McLaren ist perfekt – Carbon, Leder, ohne Knöpfe und Klimbim. Dazu eine durchgehende Schaltwippe. Sportfahrerherz, was willst du mehr?
Bild: Tobias Kempe / AUTO BILD
Kohlefaser-Monocoque, Fahrwerksgeometrie, Dach- und Heckstruktur aus Carbon – das Grundgerüst ist identisch. Neben der Mehrleistung will man durch diverse Leichtbaumaßnahmen zehn Kilogramm ausgeladen haben. 1520 Kilo gibt McLaren an, 43 mehr spuckt unsere Waage aus. Das Gros der Last liegt mit 50 Prozent auf der Hinterachse – recht typisch für ein Mittelmotor-Layout. Das ergibt 2,5 kg pro PS.
Optisch haben die Designer den vorderen Schürzenbereich überarbeitet. Hier wurden die Lufteinlässe neu geformt und mit breiteren Einlässen versehen. So gelangt mehr Luft in das Kühlsystem. An den Schultern des Fahrzeugs wurden neue, erhöhte Lufteinlässe integriert, um den 4,0-Liter-Biturbo-V8 besser anzuströmen. Die Sportauspuffanlage am Heck gibt sich soundseitig je nach Fahrmodus entweder dezent oder als wild nachploppender Haudrauf – ganz nach Situation. Das Kohlefaser-Paket, bestehend aus Unterboden, Frontsplitter, Seitenschweller, dem unteren Teil des Heckstoßfängers und dem Diffusor, ist natürlich ebenfalls verbaut.

Eine neue Hutze auf den hinteren Radläufen für verbesserte Kühlung.
Bild: Tobias Kempe / AUTO BILD
Der Siebengang-Doppelkuppler schaltet in den dynamischen Fahrmodi "Sport" und "Track" nun noch schneller und aggressiver, für ein manuelles Schalterlebnis sorgt wie gewohnt eine echte Wippe. Das heißt: Wer rechts zupft, bewegt den linken Teil der Wippe mit. Im Zweifel kann also auch einhändig hoch-und runtergeschaltet werden. Zudem dreht sich die Wippe mit dem wirklich perfekten, weil komplett reduzierten Volant mit. So lässt sich auch unter Lenkwinkel noch der Gang wechseln.
Perfekt abgestimmt
Feinjustiert hat McLaren zudem im Bereich der überragenden elektrohydraulischen Lenkung, beim serienmäßigen Adaptivfahrwerk mit proaktiver Dämpferregelung sowie bei der ebenfalls aufpreisfreien Keramik-Bremsanlage. Letztere ankert mit 390-mm-Scheiben und Sechskolbensätteln an der Vorderachse, hinten kommt eine Kombination aus 380 Millimetern und vier Kolben zum Einsatz. In eigenen Messungen wollen die Briten glatte 32 Meter aus Tempo 100 herausgebremst haben, wir bekamen den GTS warm sogar nach 30,6 Metern zum Stillstand. Auch aus doppeltem Ausgangstempo bleibt die Anlage stabil: Die Bremsverzögerung schwankt durch die Bank nur um 0,2 m/s2, 122,9 Meter aus Tempo 200 sind aller Ehren wert.

Eine sinnliche Ausfahrt gerät im GTS zur liebsten Freizeitbeschäftigung.
Bild: Tobias Kempe / AUTO BILD
Fahrwerksseitig sitzt ein Zweiventil-Dämpfersystem aus dem Hause Monroe zwischen den Doppelquerlenkern. Dieses ändert die Fahrwerkscharakteristik ebenfalls in den Ausprägungen "Comfort", "Sport" und "Track". Der Comfort-Modus ist naturgemäß ideal für entspanntes Fahren und ermöglicht das gemächliche Cruisen erst. Am anderen Ende des Spektrums lauert der Track-Mode: Dank seiner wesentlich robusteren Dämpferkontrolle nutzt man schnell jede noch so kleine Gelegenheit, dynamisch ums Eck zu wedeln, skrupellos aus.
Auf unserem Mess-Flugplatz in Rothenburg angekommen, checken wir zunächst die Längsdynamik-Werte. 3,2 Sekunden gibt McLaren bis Tempo 100 an, deren 8,9 auf 200. Auf Landstraßentempo feilt unser Test-GTS zwei Zehntel ab, bis 200 km/h verliert er 0,1 Sekunden, unterbietet den Werks- Wert aber immer noch. Eine durch die Bank sehr gute Leistung. Umso mehr fragen wir uns, warum McLaren bei den GT bisher immer Messungen verweigert hat. Das Auto performt hervorragend.

Das elektrochrome Panoramadach kostet 9000 Euro und lässt sich in fünf Lichtdurchlässigkeitsstufen schalten.
Bild: Tobias Kempe / AUTO BILD
Dabei kann der GTS nicht nur das, denn gerade die Spreizung des Fahrwerks macht ihn so vielseitig. Er soll eben kein kompromissloser Supersportler, sondern auch in der Stadt problemlos zu fahren sein. Die große verglaste Heckklappe und die filigranen C-Säulen gewähren eine in dieser Klasse beispiellose Rundumsicht. Der Bug lässt sich für 2700 Euro extra an steilen Rampen anheben, der Vorderachslift arbeitet nun noch schneller und hebt die Nase des GTS in nur vier Sekunden um 20 Millimeter an. Beim Vorgänger dauerte das noch mehr als doppelt so lang.
Im Interieur soll der Materialmix Leistung und Luxus miteinander verbinden. Die Schalter und Bedienelemente im Innenraum, etwa die Lenkradwippe oder die Einfassungen für den Infotainment-Bildschirm, sind in unserem Fall aus motorsportlicher Kohlefaser gefertigt (2900 Euro). Ein digitales 10,25-Zoll-Instrumentendisplay stellt die Fahrdaten dar, in der Mittelkonsole sitzt ein weiterer, sieben Zoll großer Infotainment-Bildschirm, der nun endlich auch halbwegs auf dem Stand der Zeit ist. Optional ist ein Panoramadach mit elektrochromer Verglasung erhältlich (9000 Euro Aufpreis), das sich per Knopfdruck in fünf Lichtdurchlässigkeitsstufen schalten lässt. Bei aller Leichtigkeit hat McLaren die Sinnigkeit nicht vernachlässigt.
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