Keine gefletschten Tagfahrlichter, kein protzig eingeimpftes Überholprestige. Dynamisch und elegant räkelt sich der $(LB55259:Ferrari 599 GTB Fiorano)$ auf dem Asphalt. Der V12, in leicht abgewandelter Form auch im Enzo eingesetzt, kauert unter einer scheinbar bis zum Horizont fließenden Motorhaube. Die weiche Linienführung aus der Feder von Hausdesigner Pininfarina zitiert die großartigen Gran Turismi der Sechziger, schwärmt stumm von den zahllosen Rennsiegen der Scuderia, statt die Formel-1-Gene optisch herauszuplärren. Einzig der ins rassige Heck gestanzte Diffusor verrät den Supersportler. An eine Verschönerung des Blechanzugs ist eigentlich nicht zu denken. Und davon redet bei Novitec auch niemand. Verändern beziehungsweise veredeln möchte man. Der Kundschaft die Möglichkeit bieten, sich von der Stangenware abzusetzen. Stets dezent, ein bisschen auffälliger vielleicht, aber nach Möglichkeit nie übertrieben.

Die Arbeiten am Blechkleid fallen behutsam aus

Optisch ein Ferrari: Der Tuner verändert das Blechkleid des 599 GTB Fiorano nur behutsam.
Auftrag größtenteils erfüllt, kann man da nur sagen, nachdem das schwere Rolltor endlich den Blick auf den in bester Markengesellschaft weilenden 599er preisgibt. Der Schürzenform angepasst, umschmiegt eine zierliche Spoilerlippe die Front. Leicht modifizierte Seitenteile fügen sich unauffällig in die sanft fließenden Flanken mit den etwas stämmigeren Hüften, dank vergrößerter Kühlkanäle strömt mehr Frischluft zu den Bremsscheiben der Hinterachse. Ob es des zweistrebigen Heckflügels und der zusätzlichen Querverstrebung vor dem Diffusor wirklich bedurft hätte, muss jeder für sich entscheiden. Gleiches gilt für die dunklen LED-Rückleuchten, die inmitten des sinnlichen Rosso-Corsa-Meeres wie schwarze Störfeuer wirken. Da machen uns die fünfarmigen Aluräder schon deutlich mehr an. Dreiteilig, doppelspeichig sitzen sie vor der sechskolbigen Hochleistungsbremsanlage aus dem Hause Brembo. Die 405-Millimeter-Scheiben an Vorder- und Hinterachse quellen förmlich zwischen den zarten Felgenärmchen hervor. Angeberei? Keineswegs!

Zwölf Zylinder produzieren bassiges Geboller

Kraftpaket: Novitec bläst den Zwölfzylinder auf 645 PS auf.
Gestiegen ist schließlich dank modifizierter Motorelektronik und Edelstahlauspuffanlage nicht nur die Leistung von 620 auf 645 PS,
sondern auch die damit verbundene Anforderung an die Verzögerung. Bereits beim schieren Beäugen der gedopten Berlinetta erreichen die körpereigenen Schmierstoffe Betriebstemperatur, und das innere cavallino rampante, das springende Wappenpferd, welches jeder Ferraristo im Herzen trägt, beginnt in Erwartung des Zündschlüsseldrehs energisch mit den Hufen zu scharren. Leider muss der erste Ausritt auf der KW-gefederten Paradestute kurz ausfallen. Keinerlei Blessuren darf der Luxuskörper erleiden, schließlich soll er sich beim ersten öffentlichen Auftritt auf der IAA makellos im Blitzlichtgewitter aalen können. Ein Stück Landstraße nach nirgendwo muss also genügen, um Impressionen zu sammeln. Doch die hätten auch anderswo beeindruckender kaum sein können: Schlüssel drehen, Startknopf drücken, und die zwölf Zylinder reißt es aus dem Tiefschlaf. Vier Endrohre, Kaliber 90 Millimeter, entlassen fortan bassiges Standgas-Geboller. Laut, aber gerade so, dass es einem etwaigen Trattoria-Publikum nicht die Crema vom Espresso bürstet.
Hier und heute sind allerdings ein paar Kühe die einzigen Zaungäste dieses Spektakels. Und die lassen sich weder vom rauchigen V12-Röhren während so mancher Spurtorgie noch von den Zwischengas-Detonationen der sequenziellen F1-Schaltung vom Wiederkäuen abbringen. Drinnen, im bis auf Pedalaufsätze serienmäßigen, carbondurchzogenen Interieur, läuft der Pilot derweil Gefahr, die Realität gänzlich zu verlassen: Gasannahme und Lenkung Marke Gedankenübertragung, Gangwechsel in Lichtgeschwindigkeit und eine Bremsanlage, die auf Befehl Augäpfel aus ihren Höhlen treten lässt, beamen einen geradewegs in eine Schumi-Monza-Subwelt. Dabei ist das nur der Anfang. Bis zu 800 Kompressor-PS will Novitec aus dem 599er herauskitzeln. – Na dann, ciao bella und bis möglichst bald.

Von

Stefan Helmreich