Verkehrsrecht

Die StVO im Klartext

So einfach kann ein Gesetz sein: Sprachkritiker Wolf Schneider hat die Verkehrsregeln ├╝bersetzt ÔÇô in Umgangssprache. Und siehe da: Jetzt versteht es wirklich jeder.

Aus 54 Worten mach sechs

Wir machen jetzt mal den Test: Standen Sie heute auch so lange an der roten Ampel? Ja? Na sehen Sie, schon falsch. Ampeln gibt es gar nicht. Zumindest laut Stra├čenverkehrsordnung (StVO). Denn da hei├čen die Dinger Wechsellichtzeichen. Und beim Abbiegen blinken wir auch nicht, nein, wir bet├Ątigen den Fahrtrichtungsanzeiger. Steht so im Gesetz. Das klingt ziemlich irre, und das ist es auch.

Die Stra├čenverkehrsordnung, sozusagen das Grundgesetz der Stra├če, ist ein furchtbar dicker W├Ąlzer mit verschachtelten Satz-Unget├╝men und abenteuerlichen Wort-Konstruktionen. Das Regelwerk, nachdem wir uns alle richten sollen, das verstehen nur Juristen. Wenn ├╝berhaupt. Im Auftrag des Auto Club Europa (ACE) hat der Journalist und Sprachkritiker Wolf Schneider, 77, das Vorschriften-Dickicht jetzt radikal gelichtet, gek├╝rzt und in normales Alltagsdeutsch ├╝bersetzt. Das Ergebnis: Die StVO im Klartext.

Mal als Beispiel: Mit 54 Worten regelt Paragraph 36, Absatz 5, die "Zeichen und Weisungen der Polizeibeamten" (s. oben). Wolf Schneider braucht daf├╝r nur sechs: "Polizisten d├╝rfen Verkehrsteilnehmer zur Kontrolle anhalten." Ob die Beamten das mit einer Kelle, einer roten Leuchte oder sonstwas machen (wie im Original beschrieben) ist wohl ziemlich wurscht. Oder Paragraph 32 ├╝ber "Verkehrshindernisse": In der StVO stolze 67 Worte lang und mit dem umst├Ąndlichen Hinweis versehen, dass Verkehrshindernisse "wenn n├Âtig mit einer Lichtquelle zu beleuchten oder durch andere zugelassene lichttechnische Einrichtungen kenntlich zu machen" sind. Mal im Ernst, liebe Juristen: Dass zum Beleuchten ein Scheinwerfer nicht schaden kann, wei├č wohl jeder selbst. Schneider braucht f├╝r die gleiche Vorschrift ├╝brigens nicht mal die H├Ąlfte des Textes. Geht doch...

Leitfaden f├╝r gutwillige Verkehrsteilnehmer

"Der bisherige Text war ein Hammer, mit dem ahnungslose oder b├Âswillige Verkehrsteilnehmer juristisch erschlagen werden konnten", sagt der Sprachkritiker, "wir haben versucht, daraus einen Leitfaden f├╝r gutwillige Verkehrsteilnehmer zu machen." Dazu geh├Ârt auch eine neue Gliederung der StVO. Schneiders Beispiel: "Was ein Radfahrer au├čer der Kinderbef├Ârderung noch zu beachten hat, das ist auf vier weit voneinander entfernte Paragrafen verteilt. Da hat der Begriff ├╝ber den Menschen gesiegt. Wir machen es umgekehrt."

Vielleicht wird Schneiders Fassung eines Tages wirklich zum Gesetz. Immerhin hat Bundesverkehrsminister Kurt Bodewig (SPD) selbst erkannt, dass die Stra├čenverkehrsordnung vereinfacht werden muss. Rund 200 Verb├Ąnde hat er um Verbesserungsvorschl├Ąge gebeten. 82 davon haben geantwortet, angeblich ver├Ąnderten die meisten aber entweder gleich den ganzen Inhalt der StVO ÔÇô oder nur ein paar Satzzeichen.

Ende November soll im Verkehrsministerium eine erste Auswertung aller Vorschl├Ąge vorliegen. Dann geht das ganze an die Bundesl├Ąnder und in die B├╝rgerbefragung, am Ende m├╝ssen auch noch die Juristen im Ministerium zustimmen. Ob die aber besonders viel Begeisterung f├╝r Schneiders Fassung zeigen, ist zumindest fraglich. ACE-Sprecher Rainer Hillg├Ąrtner jedenfalls ahnt schon: "Sprache, K├╝rze und Pr├Ągnanz, das haben die Juristen nicht so drauf."

StVO: alt gegen neu

Verkehrsregeln k├Ânnen so einfach sein. Hier ein paar ausgesuchte Beispiele der "neuen" Stra├čenverkehrsordnung. Selbst wenn sie vielleicht nicht ge├Ąndert werden sollte ÔÇô stilistisch hat sie schlie├člich schon die vergangenen 30 Jahre ├╝berdauert: Das will uns die gute alte StVO wirklich sagen. Die komplette Neufassung hat autobild.de f├╝r Sie als PDF-Dokument angelegt. Einfach hier klicken und runterladen. Viel Spa├č mit der Langfassung! Und den Beispielen. Urteilen Sie selbst: besser, klarer, verst├Ąndlicher? Oder hat der Kollege Schneider es sich zu einfach gemacht?

ALT: "┬ž 1 Grundregeln" Die Teilnahme am Stra├čenverkehr erfordert st├Ąndige Vorsicht und gegenseitige R├╝cksicht. Jeder Verkehrsteilnehmer hat sich so zu verhalten, dass kein anderer gesch├Ądigt, gef├Ąhrdet oder mehr, als nach den Umst├Ąnden unvermeidbar, behindert oder bel├Ąstigt wird. NEU: "┬ž 1 Grundregeln f├╝r alle Verkehrsteilnehmer" Wir alle benutzen die Stra├če. Also m├╝ssen wir auf einander R├╝cksicht nehmen und uns mit Vorsicht und Umsicht bewegen. Falls die Umst├Ąnde es erfordern, m├╝ssen wir auch auf Rechte verzichten, die diese Verordnung uns einr├Ąumt.

ALT: "┬ž 32 Verkehrshindernisse" Es ist verboten, die Stra├če zu beschmutzen oder zu benetzen oder Gegenst├Ąnde auf Stra├čen zu bringen oder dort liegen zu lassen, wenn dadurch der Verkehr gef├Ąhrdet oder erschwert werden kann. Der f├╝r solche verkehrswidrigen Zust├Ąnde Verantwortliche hat sie unverz├╝glich zu beseitigen und sie bis dahin ausreichend kenntlich zu machen. Verkehrshindernisse sind, wenn n├Âtig mit einer Lichtquelle zu beleuchten oder durch andere zugelassen lichttechnische Einrichtungen kenntlich zu machen. NEU: ┬ž 2 Die Stra├če darf nicht beschmutzt werden. Gegenst├Ąnde, die den Verkehr erschweren oder gef├Ąhrden, haben auf der Stra├če nichts zu suchen. Bis zu ihrer Beseitigung m├╝ssen sie beleuchtet oder anderweitig kenntlich gemacht werden.

ALT: "┬ž 26 Fu├čg├Ąnger├╝berwege" An Fu├čg├Ąnger├╝berwegen haben Fahrzeuge mit Ausnahme von Schienenfahrzeugen den Fu├čg├Ąngern sowie Fahrern von Krankenfahrst├╝hlen oder Rollst├╝hlen, welche den ├ťberweg erkennbar benutzen wollen, das ├ťberqueren der Fahrbahn zu erm├Âglichen. Dann d├╝rfen sie nur mit m├Ą├čiger Geschwindigkeit heranfahren; wenn n├Âtig, m├╝ssen sie warten. Stockt der Verkehr, so d├╝rfen Fahrzeuge nicht auf den ├ťberweg fahren, wenn sie auf ihm warten m├╝ssten. An ├ťberwegen darf nicht ├╝berholt werden. NEU: "┬ž 18 Zebrastreifen" Auf Zebrastreifen sind Fu├čg├Ąnger bevorrechtigt gegen├╝ber allen Fahrzeugen au├čer Stra├čenbahnen. Auch wenn sich kein Fu├čg├Ąnger n├Ąhert, darf an Zebrastreifen nicht ├╝berholt, bei einem Stau nicht auf ihnen gewartet werden.

ALT: "┬ž 36,5 Zeichen und Weisungen der Polizeibeamten" Polizeibeamte d├╝rfen Verkehrsteilnehmer zur Verkehrskontrolle einschlie├člich der Kontrolle der Verkehrst├╝chtigkeit und zu Verkehrserhebungen anhalten. Das Zeichen zum Anhalten kann der Beamte auch durch geeignete technische Einrichtung am Einsatzfahrzeug, eine Winkerkelle oder eine rote Leuchte geben. Mit diesen Zeichen kann auch ein vorausfahrender Verkehrsteilnehmer angehalten werden. Die Verkehrsteilnehmer haben die Anweisungen der Polizeibeamten zu befolgen. NEU: ┬ž 99 Polizisten d├╝rfen Verkehrsteilnehmer zur Kontrolle anhalten.
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