Wie drückt man es am freundlichsten aus? Vielleicht so: Nicht alle, die in großen Autokonzernen das Sagen haben, verfügen über die gleiche Vorstellungskraft, was die Autos von morgen angeht. Deshalb sind Showcars so wichtig – und deshalb sind Konzept-Autos wie der GEN.Travel mehr als nur ein Designer-Spleen, um möglichst viel Geld auszugeben.
 
"Man muss manchmal einfach mal so eine Idee zu Ende denken und in Lebensgröße hinstellen. Am besten so perfekt, dass man alles anfassen, erfühlen und auch erfahren kann", sagt Klaus Zyciora (60), der für alle zehn Marken verantwortliche Designchef des VW-Konzerns. Bei seinem ID.Buzz, den er 2017 zum ersten Mal präsentierte, hat's geholfen. Ohne das Showcar (und die begeisterten Reaktionen darauf) wäre der nie gebaut worden. 
AUTO BILD trifft sich im VW-Designcenter in Potsdam mit Zyciora und seinem Team, vor allem mit Peter Wouda, dem Chef des Future Centers und Projektleiter des Autos, vor dem wir stehen: dem Gen.Travel.

Ist das überhaupt noch ein Auto? Oder ein polierter Stein mit Rädern?

Es hat immerhin noch vier Räder. Puhhhh. Flügeltüren. Okay. Aber kein Lenkrad, keine Pedale, kein Display. Aha. Und die Frontscheibe sieht aus wie ein Curved-Fernseher. Zyciora: "Es ist ein Auto, das keiner Marke des Konzerns zuzuordnen ist, keiner Designsprache folgt, die man schon kennt. Mit Absicht." "Volkswagen Group" steht im Heck. 
Der Wagen ist ein elektrisches IEV (Innovation Experience Vehicle), übersetzt ein Innovationsträger der Premiumklasse, der das Reisen der Zukunft neu definieren soll. Level-5-fähig, das Ding soll komplett autonom fahren und ebenso selbstständig unterwegs neuen Strom aufladen. Pate für die Form der Frontscheibe stand der vor 101 Jahren auf der Berliner Autoausstellung gezeigte Rumpler Tropfenwagen.
Volkswagen GEN.Travel
Sitzbezüge aus nachhaltigem 3D-Strick, alle Scheiben sind verdunkelbar, der Platz gewaltig.

 
Peter Wouda: "Das Konzept blickt aber nicht zurück, sondern 15 Jahre nach vorn. Wenn die technischen Möglichkeiten dann perfektioniert sind, haben wir unendliche Möglichkeiten. Die werden wir nutzen. Dieses Auto soll sich dem Kunden anpassen, nicht umgekehrt."
 
Deshalb folgt der Innenraum dem, was der Kunde möchte: Will er über Nacht von Hamburg nach München gebracht werden? Zu zweit? Dann fährt der Gen.Travel mit zwei Schlafsesseln vor, die zum gemütlichen Bett werden können à la Lufthansa-First-Class, mit Früchten und Champagner, mit viel Privatsphäre. Will der Kunde eine Fahrt als Geschäftstermin nutzen? Dann sind vier Sessel an Bord, auch eine Espressomaschine und ein Aktenschredder, wenn gewünscht. Will der Kunde mit  Familie ans Mittelmeer? Dann gibt's eine neue Sitzstruktur, Augmented-Reality-Brillen (fürs Entertainment), gekühlte Getränke oder gleich Eiscreme.
Volkswagen GEN.Travel
Autonom ans Ziel, das bedeutet: keine hektischen Bremsmanöver, kein Kurvenrennen. Der Automat muss besser als jeder Chauffeur fahren.

 
Designer Wouda: "So ein Auto wird geordert, nicht besessen. Man bekommt es auf Wunsch ausgestattet vor die Tür gestellt für genau die Aufgabe, die man erwartet." Vielleicht am ehesten vergleichbar mit 2NetJets2, der Mit"fahr"zentrale  für Learjets, bei der Kunden eine Jahresgebühr zahlen, dafür ein ziemlich cooles Nutzungsrecht für Privatjets bekommen.

Welche Innovationen gibt es?

Mit Augmented-Reality-Brillen werden Fahrzeugfunktionen und Strecke sichtbar, alles andere erledigt "Luna", die persönliche Onboard-Assistentin, per Sprache. Sie "wandert" auch von links nach rechts übers Armaturenbrett und visualisiert so den Weg zum Ziel. Wenn man nachts kurz aufwacht, und sie steht schon auf der rechten Seite, weiß man, es ist nicht mehr weit. 
Jeder Insasse bekommt einen smarten Controller, mit dem er seinen Sitz, seine Temperatur und seine Lautstärke einstellen kann. Die Autos können übrigens als Flotte unterwegs sein, eng aneinandergereiht wie Perlen an einer Perlenkette.
 
Klaus Zyciora: "Sie müssen sich von dem, wie wir heute verreisen, frei machen. Sie sparen sich den Weg zum Flughafen, die Kontrollen, das Warten, die Schlangen. Null Emissionen, null Stress, das bieten wir hier. Viele Fragen haben wir uns gestellt: Wie muss das Fahrzeug fahren, wie bremsen, wie weich das Fahrwerk sein, wenn der Mensch Verantwortung abgeben und schlafen soll? Und geht das überhaupt, unterhalb der Fensterlinie. Bekommt man da ein Auge zu?" Peter Wouda ergänzt: "Wie viel Außengeräusche lassen wir noch zu? Wie viel Licht? Wie muss man angeschnallt sein, wenn man liegt, und wo sind die Airbags?"
Volkswagen GEN.Travel
Das Cockpit erwacht nur mit  einer Augmented-Reality-Brille zum Leben.

 
Für all das zeigt der Gen.Travel Lösungsvorschläge. Die Airbags landen in der Bettdecke … Und die recycelten Sitzstoffe sind mit einem aufwendigen 3D-Strickverfahren hergestellt, das Kupfer wiederverwertet, das Holz des Armaturenbretts aus Karuun, dem Rattanholz, das mit leitfähigen Flüssigkeiten "unterspritzt" werden kann und so zum Display wird. Auf dem Concours d'Élégance in Chantilly (Frankreich) feierte das Auto gerade Premiere. Vorab durften schon die Vorstände fahren, auch die, die keine mehr sind. 
Denn auch das ist besonders am Showcar. Der Gen.Travel ist vollständig fahrfähig. Noch übernimmt der Computer die vorab festgelegte Strecke, weil er sie bis auf den Zentimeter kennt. In etwas weiterer Zukunft? Sagen vielleicht Sie, wo es langgeht …