Die Autowelt der DDR war viel bunter, als mancher Wessi bis heute glaubt. Und das bezieht sich nicht nur auf die Tatsache, dass es Wartburg und Trabant in mehr Farben als grau und beige gab. Die Auswahl an Autos war auch deutlich größer als bekannt.
Klar, wer vor der Wende ein Westauto haben wollte, brauchte Geld und Beziehungen. Doch sogar das war möglich. Fiat 500 fuhren im Arbeiter- und Bauernstaat genauso wie Opel Rekord C, Mercedes Strichacht und z.B. Volvo.
Volvo 240 GL
Der Volvo 244 DLS kam 1977 in die DDR. Insgesamt 1000 Fahrzeuge wurden importiert und zumeist an Promis abgegeben.
Bild: Christian Bittmann

SED-Spitzenfunktionäre fuhren Volvo, wie auch Sänger und Entertainer

Die berühmtesten Volvo-Fahrer der DDR dürften die Angehörigen der Staats- und Parteispitze gewesen sein. Das Politbüro ließ sich ab der zweiten Hälfte der 70er Jahre u.a. in Volvo 264 TE chauffieren, zuerst bei Bertone in Italien und später bei Nilsson in Schweden verlängert.
Prominente wie Entertainer und Sänger sowie Wissenschaftler konnte man ab 1977 ebenfalls im Volvo antreffen. Die DDR hatte praktisch für sie 1000 spezielle Volvo 244 DLS importiert, basierend auf dem damaligen Volvo 244 DL, aber u.a. mit der Haube des 264.
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Gruppe Nummer drei dieser Auto-Privilegierten waren Geschäftsleute aus dem Ausland. Sie konnten sich vor allem in den 80er-Jahren bei den Interhotels in Ostberlin Shuttle-Limousinen mieten, unter denen sich einige Volvo-Modelle befanden.
Volvo 240 GL
Historischer Ort: Hier parkt der Volvo vor dem Haupteingang des ehemaligen Stasi-Hauptquartiers in Berlin-Lichtenberg.
Bild: Thomas Starck

Diesen Volvo gab es in der DDR nicht

Den Volvo 240 GL von Autohändler und DDR-Oldtimer-Sammler Gerrit Crummenerl aus Leipzig (Bild) dagegen gab es in der DDR nicht. Es handelt sich um ein Auto aus dem Jahr 1985, das privat zugelassen war, also mit Sicherheit nicht zum SED-Fuhrpark gehörte.
Auf welchem Weg genau das Auto in die DDR kam, ist nicht bekannt. Es wird über einen Händler in Westberlin spekuliert, der die Limousine verkauft und gewartet haben soll. Doch dazu gibt es zum aktuellen Zeitpunkt nur Hörensagen.
Volvo 240 GL
Typisch Volvo: Der Wagen ist außen wie innen super-funktional. Außerdem macht alles einen hochwertigen, langlebigen Eindruck.
Bild: Thomas Starck

Zahlreiche DDR-spezifische Indizien am schwedischen Auto

Was sich belegen lässt, ist, dass der Volvo zum Beispiel Nebelscheinwerfer von einem Wartburg 353 hat. Das passt dazu, dass der DDR-Autofahrer kreativ war und z.B. Zubehör, das es nicht gab, einfach durch anderes ersetzt hat. Aber erst horrendes Geld für einen Westwagen ausgeben und dann an den Scheinwerfern sparen? Die Intershops hatten passende Produkte aus dem Westen vorrätig.
Noch interessanter: Die Kopfstützen sind mit einem olivgrünen Cord-artigen Stoff bezogen. Dieser Bezug muss nachträglich hinzugefügt worden sein, er passt nämlich nicht zum restlichen Stoff im Innenraum. Aber er passt zum in der DDR angefertigten Innenraum eines Volvo 245 Transfer aus dem Fahrzeugtross der Parteispitze.
Kombiniert mit der zweiten Antenne auf dem Kofferraumdeckel, die nach Funk aussieht, kann man davon ausgehen, dass dieses Auto bestimmt nicht irgendwem gehörte. Und genau so ist es. Der erste Besitzer des grünen Schweden war Alexander Schalck-Golodkowski, der wichtigste Devisenbeschaffer der DDR.
Das Auto ist ein Zeitdokument auf vier Rädern. Nicht nur, weil es sich um einen schönen, gut restaurierten Volvo 240 handelt. Der erste Besitzer und die DDR-Geschichte machen den Wagen zu etwas ganz Besonderem.