Volvo ES90 Single Motor Extended Range: Test
Der Volvo ES90 kann sein Versprechen nicht ganz halten

–
Satte Reichweite bei luxuriösem Anspruch – die große E-Limousine Volvo ES90 hat das Zeug zum Langstreckenexperten. Was sie sonst noch draufhat, deckt der AUTO BILD-Test auf.
Bild: Olaf Itrich / AUTO BILD
Keine leichte Aufgabe, so ein Volvo ES90 im ersten Test. Nein, wir meinen nicht das Wagengewicht des stattlichen Fünf-Meter-Schiffs. Eher sinnieren wir, wo wir den Schweden-Stromer einsortieren sollen.
Fahrzeug-Deals
Formal steht hier ein Crossover mit XL-Attitüde vor uns, amtliche 1,55 Meter hoch, das Heck senkt sich mit einem deutlich "fließenden" Abschluss. Bei Volvo ist der ES als Reiselimousine gelistet.
Elektrotechnik mit 800 Volt
Dazu versprechen Eckwerte eines Supersportwagens (bis 680 PS!) wahnwitzige Fahrmanöver und Technikschmankerl wie eine Luftfederung einen Komfort à la Mercedes S-Klasse. Machen wir es uns also lieber leicht und sagen: Der ES90 ist ein ganz besonderer Wagen, ein seltener Typ.

Seinen 92 kWh großen Akku kann der Volvo dank 800-Volt-Technik im Optimalfall in 22 Minuten von 10 auf 80 Prozent laden.
Bild: Olaf Itrich / AUTO BILD
Das gilt auch für die Elektrotechnik des 90ers. 800 Volt steckt Volvo ins System, damit lassen sich auch extrapralle Akkubündel bestens beherrschen. Unser Testwagen ES90 Ultra Single Motor Extended Range verfügt über Batterien mit insgesamt 92 kWh Energieinhalt – die sich dank der hohen Spannung laut Volvo in 22 Minuten auf 80 Prozent ihrer Ladung bringen lassen.
Fahrzeugdaten
Modell | Volvo ES90 Single Motor Extended Range |
|---|---|
Motor Bauart | Synchronelektromotor |
Einbaulage | hinten |
Spitzenleistung | 245 kW (333 PS) |
Dauerleistung | 140 kW (190 PS) |
maximales Drehmoment | 480 Nm |
Vmax | 180 km/h |
Getriebe | Einganggetriebe |
Antrieb | Hinterradantrieb |
Bremsen vorn/hinten | Scheiben/Scheiben |
Testwagenbereifung | 255/40–285/35 R 22 V |
Reifentyp | Pirelli P Zero |
Radgröße | 8,5–9,5 x 22" |
Reichweite* | 638 km |
Verbrauch* | 16,3 kWh/100 km |
Batterieart | Lithium-Ionen |
Batteriekapazität nominal/nutzbar | 92/90 kWh |
Ladeleistung AC/DC | 11/310 kW |
Ladezeit (10-80 %; DC-Ladung) | 22 Minuten |
Fach unter Frontklappe | Serie/27 l |
Vorbeifahrgeräusch | 65 dB(A) |
Anhängelast gebr./ungebr. | 1600/750 kg |
Stützlast | 100 kg |
Kofferraumvolumen | 424–1427 l + 27 l vorn |
Länge/Breite/Höhe | 5000/1942–2120**/1546 mm |
Radstand | 3102 mm |
Grundpreis | 71.490 Euro |
Testwagenpreis (wird gewertet) | 84.540 Euro |
In der Spitze lässt die Technik satte 310 kW Leistung beim Laden zu. Auch wir haben diese hohe Leistung am Schnelllader erreichen können, die resultierenden kurzen Ladestopps werten wir somit als größten Vorteil der Limousine.
Seine WLTP-Reichweite schafft der Schwede nicht
Allerdings: Die von Volvo versprochene Reichweite von 638 Kilometern (bei rund 15 kWh Verbrauch pro 100 Kilometer) haben wir nicht annähernd geschafft. Unser Verbrauchswert: 25,2 kWh im Durchschnitt auf unser Praxisrunde – das ergibt (bei frischen 7 Grad Celsius) etwas weniger als 400 Kilometer Aktionsradius.

Laut WLTP soll der ES90 638 Kilometer weit kommen. Bei einem Testverbrauch von 25,2 kWh/100 km sind es nur 391 Kilometer.
Bild: Olaf Itrich / AUTO BILD
Ein weiterer kleiner Beigeschmack der hier eingesetzten Elektrotechnik: "Daheim" an der Wallbox zieht der Volvo nur mit 11 kW Leistung Strom aus der Ladebuchse. Da könnte selbst eine ganze Nacht kaum für eine komplette Füllung der Akkus reichen.
Sind die Akkus voll, ist alles gut – denn der ES90 fährt tadellos. Hinterradantrieb mit reichlich Radlast (hier sitzt auch der Motor) ermöglicht eine zuverlässige Traktion, das verstellbare Lenkgefühl passt exakt zur Liga.
In Fahrt ist es innen flüsterleise
Die serienmäßige Luftfederung (vorn und hinten wirkend) lässt sanftes Schwingen auf Bodenwellen zu, grobe Unebenheiten sortiert das Fahrwerk sauber aus, allenfalls Querfugen stoßen über die großen Räder (Testwagen: 22 Zoll) als kleine Beben in den Innenraum vor.

Bis Tempo 180 schiebt der 333 PS starke ES90 lässig voran. Beeindruckend ist der äußerst niedrige Lautstärkepegel an Bord.
Bild: Olaf Itrich / AUTO BILD
Der 333 PS starke ES legt beim Anfahren sanft und fein dosierbar ab, schiebt dann nicht explosiv, doch angenehm lässig bis Tempo 180 voran, wo er dann elektronisch abgefangen wird. Gleichzeitig geht es enorm leise zu. Die beispielsweise von uns ermittelten 61 db(A) Schalldruck bei Tempo 100 schaffen manche Kompaktmodelle bei Stadttempo nicht.
Messwerte
Modell | Volvo ES90 Single Motor Extended Range |
|---|---|
Beschleunigung | |
0–50 km/h | 3,1 s |
0–100 km/h | 6,6 s |
0–130 km/h | 10,2 s |
0–160 km/h | 15,7 s |
Zwischenspurt | |
60–100 km/h | 2,9 s |
80–120 km/h | 3,9 s |
Leergewicht/Zuladung | 2417/483 kg |
Gewichtsverteilung v./h. | 0,923076923076923 % |
Wendekreis links/rechts | 12,4/12,4 m |
Sitzhöhe | 645 mm |
Bremsweg | |
aus 100 km/h kalt | 36,2 m |
aus 100 km/h warm | 33,7 m |
Innengeräusch | |
bei 50 km/h | 53 dB(A) |
bei 100 km/h | 61 dB(A) |
bei 130 km/h | 66 dB(A) |
Verbrauch | |
Sparverbrauch | 18,0 kWh/100 km |
Testverbrauch Durchschnitt der 155-km-Testrunde (Abweichung zur WLTP-Angabe) | 25,2 kWh/100 km (+54 %) |
Sportverbrauch | 33,0 kWh/100 km |
CO2 (lokal) | 0 g/km |
Reichweite | 391 km |
Sehr gute Sitze mit viel Halt vorn und die herausragend üppige Beinfreiheit im Fond runden dann das Wohlgefühl ab. Vom nicht eingehaltenen Reichweiten-Versprechen abgesehen, fassen wir den ES90 an dieser Stelle so zusammen: ein Reisedampfer mit Top-Manieren! Zumal der große Schwede auch beim Ausweichen sehr fahrstabil bleibt und vom ESP bestens eingenordet wird, in der Bremsprüfung (33,7 Meter aus 100 km/h) eine tolle Sicherheitsleistung zeigt.
Nicht alles passt im Innenraum
Doch dann sind da Anlagen, die unflätig an der guten Bilanz des ES schaben. Der quietschende Sockel des Fahrersitzes zum Beispiel oder die haptisch mäßig rückmeldenden Lenkradtasten. Auch der erhöhte Boden (darunter in großflächiger Stapelung: die Akkubündel) und die daraus resultierende Sitzposition stört Passagiere in der zweiten Reihe. Der Dachraum wird dort nämlich knapp, derbere Schuhe passen kaum unter die Vordersitze.

Fein und funktional: große Ablagen und Displays, gute Verarbeitung – ein Platz zum Wohlfühlen. Aber der elektronische Rückspiegel ist nicht optimal.
Bild: Olaf Itrich / AUTO BILD
Den Fahrer stressen derweil andere Dinge: Benötigt er zum Beispiel eine Lesebrille, nützt der elektronische Rückspiegel (Darstellung des rückwärtigen Verkehrs per Videoaufnahme) nichts. Auf "echte" Bilder umgeschaltet, wird's kaum besser – nur ein sehr kleiner Bereich an den Kopfstützen vorbei erlaubt einen Blick auf den Bereich hinter dem sehr unübersichtlichen Auto.
Weitere kleine Schrullen: Die weit aufschwenkenden Türen sind beim Schließen aufgrund der Anordnung des Innengriffs nur unter Turnübungen zu erreichen, und das Bedienkonzept (allein das Verstellen der Außenspiegel benötigt im ungünstigsten Fall sieben Schritte) über den Touchscreen will sehr sorgfältig erlernt sein.
Wertung Volvo ES90 Single Motor Extended Range
Kategorie | Bewertung / Beschreibung | Punkte |
|---|---|---|
Karosserie | Viel Beinfreiheit im Fond, große Heckklappe. Türschließung unergonomisch, Kofferraum klein. | 3,5 / 5 |
Antrieb | Die Spitzenleistung ist nicht spürbar, dennoch souveräner Antrieb, One-Pedal-Driving möglich. | 4 / 5 |
Fahrdynamik | Schweres Fahrgefühl, untersteuerndes Verhalten, sehr sicher abgestimmt, leichtgängige Lenkung. | 3,5 / 5 |
Connected Car | Google-Verknüpfung sehr gut, nicht alle Fahrzeugsysteme mit Sprachassistent verknüpft. | 4,5 / 5 |
Umwelt | Testverbrauch deutlich über WLTP, schweres und großes Fahrzeug, in Teilen nachhaltige Produktion. | 3,5 / 5 |
Komfort | Luftfederung souverän, Abrollverhalten spröde, Sitze sehr gut, sehr niedrige Fahrgeräusche. | 4 / 5 |
Kosten | Kaufpreis sehr hoch, dafür umfangreich ausgestattet. Drei Jahre Garantie, stabile Wertprognose. | 3 / 5 |
AUTO BILD-Testnote | 1,6 |
Genug geschimpft. Hier kommt der Ausgleichs-Lobgesang: Die aufpreispflichtige Multimediaanlage von Bowers & Wilkins bietet erstklassigen Hörgenuss, Details wie die gedämpft absenkende Mittelarmlehne der Fondbank oder die edel arrangierten Oberflächen im Cockpit vermitteln ein genauso hochwertiges Gefühl wie das sauber gezeichnete Head-up-Display.
Ein Lademeister ist der ES90 nicht
Beeindruckt hat uns zudem die (auf Tastendruck) schnelle und hilfreiche Absenkung des Hecks zum bequemeren Beladen. Achtung: So richtig viel Sperrgepäck fasst der große Volvo nicht. Ab 424 Liter Ladevolumen sind für diese Liga bescheiden.

Alles andere als üppig: Unter die große Heckklappe passen zwischen 424 und 1427 Liter. Auch die Zuladung ist mit 483 Kilo eher gering.
Bild: Olaf Itrich / AUTO BILD
Auch die Zuladung sollte höher liegen, wir haben bei einem Leergewicht von 2417 Kilogramm nur 483 Kilogramm ermittelt. Und trotz der ebenso praktischen wie riesigen Heckklappe stört eine fast acht Zentimeter hohe Innenladekante.
Der große Volvo geht ins Geld
Ab 83.490 Euro kostet der ES90 in der Linie Ultra – da ist dann allerdings bis auf die tolle Hi-Fi-Ausstattung alles dabei. Zusätzlich muss man für die 22 Zoll großen Räder noch Aufpreis bezahlen, das wären dann weitere 1050 Euro.

Bild: Olaf Itrich / AUTO BILD
Auch Leasing lockt kaum, Volvo verlangt 945 Euro pro Monat (Laufzeit 36 Monate, keine Anzahlung, 10.000 km/Jahr). Wer den feinen ES90 also ernsthaft in Betracht zieht: Das wird ziemlich schwer – fürs Konto.
Fazit
Die 800-Volt-Technik verheißt große Reichweite bei kurzen Ladestopps – zumindest in unserem Test fährt der ES90 dem Kilometer-Versprechen aber hinterher. Dafür läuft der große Schwede komfortabel und sehr leise, bietet viel Sicherheit und Luxus. Das Bedienkonzept muss man erlernen – und mögen. AUTO BILD-Testnote: 1,6
Service-Links



















